Es ist eine Menge los zurzeit im Ruhrgebiet – Kulturhauptstadt 2010 allerorten. Der Folkanteil bei den Konzerten ist allerdings minimal. Witten machte da eine löbliche Ausnahme und bescherte uns am Freitag einen angenehmen Abend mit vier recht unterschiedlichen, interessanten Formationen.
Das kleine Festival stand im Zeichen der ‚Local Heroes’ – Woche, die den einzelnen Kommunen Raum gibt, Musiker aus den eigenen Mauern mal in größerem Rahmen vorzustellen. Durch Zuschüsse und Sponsoren war es möglich, das fast vierstündige Programm für schlappe 5 Euro Eintritt zu erleben. So was geht, wenn man eine engagierte Frau wie Lilo Dannert hat, die als Folkclub-Vorsitzende und Ratsmitglied Dinge in Bewegung bringt.
Der Veranstaltungsort am ‚Haus Witten’ ist schon etwas Besonderes. Das frühere Rittergut oberhalb der Ruhr wurde im Krieg beschädigt, sehr gelungen restauriert und mit modernen Bauelementen ergänzt. Mittelalterromantik wollte sich aber nicht so recht einstellen, da das Gelände direkt an einer viel befahrenen Bahnlinie liegt. Das ist eben Ruhrgebiet – realitätsnah. Die Bühne, die für den ‚Kultursommer’ installiert wird, bietet massig Platz und sogar ein festes Dach. Musikers Traum sozusagen. Die Gastronomie ist ohnehin in einem Teil des Gebäudes vertreten und machte ansprechende Angebote.
Das Programm zeichnete sich durch einige Vielseitigkeit aus, nicht nur, was die Schwerpunkte der einzenen Acts anging. Alle vier verwendeten Elemente aus verschiedenen Bereichen, vielleicht am augenfälligsten beim Duo Stephen’s Green. Hier haben sich ein ‚Rocker’ und ein ‚Folkie’ zusammengetan, an ihren Gitarren unschwer zu unterscheiden. Bernd und Thilo machen bereits seit 1984 gemeinsam Musik, sozusagen als die netten Folksänger von nebenan. In ihrem Repertoire waren einige Klassiker zu hören. From Clare to Here oder Dirty Old Town, mit Herz und Engagement gesungen, waren das Richtige zum Warmwerden. Mit ‘Local Heroes’ sind sicher in erster Linie Leute wie sie gemeint, die Live-Musik vor Ort einfach aus Spaß daran am Leben erhalten.
Frank Baier aus Duisburg ist sowas wie ein Urgestein der regionalen Folkszene und war auch im letzten Jahr dabei. Diesmal präsentierte er sich mit Arne Wagner am Kontrabass, der nicht nur virtuos, sondern auch witzig Akzente setzte. Es wird nicht viele Sänger geben, die im gleichen Song Harfe und Bluesharp einsetzen („die Reise”) und danach zu Akkordeon oder Ukulele wechseln. Baier Kontra Bass zeigten, dass man als Liedermacher deutscher Sprache nicht unbedingt dröge melancholische Weisen zur Gitarre singen muss. Die Texte waren teils poetisch („Tanze das Leben“), teils bodenständig. „Baby, bitte schieß mir nicht im Knie“ in einer Skiffle-Nummer kann halt nur aus dem Ruhrpott kommen.
Noch nicht lange zusammen sind Baleadenn, ein Trio, das gesamtkeltische Musik spielt, sich aber nicht auf dieses Genre einengen lässt. Jonas an der Fiddle, Jens an diversen Flöten und spanischem Dudelsack sowie Thomas an der Gitarre und Mandola zeigten sich als hochklassige Instrumentalisten. Die Tunes kamen aus Irland, der Bretagne oder auch Galizien. „Unten am See“, ein eigener Song zur Umweltverschmutzung, überraschte mit cleveren Disharmonien. Das westfälische Anti-Liebeslied „Es soll sich der Mensch..“ hätte ich gewiss von ihnen nicht erwartet. An Mighty Quinn einen Shetland-Reel zu hängen, war noch so eine nette Idee.
Kurz vor Zehn begann mit Celtic Voyager der rockige Teil des Abends. Das Wittener Sextett hat erst im Frühjahr seine öffentliche Premiere erlebt. Die Mitglieder bringen offenbar reichlich Banderfahrung mit, sonst wäre ihr runder, druckvoller Gesamtsound nach so kurzer Zeit nicht möglich. Dabei standen neben der Rhythmusgruppe Fiddle, Keyboard oder Akkordeon im Mittelpunkt. Zu hören waren neben Keltischem Anklänge an Siebziger-Jahre-Rock ebenso wie eine Prise Blackmore’s Night. Ohne die Leistung der Instrumentalisten schmälern zu wollen – mit Stella Kühn hat die Band eine herausragende Sängerin. Ihr wäre zu wünschen, dass sich das Repertoire über die viel gehörten Dubliners-Standards hinaus zu originellerem Material hin erweitert. Bei Follow me up to Carlow war ja zu erkennen, dass genug eigenständige Ideen vorhanden sind. Leider hatte die Band mit Tontechnik – Abstimmungsschwierigkeiten zu kämpfen, die nicht in ihrer Verantwortung lagen.
Außerhalb des heimischen Raums werden Celtic Voyager beim Burgberg-Festival im Juli als Vorgruppe der Mahones antreten. Die erste CD wird im September präsentiert.
Man saß an blumengeschmückten Tischen, manche konnten die Bühne vom Liegestuhl aus im Blick behalten. Die Stimmung an dem schönen Sommerabend war sehr entspannt, so dass der Beifall eher verhalten blieb. Spaß gemacht hat’s trotzdem. Wegen der innerstädtischen Lage musste das Konzert recht früh zu Ende gehen. Als letzte Zugabe ließen Celtic Voyager den Abend in einem ruhigen Duett mit Gesang und akustischer Gitarre ausklingen.
Für das kommenden Jahr ist ein zweitägiges Festival an gleicher Stelle angedacht. Dann sollte man im Innenhof besser einige zusätzliche Klappstühle bereithalten.
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