Acoustic Revolution
Shamrock Castle 2012

Interview mit den High Kings, Balve 06082011

von

Von Reizwäsche, Kartoffeln und Folkhimmeln

 Martin, Finbarr, Darren Brian (v.l.n.r.)Die Chance konnten wir uns nicht entgehen lassen. Kurz vor ihrem 1. Deutschland – Auftritt in Balve nahmen sich die High Kings ein paar Minuten Zeit für ein spontanes Interview. Es fand im Backstage – Zelt direkt neben der Bühne statt, auf der gerade die Keltic Kats ihr Bestes gaben. Die Tonaufnahme war deshalb trotz gutem Mikro nur eingeschränkt verwendbar. Ich habe mich daher entschieden, den Text übersetzt aufzuschreiben.

 Im Gespräch ist öfter von den Clancy Brothers die Rede. Da sie im Gegensatz zu den Dubliners wohl nie in Deutschland aufgetreten sind, ist ihr großer Einfluss in Irland und den USA hier weniger bekannt. Ich habe die drei Brüder, die mit Tommy Makem den Irish Folk ins TV und die großen Hallen brachte, in unserer Serie Classics vorgestellt.

Am Gespräch nahmen alle vier Mitglieder der High Kings teil, Brian Dunphy, Darren Holden, Martin Furey (Sohn von Piper Finbar F.) und Bobby Clancy (Sohn von Bobby C. aus der genannten Gruppe).

 Ihr kommt grade aus den USA. Wie läuft die Tour?

Martin: Oh, super! Wir waren bei einigen tollen Festivals.

 Warum habt ihre Eure Tour jetzt unterbrochen?

Martin: Es war Sean (Reeves), der uns hierher geholt hat. Wir hörten von der Höhle und dem tollen Irish Music Festival hier.

 Es ist also Euer erster Besuch in Deutschland?

Alle: Ja.

Finbarr: Ja, es ist unser erster Besuch und wird voraussichtlich nicht unser letzter sein. Wir hoffen wiederzukommen und eine größere Tour zu machen.

 Was brachte die Band zusammen? Haben sich Eure Familien getroffen, die Fureys und die Clancys?

Finbarr: Wir kannten uns schon lange Zeit einzeln. Die Entscheidung wurde getroffen von der Agentur Celtic Collections, Dave Kavanagh, eine Folkband zusammenzustellen. Wir wurden einzeln kontaktiert und als wir hörten, wer noch an der Gruppe beteiligt war, ergriffen wir sofort die Chance, zusammen zu spielen.

 Die Clancy Brothers kommen wieder in Mode. Das überrascht mich, weil sie vor 50 Jahren ganz groß waren. Könnt Ihr das erklären?

Darren: Ich bin nicht wirklich sicher. Aber letztendlich wird tolle Musik immer tolle Musik bleiben. Wenn jemand eine neue Mode, einen neuen Stil kreiert, ist es für immer ihrer. Die Leute aus vielen folgenden Generationen werden in jedem Feld oder Genre Klasse erkennen. Ich glaube, das ist der Grund, weshalb sich die Leute dafür erwärmen, dass es so viele Gruppen gibt, die den Clanys und anderen Tribut zollen. Es ist eine tolle Sache, es ist reelle Musik, und in den heutigen Zeiten suchen die Menschen etwas Reelles, woran sie sich halten können.

 Zu einer Zeit mussten die Gruppen alle eine Sängerin als Frontfrau haben. Warum habt Ihr keine?

Brian: Ich bin die Sängerin! (alle lachen) Ich trage Reizwäsche unter meiner Kleidung!

Darren: Macht er! Stimmt! (noch mehr Lachen)

Brian: Nein, ernsthaft. Ich bin das noch nie gefragt worden, daher ist es schwer zu beantworten. Wir sind vier Typen, die ihre Sache machen, und wir werden von unseren Partnerinnen geliebt. Das ist es an weiblichem Einfluss in der Band.

 Was habt ihr für Pläne für nächstes Jahr?

Finbarr: Wir hoffen darauf, kreuz und quer in Europa zu touren, hoffentlich auch in Australien  und Kanada.

Brian: Diese Show kickstartet sozusagen eine wundervolle Zukunft für uns, nicht bloß in Deutschland, sondern in Europa. Heute sehen uns hier eine Menge Leute, die Interesse haben, uns zu engagieren. Es hat schon Gespräche gegeben und wir sind ganz schön aufgeregt deswegen.

Wir haben in den letzten paar Jahren in Irland und in den USA getourt und jetzt ist es Zeit, den Durchbruch in Europa zu machen. Nächstes Jahr sind wir in Großbritannien.

 Du klingst sehr amerikanisch. Verbringst Du viel Zeit dort?

Brian: Ah, ja. (lächelt) Ich bin zum Amerikaner geworden. Ich bin jetzt amerikanisch-irisch.

Martin: Wir hatten dort zwei Nummer 1 – Hits in den Charts, mit unserem ersten und unserem zweiten Album in den iTunes- und Amazon – Download – Charts.

 In den allgemeinen Popmusik-Charts?

Martin, Finbarr: In den Billboard World Music Charts und bei den bestverkauften Downloads.

 Könnte man sagen, dass “Keltisch” einfach eine weitere Art von Popmusik ist, eine weitere Schublade, in die man Musik stecken kann?

Martin: Es ist die allererste Popmusik. Folkmusik ist die allererste Art, fast wie Punkrock, wo die Leute klar geäußert haben, was sie dachten. Es war sehr gefährlich, Folkmusik zu spielen, und der Grund warum sie überlebt hat, ist, dass einige sehr, sehr mutige Leute über Hunderte von Jahren hinweg die Musik immer weiter gespielt haben. Das ist es.

 Glaubt Ihr nicht, dass die Musik neue Impulse braucht? Ist es nicht nur ein Recycling dessen, was vor fünfzig Jahren gut war, etwa von den Dubliners?

Martin: Wenn Du uns spielen hörst, wirst Du die neuen Impulse hören.

Finbarr: Der Grund, weshalb Folkmusik so lange überlebt hat, ist dass sie sich verändert. Sie verändert sich alle paar Jahre, bekommt einen neuen Sound. Man hat mehr zeitgenössische Instrumente, die hineinkommen, eine andere Produktion und eine andere Herangehensweise. Und das ist, was sie lebendig hält. Sie kann nicht gleich bleiben, sie muss sich verändern.

 Wer waren Eure musikalischen Helden, als Ihr jung wart, mal von Euren Familien abgesehen?

Finbarr: Ich nehme an, es klingt jetzt wie ein Klischee, weil alle Leute sagen die Beatles. Aber die Beatles haben mich beeinflusst.

Martin: Frankie Laine.

Darren: Elvis.

Brian: Ja, bei mir auch Elvis. Und Sting und Elton John.

Und Billy Joel.

Brian: Ja, für den dort (zeigt auf Darren, der Billy Joel in einer Broadway-Show verkörpert hat).

Finbarr: Und Bob Dylan, Neil Young.  Beatles.

 Habt Ihr jemals daran gedacht, ein Rock-Outfit hinzuzunehmen, Drums und Bass?

Darren (zeigt auf seine Kleidung): Dies ist ein Rock-Outfit. (Lachen)

Martin: Wir haben das früher gehabt. Es macht Spaß und ist echt cool. Aber es ist leichter, mit vier Leuten in der Welt herumzukommen.

Finbarr: Es ist viel leichter, mit vier Leuten mit Instrumenten unterwegs zu sein als noch mit einem Schlagzeug.

Brian: Um ehrlich zu sein – es gibt furchtbar viele Bands, die diesen rock-keltischen Sound spielen. Wir sind nicht der rock-keltische Sound. Wir versuchen, die Tradition am Leben zu halten. Aber, ich meine, wir haben den Fureys, den Clancys und ihresgleichen zugehört, und Pete St. John, allen diesen wirklich guten Balladensängern und Liedermachern, unglaublich. Ja, wir folgen ihnen, aber wir drücken jedem einzelnen Lied unseren eigenen Stempel auf, das versuchen wir. Also die High Kings sind komplett anders.

Martin: Ich wollte grad sagen: Bloß weil die Menschen seit Jahrtausenden Kartoffeln gegessen haben, heißt das nicht, dass Kartoffeln nicht gut schmecken! (Lachen)

Und das sagst Du den Deutschen… :-)

Ich hoffe, Ihr habt eine gute Zeit hier.

Finbarr: Ja wir freuen uns auf unser allererstes Konzert in Deutschland.

Wir veröffentlichen am Montag unseren Bericht um zu sehen, wie das Konzert gelaufen ist.

 Noch eine persönliche Frage, weil ich grade am Wild Rover arbeite: Wer gab den Clancys den Refrain mit No, Nay, Never? Habt Ihr eine Ahnung?

Finbarr: Überhaupt keine Ahnung.

Martin: Peggy O’ Neill von.. – nein, war nur Spaß. Die Clancy Brothers haben ihn wahrscheinlich selbst geschrieben.

Darren: Er kam von Gott.

Martin: Wer?

Darren: Gott, von den hohen Folkhimmeln. (Lachen)

Finbarr: Vielleicht ist er deutsch.

Martin: Nicht, Nein, Ever…

Wahrscheinlicher Ewan MacColl…

Martin: Nein, nein, bestimmt nicht.

 Welches sind Eure liebsten Lieder in der Band?

Martin: The Parting Glass.

Finbarr: The Parting Glass ist gut.

Brian: Der Wild Rover ist ein Klassiker…

Finbarr: Whiskey in the Jar, Irish Rover…

Darren: Irish Rover, es gibt so viele.

 Seid Ihr es nicht Leid, die Standards immer wieder zu spielen?

Darren: Sie geben uns Energie, und jeden Abend auf der Bühne ist es wieder das erste Mal. Zum Beispiel sind heute manche Lieder auch schon gespielt worden, aber das macht nichts. Wir sind bereit.

 Noch etwas, das Ihr den Fans auf dem Kontinent sagen wollt?

Finbarr: Haltet die Augen offen für die High Kings. Wir kommen bald in eine Stadt in Eurer Nähe, hoffentlich. Schaut auf thehighkings.com nach Terminen.

 OK. Vielen Dank!  

 leckerer Kuchen von den Fans

Bild- und Tonaufnahme, Titelfoto: Marc Dobrick

übrige Fotos: küc

 

 

 

Über kuec

Zwei Dinge faszinieren mich an Folk-Musik besonders: die mündliche Überlieferung mit ihren verschlungenen Wegen und der Einblick in andere Lebenswelten aus der Perspektive der Betroffenen. Neben meiner Leidenschaft für live-Musik habe ich mich immer wieder mit den Hintergründen dieser „Kultur von unten“ beschäftigt. Ich bin mit gemeinsamem Musizieren aufgewachsen. Meine Instrumente sind Geige, akustische Gitarre und E-Bass. Gespielt habe ich in Orchestern, Folk-Gruppen und Oldie-Bands. In den Neunzigern habe ich Konzertberichte für eine südwestfälische Lokalzeitung verfasst und freue mich, dem Schreiben über Musik jetzt online nachgehen zu können. Hier bei celtic-rock.de pflege ich seit 2008 die Wissens-Abteilung. Schaut doch mal bei den classics oder in unserer Bücherecke vorbei. Und nicht vergessen: keep music live!

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