Profolk 25 Jahre – Mediengespräch

Veröffentlicht von kuec am 8. Dezember 2009

Profolk_neuIm November war ich zu Besuch in der musikalischen Nachbar-Nische, bei den organisierten Folk-Leuten. Die Keltenrocker sind schließlich nicht die einzigen, die einer „formatuntauglichen Randgruppenmusik“ anhängen. Zwischen kommerzieller Massenware und öffentlich geförderter Hoch-Kultur fällt noch einiges mehr durch den Rost. Die mediale Missachtung aktueller Musikformen, die das Lebensgefühl ihrer Macher- und HörerInnen ausdrücken, wird in der akustischen Szene ebenfalls als Ungerechtigkeit empfunden. Die Szene lebt hier wie dort vom unbezahlten Engagement, dem allerdings Grenzen gesetzt sind.


25 Jahre Profolk


Nach dem Abklingen der ersten großen Folkwelle der Siebziger hatten sich zwei Dutzend Leute zusammengetan, um 1984 einen deutschen Dachverband für Folkmusik zu gründen. Profolk sollte Lobbyarbeit und Vernetzung betreiben. Der Verband vergibt jährlich den Förderpreis Ruth, ist auf Festivals, Messen oder im Deutschen Musikrat  vertreten. Die Gesichter im Vorstand wechselten, Bedarf für die Leistungen des Vereins ist aber ohne Zweifel weiterhin gegeben.
In Berlin fand in kleinerem Rahmen das Jubiläums-Treffen statt. Ich war als Gründungsmitglied eingeladen, obwohl ich dem Verband nicht mehr angehöre, und habe das Fähnchen für unser Fanzine hochgehalten.

Es gab zwei tolle Abendkonzerte, allerdings mit komplett un-keltischem Programm. Das war wohl kein Zufall: die Irlandfreunde haben bei einigen Folkies keinen guten Ruf, sie gelten als borniert und einseitig. Aus der Besetzung der 14 Acts könnte man übrigens den Schluss ziehen, dass die Folkleute bei der Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern ungefähr eine Generation weiter sind als Keltenrocker.
Fotogalerie von den Konzerten.

Profolk steht auf drei Füßen: neben Folk werden auch die Sparten Lied und Weltmusik vertreten. Der Einsatz für kulturelle Toleranz und Völkerverständigung ist in der Satzung festgeschrieben. Die multikulturelle Ausrichtung soll das „Schmoren im eigenen Saft“ verhindern und den Bezug zur sozialen Wirklichkeit der Bundesrepublik herstellen, die  – gerade in Berlin – ohne Migranten und importierte Musikkultur nicht mehr denkbar ist.

Die Dreiteilung ist zwar sinnvoll – Bündelung von unterschiedlichen, aber ähnlich gelagerten Interessen – bringt aber auch Probleme. Wer Weltmusik hört, interessiert sich nicht unbedingt für Liedermacher und umgekehrt.
Die gleiche Drittelung vertritt das Magazin Folker. Die Zeitschrift, die sich aus kleinen Anfängen zum Hochglanzmagazin mauserte, ist Profolk seit langem in guter Zusammenarbeit verbunden.

Die Lage der Folkszene stellt sich je nach Region recht unterschiedlich dar. Das Alpenland zehrt ohnehin von einer positiven Einstellung zu traditioneller Musik. Die Nähe zu Österreich und dem Balkan bringt weitere Einflüsse. Im Osten ist das politische Lied noch aus DDR-Zeiten stark, als es von Oppositionellen eingesetzt wurde. Nur in wenigen Gegenden gelang es so gut wie in Schleswig-Holstein, politische Akzeptanz auf kommunaler und Landesebene zu finden, was sich etwa in der breiten Unterstützung für das Festival Folk Baltica zeigt. Profolk hat überall Regionalkontakte als Ansprechpartner, die wiederum vernetzt sind.

Unausgesprochen ist klar, das Folk immer noch für akustische Musik steht. Allein der eine oder andere E-Bass wurde gesichtet. In anderen Ländern ist diese Gleichsetzung wohl weniger eindeutig.

chelsea radio


Mediengespräch


Nach der ersten Gesprächsrunde auf dem Festival Rudolstadt im Juli fand bei Profolk in Berlin das 2. Mediengespräch statt. Es diskutierten unter der Moderation von Willi Rodrian: Johannes Theurer (Funkhaus Europa), Maria Bruckbauer (Musikagentur), Katrin Wilke (Radio multicult 2.0), Holger Saarmann (Liedermacher), Jens-Peter Müller (Festivaldirektor, Musikagentur) und Michael Kleff (Magazin Folker).
Es ging um die Frage, wie Folk, Lied, Weltmusik derzeit in den großen und kleinen Medien vertreten sind.

Vielfach kam der Alltagsfrust zum Ausdruck. Da wurde zunächst die bekannte Klage geführt, dass die öffentlich-rechtlichen Radios Folk in die Nachtstunden und Minderheitenkanäle verbannen, sofern die Sendungen nicht ohnehin eingestellt worden sind. Programme in kleineren Privatradios sind da nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Das Medium Radio ist aber nicht nur für Hörer, sondern auch für Konzertveranstalter bedeutsam. Wenn es passt, kann eine gut platzierte Sendung ausverkaufte Konzerte bedeuten.
Holger Saarmann konnte aus der Musikerperspektive ergänzen, dass es nicht leichter geworden sei, mit akustischer, deutschsprachiger Musik Aufmerksamkeit zu finden. Maria Bruckbauer merkte an, dass auch im e-mail-Zeitalter persönliche Kontakte bei der Künstlervermittlung gefragt seien.

Fernsehen und überregionale Zeitungen wurden so gut wie nicht erwähnt. Allein die taz konnte mit einem Bericht über La Brass Banda punkten.

Die frei zugängliche Musik im Internet (youtube, myspace) mache es nicht unbedingt leichter, Kontakt zwischen Hörern und Musikern herzustellen. Es gebe zwar eine unübersehbare Fülle, aber niemand blicke mehr durch. Viele zögen sich auf Bekanntes zurück: „klingt wie“ –Empfehlungen verhießen mehr vom Gleichen.

Hier wurde die Rolle der Medienmacher gesehen: als die vertrauenswürdigen Leute, die auswählen, vorschlagen und auch begeistern können, sozusagen als Reiseführer im Musikdschungel.

Die Verlagerung des Informationsaustausches ins Internet wurde dabei überwiegend als Gefahr gesehen. Vor allem Michael Kleff, Profi-Journalist, beklagte Oberflächlichkeit im Zuge der „Wiki-Pedisierung“ und Vermengung von Interessen. Ein Magazin habe kritische Distanz zu wahren. Schlechte Produkte sollten nicht aus falscher Rücksicht „schön“ geschrieben werden.

Dass das Internet auch große Chancen biete, wurde von einer jungen Frau aus dem Publikum angemerkt. Die Podiumsteilnehmer mochten sich nicht recht für das Web 2.0 begeistern.

Der von mir angefragte Blick in die Zukunft fiel etwas knapp aus. Eine Vision war nicht im Angebot. Die Medienlandschaft, speziell das Radio, befinde sich im Umbruch, meinte Johannes Theurer. Man war sich einig, dass ein weiteres Mediengespräch auf dem Festival in Rudolstadt stattfinden solle.

Am gleichenTag fand auch eine Gesprächsrunde zum Thema GEMA statt.


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Dieser Artikel wurde am 08. Dezember 2009 von kuec gepostet in den Kategorien Wissen. Du kannst die Reaktionen hierauf verfolgen: RSS 2.0 Feed.

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1 Reaktionen auf “Profolk 25 Jahre – Mediengespräch”

  1. wittmaso -

    Interessant geschrieben. Wäre als “Rocker” gerne mal bei der “Folk-Veranstaltung” dabei gewesen, insbesondere beim Mediengespräch. Das was man hier liest, klingt leicht nach verstaubten alten Männern, die etwas verbittert an die Vergangenheit glauben und daran festhalten wollen.

    Wirklich interessant, warte gespannt auf den zweiten Teil!

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