Pascal Briggs – Erdbeben im Studio und Verwicklungen auf der Bühne
von Roisin Dubh
Ute:
Hallo Pascal, vielen Dank, dass Du Dir Zeit für das Interview nimmst. Auch wenn es von der Chronologie vielleicht etwas unstrukturiert ist muss ich einfach mit
der Frage beginnen, die mich am meisten Interessiert:Du warst vor kurzen in den USA und hast mit verschiedenen Musikern zusammen gespielt. Wie kam Deine Reise zustande und wie hat es Dir gefallen?
Pascal:
Hi Ute, es gab schon letztes Jahr Bemühungen seitens eines amerikanischen Veranstalters mich in die Staaten zu holen, dieses Jahr hat es endlich gepasst. Er konnte mir rund um das von ihm mitveranstaltete Soundfest in Seattle eine kleine Tour zuschustern, überwiegend an der Westküste der USA. Auf dem mehrtägigen Soundfest hatte ich die Gelegenheit für grossartige Bands wie die Swingin Utters und die Stiff Little Fingers zu eröffnen, drumherum gab es ein paar kleinere Konzerte z.B. mit Drag The River in Portland und ein freudiges Wiedersehen mit Sean Wheeler & Zander Schloss in Olympia. Dann gings für mich weiter auf Tour mit meinen alten Kumpels von den US Bombs, die ich ja schon seit den 90ern kenne, und diese hat mich dann durch Idaho und Nebraska und durch weite Teile von Californiens bis runter nach San Diego an der mexikanischen Grenze geführt. Und ich hatte großes Glück meinen alten Freund Johnny Falcon, den ehemaligen Tourmanager der Briefs, als Fahrer und Begleiter an meiner Seite zu haben. Er konnte mir auf den langen Strecken durch die Wüste viel über Land und Leute erzählen, vor allem zur Geschichte der amerikanischen
Ureinwohner und auch den Redwood Forest hat er mir gezeigt. Einmal wären wir fast in einen Baby Tornado hineingefahren, so was sieht man als Europäer nicht alle Tage.
Ute:
Gibt es Unterschiede zwischen dem amerikanischen und dem deutschen bzw. europäischen Publikum?
Pascal:
Ich hab ja in Europa relativ viel getourt, auch in Ländern wie Spanien, Italien und Frankreich, in denen die englische Sprache ja generell nicht so geläufig geschweige denn populär ist. Da ist es in England oder eben den USA schon einfacher die Menschen direkt zu erreichen, speziell wenn ich alleine unterwegs bin, mit dieser wenig tanzbaren und doch eher lyrisch orientierten Singer/Songwriter Musik.
Ute:
Du hast u.a. mit Sean Wheeler und Zander Schloss zusammen gespielt und mit den beiden ist ja auch ein Split-Album entstanden, das gerade Album des Monats bei
celtic-rock.de geworden ist. Ich kenne Sean noch aus seiner Zeit mit Throw Rag. Ich glaube ihr habt viel gemeinsam?
Pascal:
Throw Rag waren mir von den “Old Scars and Upstarts” compilations bekannt, die ja Duane Peters, der Sänger der US Bombs, in den Jahren um die Jahrtausendwende zusammengestellt hatte und auf denen auch Bands vertreten waren bei denen ich damals gespielt hatte. Jetzt habe ich durch den persönlichen Kontakt mit Sean noch mehr Zugang und bedauer es sehr, sie nie Live gesehen zu haben, da sie ein unglaublich energetischer Act gewesen sein müssen! Und ja, Sean und ich teilen einiges…z.B. eine Rude Boy Vergangenheit und die Liebe zum Reggae. Aber auch darüber hinaus sind wir gute Freunde geworden. Er ist ein außergewöhnlich interessanter Mensch, der mit einer großen Wachheit und einer bemerkenswerten Beobachtungsgabe durch die Welt und das Leben geht. Und natürlich ein unglaublicher Entertainer, nicht nur auf der Bühne…ein großer Junge…und ein großer Poet!
Ute:
Wie genau kam es zur Zusammenarbeit?
Pascal:
Irgendwann kam aus heiterem Himmel eine Mail von Sean Wheeler: “Hey, denkst du es wäre eine gute Idee mit mir und Zander Schloss auf Tour in Europa zu gehen?” Ich habe keine Minute gezögert, um mitzuteilen, dass ich das für eine sehr gute Idee halte! Zander Schloss war mir durch seine Zusammenarbeit mit Joe Strummer, Die Hunns und als Mitglied der Circle Jerks ohnehin ein Begriff. Aber wir hatten uns bis dahin nie persönlich kennen gelernt. Sean hatte lediglich mein Album “The Mercenary” in den USA in die Finger bekommen, und es hat ihn scheinbar sehr beeindruckt…und letztendlich zu dieser Mail bewogen. Wir hatten aber alle direkt ein gutes Gefühl. Möglich wurde das ganze jedoch erst, als auch meine Agentur in Deutschland grünes Licht für dieses exklusive, aber doch in Europa nicht unbedingt massen-kompatible, Tourpackage gegeben hat. Zusammen mit Muttis Booking haben wir dann die fast einmonatige Tour im Februar auf die Beine gestellt.
Ute:
Ich ärgere mich immer noch, dass ich damals keine Zeit hatte eins der Konzerte zu besuchen. Wie ist die Tour gelaufen und wie war das Feedback vom Publikum?
Pascal:
Es war für alle Beteiligten etwas ganz besonderes, die beiden waren zwar schon mit ihren jeweiligen Bands hier, aber noch nie als Duo. Auch für die Stokers war es die erste Tour, davor gab es nur einige wenige Gigs. Die Besucherzahlen waren deshalb auch oft unterschiedlich, denn so ein exotisches Package muss man dann ja auch erst mal “verkaufen”. Allerdings hatten alle Konzerte eines gemeinsam: egal ob es jetzt 20 oder 120 Besucher waren, wir haben jeden Abend Begeisterungstürme erfahren und auffällig oft gehört, es sei das beste Konzert seit langem, oder sogar jemals, gewesen! Und obwohl wir die Amerikaner erst bei ihrer Ankunft kennen lernten, war es auch untereinander sofort ein guter Vibe. Das überträgt sich dann wohl auch auf die Bühne, und vor allem das gemeinsame Musik machen mit diesen beiden Originalen gegen Ende der Shows war für uns etwas sehr besonderes. Wir standen bei der Zugabe zu siebt auf der Bühne und haben ordentlich was losgemacht.
Ute:
Plant ihr weitere gemeinsame Tourneen / Projekte?
Pascal:
Bei meinen beiden Solo Auftritten im Spätsommer in Los Angeles hat Zander Schloss mich dann auch bei ein paar Songs mit seiner Bouzouki begleitet, das ist eine Art Laute, die überwiegend in der griechischen und irischen Musik zum Tragen kommt, und einen wunderschönen Klang hat. Und da ich einige Tage in der Gegend war, konnte ich im Ultrasound Studio in Downtown LA zudem noch ein paar Aufnahmen machen, an denen auch Zander beteiligt war. Es war übrigens das erste Mal, dass ich wegen einem Erdbeben die Session unterbrechen musste! Es gibt auch eine Idee zu einer gemeinsamen Tour mit Chip Hanna und Sean & Zander in den Staaten, aber terminlich ist da noch nichts in trockenen Tüchern. Ich würde es aber auch sehr begrüßen, wenn sie recht bald nochmal den Sprung nach Europa wagen. Ich hoffe ich plauder nicht zu viel aus, wenn ich verrate das Sean Wheeler & Zander Schloss grade an ihrem zweiten Album arbeiten…da darf man gespannt sein! Wir sind also in Kontakt und es würde mich sehr wundern, wenn sich die Wege nicht auf die ein oder andere Art wieder kreuzen würden.
Ute:
Deine eigene Musik ist ja unglaublich vielseitig und ein Mix etlicher Stilrichtungen, was hörst Du denn privat am liebsten?
Pascal:
Das variert sehr, ich habe keine eigene Plattensammlung mehr und höre eigentlich nicht allzu viel Musik. Oft ist es das, was ich auf meinen Reisen aufschnappe, und an manchem bleib ich dann eben hängen. In Seattle bin ich auf Roky Erikson’s Album “The Evil One” von 1981 gestossen, pure genius…. und der Wiener Songwriter Antcar hat mir vor kurzem den rudimentären Blues von R.L. Burnside nähergebracht. An aktuellen Bands begeistern mich vor allem The Devil Makes Three, die ja Anfang 2012 zum ersten Mal nach Europa kommen sollen, und auch das Debut Album von Nathan Maxwell & The Original Bunny Gang begleitet mich seit unseren gemeinsamen Konzerten im letzten Jahr beständig. Die frühen Black Sabbath habe ich auch für mich wiederentdeckt…aber zum Entspannen darf es auch eher mal was ruhiges, instrumentales sein, z.B. von Giora Feidman.
Ute:
Ich finde es immer ziemlich interessant von welchen Bands sich Musiker beeinflussen lassen. Wo liegen Deine musikalischen Wurzeln?
Pascal:
In meiner Kindheit war ich vor allem von klassischer Musik umgeben, von der meine Mutter sehr fasziniert war. Mein Vater ist in erster Linie Bob Dylan Fan, aber auch die Musik von Leonard Cohen z.B. habe ich durch ihn schon in frühester Kindheit kennen und lieben gelernt. Zum ersten Mal selber Musik für mich entdeckt, das war wohl Bruce Springsteen, kurz nachdem Born in The USA rauskam. Ich erinnere mich genau, wie ich dem Album zum ersten Mal unter den Kopfhörern lauschte…danach war nichts mehr wie es vorher war. Das war in Belgien, ich war vielleicht neun oder zehn Jahre alt, und ich denke der Boss ist Schuld daran, dass ich mir die erste Gitarre gekauft habe…eine Telecaster Kopie für 40 Mark! Aber gegen Ende der 80er kamen dann die Teenager Jahre, und da war vor allem alles an Subkultur interessant, was man zu fassen bekam, auch wenn die Bands ihre größten Tage oft grade hinter sich gelassen hatten. Meine Faible für The Pogues, The Specials oder auch The Who habe ich sehr früh entdeckt. Ich denke all diese Einflüsse, ob gewollt oder ungewollt, kann man in meiner Musik raushören…
Ute:
Wir haben uns zum ersten Mal getroffen als Du Nathen Maxwell von Flogging Molly supportet hast. War das nicht ganz schön schwierig so alleine auf der Bühne zu stehen?
Pascal:
Meinst du dieses letzte Konzert der Tour in München, als ich mich mal wieder gnadenlos in meinem Gitarrenkabel verwickelt habe? Nach all den Jahren sollte man ja meinen, ich hätte mir eine professionelle Bühnenpräsenz angeeignet! Ohne Gitarren-Tech bin ich nach wie vor mit dieser Seite der Dinge überfordert…aber ich hab in den letzten Jahren auch die Erfahrung gemacht, dass ich an einem guten Abend nur mit meiner Stimme und einer Gitarre einen ganzen Saal “gefangen nehmen” kann, und das ist ein gutes Gefühl!
Ute:
Haha, nein. Das hatte ich schon wieder völlig vergessen. Ich fand das damals auch gar nicht so dramatisch. Ich meinte mehr, dass es viel mehr “Mut” (ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort, aber mir fällt kein besseres ein) erfordert so ganz alleine vor ein Publikum zu treten von dem man, gerade wenn man Opening Act ist, nicht weiß, wie es einem gesonnen ist.
Pascal:
Das kann sehr unter Umständen sehr strange sein. Ich hab mich aber vor der Bunny Gang sehr wohl gefühlt, denn obwohl ihre Musik eher Reggae lastig ist, hat es auch hier auf einer anderen Ebene gut gepasst, denke ich. Ich hatte nichts zu verlieren und konnte sogar auch vereinzelt Leute für meine Musik begeistern und gewinnen. Nicht zuletzt haben wir uns ja auf der Tour auch kennen gelernt!
Ute:
Inzwischen hast Du eine Deine Band, „The Stokers“ im Rücken. Wie habt ihr zusammen gefunden?
Pascal: Um ehrlich zu sein ist die Band noch und wieder im Findungsprozess…Chris Brief von den unvergessenen “Briefs” ist neuer Schlagzeuger der Stokers, da Burn Harper mit seinem eigenen Studio, dem “Heizraum” in Essen, eigentlich schon genug um die Ohren hat…und schon seit dem Rebellion Festival in Blackpool im August ist ein weiterer guter Freund, Martin, der ehemalige “Frontkick” Gitarrist, an meiner Seite…genau wie Bob The Stoker und Long Shot Hooky immernoch dabei sind! Auf meiner Dezember Tour mit Honest John Plain wird es neben akustischen Gigs auch ein paar Auftritte mit den Stokers zusammen geben, eine erste Feuerprobe für das neue Line-up!
Ute:
Das klingt spannend. Wie lange bist Du denn im Dezember unterwegs?
Pascal:
Die Tour beginnt am 1.12. in Düsseldorf im Vox Club und endet am 17.12. im Archiv in Potsdam, wobei die Konzerte mit Unterstützung der Stokers vor allem die am Anfang und am Ende der Tour sind.
Ute:
Du bist ja wirklich schon weit rum gekommen, gibt es einen Ort wo Du am liebsten spielst?
Pascal:
Ich bin z.B. sehr gerne bei meinen Freunden im Baskenland! Und was Festivals angeht, gehört das Rebellion zu meinen Favoriten, die verschiedenen Venues, alle in einem riesen Gebäudekomplex, sind schon sehr besonders, mit ihrem teilweise trashigen und doch edlen Ambiente.
Ute:
Gibt es einen Ort an dem Du unbedingt einmal spielen möchtest?
Pascal:
New York gehört auf jeden Fall dazu, aber auch nach Südamerika möchte ich einmal!
Ute:
Was hältst Du von der Occupy-Bewegung? Einige Musiker, wie zum Beispiel Stef sind da ja sehr engagiert.
Pascal:
Ich denke, dass es gut ist, aufzubegehren und den Banken und Politikern Zunder zu geben. Auch wenn es, wie der Occupy Bewegung ja schon vorgeworfen wurde, an der Darlegung von Alternativen mangelt, das kapitalistische Geldsystem ist am Ende der Fahnenstange angekommen, das ist wohl kaum zu leugnen. Durch dessen Fall muss also zwangsläufig etwas Neues entstehen, je schneller, desto besser. Ich selber bin ein eher nach innen gekehrter Mensch und politisch nicht sehr engagiert. Aber ich habe mich mehr oder weniger bewusst dazu entschieden ein Leben weitestgehend ohne materialistische Werte zu führen, das heißt ich habe kein Auto, kein Haus und auch kein Geld auf der Bank. Das ist manchmal tough, aber wenigstens muss ich beim großen Crash auch um nichts bangen…
Ute: Zum Abschluss noch zwei Fragen:
Welches war Dein allererstes Album das Du besessen hast?
Pascal:
Schwer zu sagen, das ganze lief doch eher über Tapes…das erste richtige und wichtige Punk Rock Vinyl war wohl “Angels withe Dirty Faces – the rest and the best of Sham 69″ Wenn Bruce Springsteen mich dazu bewegt hat, die Gitarre in die Hand zu nehmen, dann hat mir Dave Parsons gezeigt, was man damit auch machen kann…
Ute:
Hast Du Vorbilder/ Idole?
Pascal:
Der Tod von Poly Styrene von X-Ray Spex vor kurzem hat mich ich sehr berührt, denn natürlich haben nicht nur männliche Idole meine Jugend begleitet…und wenn ich über den Tellerrand des Rock’n'Roll hinwegsehe, denke ich das mit Dennis Hopper ein grosser Freigeist und Rebell gegangen ist. Maximum Respect! Aber neben einigen unereichbaren und teilweise bereits verstorbenen Grössen wurden diejenigen, die mich in meinem eigenen Umfeld am meisten beeindrucken und somit auch beeinflussen, bereits in diesem Interview genannt. The Mighty Stef, Sean Wheeler, Zander Schloss, Duane Peters & Chip Hanna von den US Bombs, Nathan Maxwell & Honest John Plain…und dann fällt mir da vor allem noch ein grosser englischer Punk Rocker der ersten Stunde ein: TV Smith! Ich schätze mich sehr glücklich mit all diesen fabelhaften Musikern und liebenswerten Menschen Zeit auf der Bühne und darüber hinaus verbracht zu haben und hoffe noch vieles mit ihnen teilen zu dürfen.
Ute: Vielen Dank noch mal für das spannende Interview. Wir sehen uns im Dezember bei Deiner Tour.
Für alle, die Pascal Briggs live sehen möchten sind hier die kompletten Tourdaten:
01.12. Düsseldorf – Tube Club (+The Stokers)
02.12. Nijmegen, Holland – De Bijstand
03.12. Den Haag, Holland – De Vinger
04.12. Bochum – Wageni
05.12. Billerbeck – Forum Billerbeck
06.12. Mainz – Kulturcafé
07.12. Heidelberg – Café Gegendruck
08.12. Karlsruhe – Neue Hackerei
09.12. Luzern, Switzerland – Sedel
10.12. Augsburg – TBA
11.12. Nürnberg – Der Wilderer
12.12. Weiden – Toucan
13.12. Prag, Czechia – Cross Club
14.12. Cottbus – Glad House
15.12. Leipzig – Raum der Kulturen
16.12. Dresden – Chemiefabrik (+The Stokers)
17.12. Potsdam – Archiv (+The Stokers)


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