Irish Folk Festival Balver Höhle 05./06. August 2011
von kuec
In der Höhle ist umgeräumt worden: die ansteigende Zuschauertribüne war weg, die Bühne stand mit dem Rücken zum Eingang, so dass sich das Publikum im hinteren Bereich des Y-förmigen Gewölbes verteilen konnte. Videoleinwände ermöglichten es, den Bands auch von draußen und im hinteren Sitzbereich zuzuschauen. Großzügig bemessene Getränkestände und stimmungsvolle Beleuchtung sorgten für einen angenehmen Rahmen. Der Donnerstag hatte mit Craic und Five Alive O eine Neuauflage des vorigen Jahres gebracht, die dem Vernehmen nach mindestens genauso gut gewesen sein muss. Beide Gruppen haben übrigens neue CDs in der Pipeline.
Freitag
Auch die eröffnende Band am Freitag, An Seisiun, war schon mehrfach zu Gast und sogar beim 1. Festival dabei. Die drei Westfalen hatten sich mit zwei Hamburgern verstärkt und konnten so einige instrumentale Vielfalt bis hin zu Uilleann Pipes bieten. Leider wurde ihr Auftritt von Mängeln im Sound beeinträchtigt – viel zu dünn und höhenlastig, und das bei einer Band mit mehreren Zupfinstrumenten und ohne Bass. Trotzdem gelang es An Seisiun, das Publikum mit vielen bekannten Songs und schönen Geigensoli anzuwärmen.
Fleadh konnten wg. technischer Probleme erst eine halbe Stunde später starten als geplant. Wie ich beim Hören ihrer CD vermutet hatte, waren sie absolut überzeugend – instrumental dicht und vielseitig, im mehrstimmigen Gesang druckvoll, woran Gastsängerin Anna Hachulla erheblichen Anteil hatte. Neben den Klassikern Ride On und Ordinary Man gefiel mir das von Sänger Saoirse Mhor geschriebene Cleggan Bay Disaster, das von einem untergegangenen Fischerboot handelt. Die Zugabe Ye Jacobites,vierstimmiggesungen undsparsam instrumentiert, zeigte noch einmal ihre Klasse.Der einstündige Auftritt war im Verhältnis zu den anderen Gruppen viel zu kurz.
Die Kilkennys haben sich seit ihren früheren Besuchen in Balve enorm weiterentwickelt. Aus einer Gruppe von Schulfreunden ist ein smartes Quartett geworden, das ein gutes Stück auf dem Weg zum internationalen Erfolg vorangekommen ist. Die vier sportlichen Burschen wandeln auf den Pfaden der Boygroups; T-Shirts wurden gegen Weste, Hemd und Krawatte ausgetauscht. Wie bei den Clancy Brothers, die sie in einer Theatershow verkörperten, sind es starker mehrstimmiger Gesang und effektvolle Arrangements, die für den Erfolg sorgen. Auch instrumental brauchen sich die Kilkennys nicht zu verstecken. Sänger Dave spielt eine rasante Mandoline und liefert sich auch mal ein Duell mit Gitarrist Robbie, wenn dieser zum Banjo greift. Mit Adam an der Bodhran und Tommy am Bass gibt es einen vollen Sound. Die Kilkennys hatten ihr Publikum bald im Griff. Arme reckten sich, beim Wild Rover wurde von vielen der gesamte Text mitgesungen.
In der Umbaupause konnten wir nicht nur ein paar Schottland-Dias auf der Leinwand anschauen, sondern im hinteren Bereich unter der Felsendecke vereinzelte Fledermäuse beim Herumflattern beobachten. Echtes Höhlenfeeling.
Mit Larkin aus Berlin wurde dann noch ’ne Schippe draufgelegt. Kraftvoller Folkrock und witzige deutsche Texte sind ihr Markenzeichen. Larkin eilt der Ruf ihres Frontmanns Attila als rasanter Teufelsgeiger voraus, den er locker bestätigte. Mit seiner sehr speziellen E-Geige (Bünde und zusätzliche Saiten sowie Körperstützen) zog er die Blicke auf sich. Der Gesang, seine zweite Aufgabe, war OK, kam aber an den instrumentalen Standard live nicht heran. Die Mitspieler, darunter ein Gast-Keyboarder, konnten in wirkungsvollen Arrangements überzeugen. Das Solo Music for a found Harmonium mit rasanten Läufen macht Gitarrist Stefan nicht so schnell jemand nach, schön auch die akustischen Tunes an der Mandola. Der Zigizazigeuner oder Reels wie Tam Linn rockten gut los, weniger erwartbar die eindrucksvolle Instrumentalversion von Paddy’s Green Shamrock Shore oder Vivaldis Winter als Fiddle-Schaustück. Es soll noch bis gegen halb Zwei gegangen sein. Hut ab für die Energieleistung.
Samstag
Thorsten, Mario und Beatrix (v.l.n.r.), die drei von Craic, haben als Lückenfüller für die Umbaupausen angefangen und sich den Platz auf der großen Bühne redlich erarbeitet. Eine ganze Menge Leute waren wohl ihretwegen am Samstag extra früh auf der Bildfläche erschienen. Zur Bundesliga-Zeit war die Höhle schon gut gefüllt und froh gestimmt. Die Fans seien hiermit noch mal auf den Bandgeburtstagsgig am 24.9. in Arnsberg hingewiesen.
Die Keltic Kats, aus dem Heimatort von Sean Reeves stammend, waren zum 2. Mal dabei. Diesmal mit dem Bassisten Thomas, der auch eine feine akustische Sologitarre spielte. Vor allem haben die Kats Joe O’Farrell, den so gar nicht stromlinienfömigen Meister des Banjos und der Querflöte, der mit seinen Soloeinlagen die Zuhörer zum Staunen brachte. Die Gruppe um die singenden Brüder Bob und Danny Grace bot solides, bodenständiges Entertainment, das man in der Saison regelmäßig in Langton’s Bar, Kilkenny, erleben kann.
Wie im Vorjahr verkürzten die 1st Sauerland Pipes and Drums mit Melodien wie The Gael die Umbaupausen. Sie bieten eine perfekte Inszenierung in allen Details.
Währenddessen stieg die Spannung auf den Top Act. Die High Kings traten in Balve zum 1. Mal vor deutschem Publikum auf. In Irland sind sie ganz groß, die Alben haben Platinstatus, die gegenwärtige US-Tour umfasst die großen Festivals. Hierzulande noch wenig bekannt, dürften sie eine Menge neue Fans gewonnen haben. Sie verbinden musikalische Familientradition, wie sie Finbarr Clancy und Martin Furey verkörpern, mit hochprofessionellem Entertainment, das Brian Dunphy als Sohn eines Sängers und Darren Holden als Mitglied des Riverdance-Ensembles von internationalen Bühnen mitbrachten.
Mit Step it out Mary/Mairi’s Wedding sprang der Funke sofort über. Es folgte eine nahezu perfekte zweistündige Show, die keinen Moment schwächelte (von kleinen tontechnischen Aussetzern abgesehen). Herausstechend war der Gesang. Jeder der Vier hat das Zeug zum Solosänger, die Lieder haben durchweg mehrstimmige Harmonien. Stark das A Capella gesungene Red is the Rose. Fields of Athenry kam ohne Schnickschnack, sehr ernst auch Green Fields auf France. Trotz der ziemlich glatten Vokalarrangements driften die High Kings nicht zu sehr ins Poppige ab. Dafür verströmen sie zu viel Energie und machen sich ihre Sache wirklich zu eigen. Außerdem ist alles 100% live und handgemacht. Stärken der instrumentalen Seite sind Martin Fureys Whistle-, Mandola- oder Banjospiel, das Darren Holden am Keyboard oder Akkordeon ergänzt. Brian Dunphy schlägt sein Bodhran mit Tempo und Elan und beherrscht außerdem die große Pose. Mit dem Irish Rover, dem Black Velvet Band und ähnlichen Klassikern knüpfen die High Kings zwar an die Clancys und Dubliners an, bringen aber eine Energie ins Spiel, die aus dem Rock-Zeitalter stammt. „Es ist wunderbar, in Deutschland zu sein“, meinte Finbarr Clancy auf Deutsch, zur Begeisterung der Höhle. Die Vier waren in ihrem Element und fühlten sich sichtlich wohl. “We want more”, schallte es ihnen lautstark entgegen.
Die High Kings legen großen Wert darauf, für ihre (vorwiegend weiblichen) Fans ansprechbar zu sein, signierten noch lange nach der Show geduldig CDs und Eintrittskarten oder ließen sich auf Tuchfühlung fotografieren. Als Belohnung gab’s mitgebrachten Bienenstich, der nicht nur gegessen, sondern auch ausgesprochen werden wollte.
Vor ihrem Auftritt beantworteten sie mir backstage ein paar Fragen, wobei sie sich nett und humorvoll zeigten.
Den undankbaren Job, nach den Superstars aufzutreten, übernahmen Na Fianna. Falls sie deswegen nervös gewesen sein sollten, ließen sie es sich nicht anmerken, sondern spielten locker und unbekümmert. Ein weiteres junges, ehrgeiziges Quartett aus Kilkenny, das auf dem Weg nach oben, d.h. nach Amerika ist. Auch hier gefiel der Gesang. Anders als die Kollegen verloren sie ein paar Worte über die wirtschaftliche Situation in ihrer Heimat, die der Auswanderung neuen Auftrieb gibt: „The Last One to leave Ireland turn the Lights out“, so ihr eigener Song.
Die Lichter in der Höhle gingen etwas früher aus als am Vortag. Gegen Mitternacht versammelte Sean Reeves die Mitglieder der verschiedenen Gruppen, um zum Abschluss Wild Mountain Thyme zu singen. Er bat um Verständnis, da es für alle ein langer Tag gewesen sei.
Wie er es geschafft habe, die High Kings zu holen? Mit seinem irischen Charme, bemerkte Sean Reeves augenzwinkernd. Das allein wird nicht gereicht haben, obwohl er mit der Location ein starkes Argument hatte. Offenbar finden die High Kings, es sei an der Zeit, den europäischen Markt aufzurollen. Sie verkündeten auf der Bühne vor über 1000 Zeugen, im nächsten Jahr wiederkommen zu wollen. Das wurde gern gehört.
Mit den High Kings gelang es in der Tat, beim 10. Festival einen Höhepunkt zu setzen, wenn sich ihr Auftritt auch nicht unbedingt im Kartenverkauf niederschlug. Die Höhle war zwar am Samstag etwas stärker besucht als am Tag zuvor, es hätten aber noch eine ganze Menge Leute reingepasst. Das Ansehen des Festivals dürfte weiter gestiegen sein. Für mich könnte die nächste Auflage gern weniger Ballad-Groups haben – so viel Wild Rover brauche ich eigentlich nicht. Irische Musik hat doch noch einiges mehr zu bieten.
Die Freude über das gelungene Wochenende wird in Balve nicht ungetrübt sein, da den Festspielverein als Träger Verbindlichkeiten im sechsstelligen Bereich drücken. So stand es in der Lokalpresse. Die Kosten waren wohl auch der Grund für den obenen beschriebenen Verzicht auf die Tribüne. Wir bleiben aber optimistisch und rechnen fest mit einer 11. Auflage des IFCMF nächstes Jahr, dann vielleicht mit At First Light, der Gruppe um Star-Piper John McSherry.
Wir halten euch auf dem Laufenden…
Fotos im Text: küc
Fotogalerie und vielfältige Unterstützung: Marc Dobrick


Mai 2012:
April 2012:
März 2012:













Hallo, ein grosses Lob für diesen Bericht!
Endlich mal ein Artikel der mit Sachverstand und Ahnung von der Materie verfasst wurde und auch noch Begeisterung und sachliche Kritik vereint!
Übrigens ist die Annahme dass der irische Charme von Sean Reeves nicht ganz gereicht haben dürfte teilweise sogar richtig.
Sie haben eigentlich nur auf die passende Gelegenheit gewartet um ihr Versprechen einzulösen, sie haben uns gegenüber noch NIE eins gebrochen. Die Jungs sind einfach genial.
Vielen Dank nochmal An Sean Reeves, er hat es schliesslich möglich gemacht!
Grüsse, Thomas & Karin (die Bienenstich Queen)