Shamrock Castle 2012
Acoustic Revolution

Christy Moore mit Declan Sinnott, Ruhrcongress Bochum, 02102011

von

Ein berührendes Erlebnis. Eine Insel der Ernsthaftigkeit in einem Meer des Flachsinns. So kann ich kurz das Konzert eines Mannes zusammenfassen, dessen Musik mich begleitet, seit ich mich dem Irish Folk zugewendet habe. Nein, Christy hat sich – von den Zuschauerreihen ausbetrachtet – kaum verändert, auch seine Stimme nicht, obwohl es lange her ist, dass ich ihn auf der Bühne gesehen habe. Seine Art, Lieder zu gestalten, das, was ihn zu einem ganz großen Künstler macht, ist über Jahrzehnte geblieben und am besten live zu erleben. Allerdings scheint ihn so ein Konzert doch recht stark anzustrengen – wen wundert’s bei einem 66-Jährigen. In einem Interview hat er gesagt, er nehme jeden einzelnen Auftritt sehr ernst, schließlich könne es immer Menschen im Publikum geben, für die grade dieser Konzertbesuch sehr bedeutsam sei. Er weiß, dass er mit seinen Liedern Vielen persönlich wichtig ist, und scheint die entsprechende Verantwortung als belastend zu empfinden, freut sich dann aber wie ein Junger über den Beifall und die gespendete Anerkennung.

 Die Halle in Bochum war im vierstelligen Bereich besetzt, aber nicht ausverkauft. Die Altersspanne des Publikums würde ich bei 25 bis 65 einordnen, mit deutlichem Schwerpunkt bei den älteren Jahrgängen. Nach dem Verlöschen der Saallichter herrschte gespannte Erwartung in den Stuhlreihen und konzentrierte Anspannung auf der Bühne. Christy verwies nach dem ersten Lied recht barsch die Fotografen vom Bühnenrand, da sie offenbar seine Konzentration störten. Blitzlicht war ohnehin verboten.

Dann ging es im großen Bogen mit wenigen Worten und vielen Liedern durch zwei sehr intensive Stunden, wie angekündigt ohne Pause. Lichteffekte gaben die einzige optische Abwechslung.  Bei Christy („I’m not a visual act“) steht das Liedmaterial im Vordergrund. Er ist ein singender Humanist, jemand, der hinter jeder Zeile Text steht, die er vorträgt. Er schien noch mal allen mitgeben zu wollen, was ihm wichtig ist. Gerechtigkeit, Kampf gegen Unterdrückung, gleich ob in Beziehungen, Gemeinschaften oder auf politischer Ebene. Er setzt sich über alle räumlichen Grenzen hinweg, singt von Kuba und dem spanischen Bürgerkrieg, schont die katholische Kirche nicht, verewigt Helden des vorigen Jahrhunderts wie Mandelas Weggefährten Steve Biko oder den Chilenen Victor Jara. Auch bei denen, die als Nachgeborene mit solchen Namen nichts anfangen können, wird die Botschaft angekommen sein: überlege dir, was wirklich wichtig ist, und kämpfe dafür.

 Sein langjähriger Partner Declan Sinnott an diversen Gitarren unterstützt ihn kongenial, jedes weitere Instrument wäre zu viel gewesen. Eine feststehende Playlist gibt es höchstens in Teilen, Christy wählt manche Lieder spontan. Von meinen Favoriten fehlt wenig, Ordinary Man, Ride On, Black is the Colour, hundert Mal selbst gespielt oder von anderen gehört, hier im Original. Bewegend und unübertroffen. Andern scheint es ähnlich zu gehen; es wird viel mitgesungen – aber leise. Dies amüsiert Christy, er nimmt es auf, es darf sogar mal ein Lied gewünscht werden. Kleine Schnitzer in Text oder Zusammenspiel werden mit Humor genommen.

Im Dunkel des Auditoriums ist es still, vereinzelte Zurufe wirken deplatziert. Allmählich löst sich die Anspannung. Gegen Ende, nach dem düsteren Well Below the Valley, kommen auch die weniger anspruchsvollen, einfach netten Songs wie Cliffs of Doneen, Lisdoonvarna oder Nancy Spain. Es gibt einen längerer Zugaben-Set. Der Zwischenruf, er möge sich Zeit lassen, morgen sei Feiertag, kontert er mit dem Hinweis auf das Konzert in Amsterdam am nächsten Abend. Auch wenn alle im Stehen applaudieren, wäre es irreführend, von standing ovations zu sprechen. Es wird nicht getobt. Man steht und klatscht Beifall, noch etwas benommen, und zollt den Respekt, der den Beiden zukommt.

Unbehelligt von irgendwelchem Merchandising verlassen wir die Halle, erlebnis- und erinnerungssatt, und freuen uns, dass wir noch mal haben dabei sein können. Der Ausfall der Pause verhinderte, dass man den ein oder anderen Bekannten noch hätte begrüßen können.

  Alle, die ihre Eindrücke mitteilen wollen, möchte ich ausdrücklich auf die Kommentarfunktion hier unten hinweisen. Also: wie war’s aus eurer Sicht?

 

Über kuec

Zwei Dinge faszinieren mich an Folk-Musik besonders: die mündliche Überlieferung mit ihren verschlungenen Wegen und der Einblick in andere Lebenswelten aus der Perspektive der Betroffenen. Neben meiner Leidenschaft für live-Musik habe ich mich immer wieder mit den Hintergründen dieser „Kultur von unten“ beschäftigt. Ich bin mit gemeinsamem Musizieren aufgewachsen. Meine Instrumente sind Geige, akustische Gitarre und E-Bass. Gespielt habe ich in Orchestern, Folk-Gruppen und Oldie-Bands. In den Neunzigern habe ich Konzertberichte für eine südwestfälische Lokalzeitung verfasst und freue mich, dem Schreiben über Musik jetzt online nachgehen zu können. Hier bei celtic-rock.de pflege ich seit 2008 die Wissens-Abteilung. Schaut doch mal bei den classics oder in unserer Bücherecke vorbei. Und nicht vergessen: keep music live!

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4 Kommentare
  1. Funkfuzzi sagt:

    Sehr treffend!
    Kleiner Mann ganz groß! Christy singt nicht einfach nur Lieder – er durchlebt sie, durchleidet sie… Hat ja auch mal gesagt, dass er sich vor Konzerten mehrere Stunden im Hotelzimmer oder sonstwo verschanzt. Immer noch dieselbe Spannung wie in den 60ern. Da verzeiht man ihm, dass es bspw am Tag der Show kein Interview gibt oder er den Fotografen wegschickt!
    Hinzufügen möchte ich, dass ich persönlich ein bisschen der Zeit der Christy-Solo-Konzert nachtrauere. Habe ihn in der Tonhalle Bonn und im Kölner Tanzbrunnen gesehen. Und bei aller großartigen Klampfkunst von Declan…noch eine Ecke faszinierender war: Christy, alleine mit seiner Takamine…
    Aber wir sollten froh sein, dass er überhaupt wieder Auftritt! Und so großartige Konzerte gibt.
    Stark fand ich auch die Widmung eines Liedes an Ronnie Drew!
    Shine on, Christy!

  2. Gerhard sagt:

    Ein sehr passender Bericht über dieses grandiose Konzert, Danke Kuec. Auch mich hat die Person Christy Moore wieder einmal beeindruckt.. Hoffen wir einmal, dass es nicht das letzte Konzert war (schließlich mussten wir auch lange auf dieses warten).
    Ich persönlich fand die Zusammenarbeit mit dem genialen Partner Declan Sinnott sehr spannend, weil seine Art Gitarre zu spielen, den Liedern einen “neuen Kick” gab. Dennoch steht und fällt natürlich ein von Christy “inszeniertes” Lied (von Singen möchte ich da nicht mehr reden) von der Dynamik in seiner Stimme.

  3. Peter sagt:

    Es war ein tolles Konzert. Nein, es gab keine Standing Ovation, kein Jubelgebrüll, sondern das, was diesen beiden Musikern der Extraklasse zustand, Beifall für einen wunderschönen musikalischen Abend, Respekt für 2 Gitarren und 2 Stimmen, die gerade wegen ihrer Unterschiedlichkeit nicht besser passen könnten.
    Wunderschöne Passagen des Mitsingens des Publikums,- wie ein weitentfernter Chor.
    Ich hätte zur zeit keine Lust irgendeinanderes Konzert zu hören als eines der beiden.
    Ein persönlicher Wunsch von mir wäre es gewesen, wenn Declan Sinott mehr als nur ein eigenes Stück dazu beiträgt. I SHALL BE RELEASED wurde gewünscht, aber nicht gehört.
    alles in allem > Grandios
    Peter

  4. Peter Busch sagt:

    Es gibt eine schöne Doppel-CD und eine DVD aus 2006 von den beiden: Christy Moore – Live in Dublin:

    http://www.amazon.de/Live-Dublin-2006-Christy-Moore/dp/B000F3T7TW/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1323157053&sr=8-1

    Sind fast beschämend billig!

    Beste Grüße
    P:B.

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