Die Clancy Brothers & Tommy Makem

Veröffentlicht von kuec am 13. August 2008

Clancy Brothers PulliDas Quartett, das irische Volkslieder in die Medien brachte

Vier Männer in dicken Wollpullovern, die sich die Seele aus dem Hals singen – so erschienen die Clancy Brothers vor über vierzig Jahren in Amerika im TV und auf der Bühne. Als geniale Entertainer prägten sie maßgeblich das Irland-Bild außerhalb ihres Heimatlandes. Dabei hatte keiner von ihnen eigentlich eine Musikerkarriere angestrebt.

Die Brüder stammen aus einer neunköpfigen Geschwisterschar (zwei weitere Kinder sind früh gestorben) und wachsen in dem Städtchen Carrick-on-Suir in Co. Tipperary auf. In der Familie wird, den harten Zeiten zum Trotz, viel gesungen.

Paddy der älteste, ist 1922 geboren, Tom 1924. Beide wandern gemeinsam 1947 nach Amerika aus und landen über mehreren Stationen mit diversen Aushilfsjobs in New York. Sie haben bereits Erfahrung als Schauspieler mitgebracht, treten zeitweise am Broadway auf und stellen in Greenwich Village ein eigenes Theater auf die Beine.

In der Zwischenzeit ist ihr 1935 geborener jüngster Bruder Willie, der sich später Liam nennt, herangewachsen. Er schließt sich der amerikanischen Volksliedersammlerin Diane Hamilton als Assistent an. Sie nehmen 1955 Lieder der legendären Sängerin Sarah Makem in Antrim/Nordirland auf. Liam freundet sich dort mit deren zwei Jahre älterem Sohn Tommy an. Im folgenden Jahr gehen die beiden über den großen Teich. Sie haben ebenfalls schauspielerische Ambitionen und Liam verspürte wenig Neigung, in die Versicherungsagentur seines Vaters einzutreten.

Paddy und Tom versuchen in der Zeit, sich mit dem Singen ein Zubrot zu verdienen, um ihr Theater halten zu können. Sie stellen nach einiger Zeit fest, dass dies mehr abwirft als die Schauspielerei, zumal sie in Greenwich Village am Kernpunkt des musikalischen Geschehens sind. In Clubs und Coffeehouses trifft sich dort die Szene. Aufbruchstimmung liegt in der Luft, das amerikanische Folkrevival hat begonnen.

Mit Liam und Tommy steht die später so erfolgreiche Besetzung. Liam spielt Gitarre, Tommy Banjo und Tin Whistle, Paddy gelegentlich Mundharmonika. Alle vier singen solo oder mehrstimmig, und zwar mit viel Elan und Überzeugungskraft. 1956 bringen sie ein erstes Album heraus, The Rising of the Moon oder Irish Songs of Rebellion. Obwohl sie auch ernste Balladen im Programm haben, bilden die Rauf- und Sauflieder den Schwerpunkt. Das Tremolo in den Stimmen erscheint uns heute ungewohnt, die energiegeladene Darbietung aber nicht. Sie hätten so kräftig singen müssen, weil es in der Regel nur ein Mikrophon für alle vier gab, meinen sie später augenzwinkernd. Durch ihre Erfahrung mit vielen Live-Shows und den Hintergrund als Schauspieler entwickeln sie eine sehr unterhaltsame, humorvolle Präsentation. Der drollige Akzent tut ein Übriges. Ihr Manager Marty Ehrlichmann  hat außerdem sofort erkannt, dass sich die von Mutter für den kalten New Yorker Winter geschickten irischen Pullover bestens als Markenzeichen eignen.

Der Durchbruch kommt 1961 mit einer Einladung ins Fernsehen zur renommierten Ed Sullivan – Show. Ein anderer Act hat abgesagt, so dass den Clancy Brothers 16 Minuten zur Verfügung stehen. Ihr Auftritt vor 50 Millionen Zuschauern wird zu einem phänomenalen Erfolg. Sie sind jetzt landesweit bekannt und haben bald einen Plattenvertrag mit Columbia Records inklusive sattem Vorschuss in der Tasche. Bis zum ersten Auftritt in der Carnegie Hall dauert es nicht lange. Rund 50 Schallplatten, zahlreiche TV-Auftritte und Tourneen auf beiden Seiten des Atlantik sowie in Australien folgten.  Im Weißen Haus singen sie vor Präsident Kennedy.

Das Verhältnis zwischen Iren und Amerikanern war nicht immer konfliktfrei gewesen. Die Masseneinwanderung im 19. Jhdt. hatte Spannungen erzeugt. Die Bühnen-Iren, die Anfang des 20. Jahrhunderts kitschige Songs von irischen Mädchen sangen, hatten kein sehr vorteilhaftes Bild abgegeben. Jetzt sind die Iren wieder da: authentisch, kraftvoll, mit einer Menge so noch nie gehörter Songs. Sänger des amerikanischen Revivals, an erster Stelle Bob Dylan, hören sich bei den Clancys einiges ab. Umgekehrt nimmt das Quartett amerikanische Einflüsse, etwa von den Weavers oder dem Kingston Trio auf. So werden sie die erste irische Folkgruppe, zu deren Selbstverständnis das professionelle Entertainment gehört.

Nicht nur die Amerikaner sind begeistert: die Ausstrahlung der Clancy Brothers – Sendungen in Radio und Fernsehen löst in Irland Euphorie aus. Die eigene Volksmusik ist wenig angesehen, gilt vielfach als rückständig. Die Puristen sind zwar unglücklich über den neuen massenkompatiblen Stil, können den Trend aber nicht aufhalten.”Brennan on the Moor” war eine melancholische Räuberballade mit Dutzenden von Strophen gewesen. Die Clancys streichen diese auf vier zusammen und unterlegen sie mit einem Galopprhythmus.

„Wir wussten, dass wir etwas Neues etabliert hatten, eine neue Art, die alten Lieder zu singen”, schreibt Liam Clancy später. Ihr erstes Konzert in Dublin 1963 wird ein Triumph. „Sie haben den irischen Liedern die Freude wiedergegeben,” meint ein Beobachter.

Zum gewachsenen irischen Selbstwertgefühl passt der „Balladen-Boom”, der nicht zuletzt die Dubliners erfolgreich macht. Liam freundet sich mit Luke Kelly an, man tauscht gerne Songs aus.
Auch in Großbritannien sind die Auswirkungen zu spüren. „Sie öffneten eine Tür, von der niemand auch nur wusste, dass sie existierte.” (Bill Smith, Sänger der Corries aus Schottland, über die Clancy Brothers)

Clancy Brothers

Die Gruppe tourt und nimmt weiter fleißig Alben auf, Spannungen bleiben aber nicht aus. Liam Clancy fühlt sich von seinen großen Brüdern nicht für voll genommen. Die Lieder mit den Mitklatsch-Refrains werden immer beliebter, die gesanglichen Feinheiten, an denen man gefeilt hat, gehen unter. 1969 verlässt Tommy Makem die Gruppe. 1975 schließt er sich mit Liam zu einem Duo zusammen, das bis 1988 recht erfolgreich aktiv ist. Makem ist auch als Solist und mit dem populären „Four Green Fields” (1967) als Liedermacher erfolgreich.

Die übrigen Clancys machen in wechselnden Besetzungen weiter. Geschickt nehmen sie auch neuere Songs wie „Streets of London” in ihr Repertoire auf. Gäste sind u.a. der englische Shantysänger Louis Killen, die beiden Furey-Brüder oder Pete Seeger, Urgestein des amerikanischen Revivals.

Tom Clancy ist in den 70ern und 80ern als Schauspieler in bekannten TV-Serien zu sehen. Paddy kauft mit seiner Frau eine Farm bei Carrick-on-Suir und züchtet Rinder. Auch Liam kehrt schließlich zurück nach Irland und betreibt in der Nähe von Waterford ein Studio. 1984 kommt es zur Aussöhnung und einer kleinen Reunion-Tour.

Die letzte Formation mit Tom, Paddy, Bruder Bobby, der schon bei der Gründung kurz dabei gewesen war, und Neffe Robbie O’Connell nimmt 1996 noch ein Abschieds-Album auf.

Tom, Paddy, Bobby, aber auch Tommy Makem sind inzwischen verstorben. Allerdings ist die nächste Generation inzwischen in ihre musikalischen Fußstapfen getreten: Liams Sohn Donal ist Mitglied der Gruppe Danu, drei Makem-Brothers leben und spielen in den USA.

Liam Clancy veröffentlicht 2002 bei Virgin Books seine Autobiographie, die mit vielen Details und Anekdoten seine Zeit in Irland und Amerika lebendig werden lässt: Memoirs of an Irish Troubadour.

Von zwei jüngeren Musikern begleitet, tritt er heute immer noch auf.

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