Auf den Spuren von Heinrich Böll
von kuec
50 Jahre nach Erscheinen des Irischen Tagebuchs haben sich zwei Autoren und eine Autorin im äußersten irischen Westen auf Spurensuche begeben und ihre Eindrücke veröffentlicht. Heinrich Bölls Reisenotizen haben so viel Einfluss auf die Beziehungen der Deutschen zu Irland gehabt, dass es lohnend ist, die alten Wege noch einmal neu zu gehen und den Veränderungen nachzuspüren.
Keiner der drei Reisenden würde sich anmaßen, mit dem großen Schriftsteller in Konkurrenz treten zu wollen. Alle suchen den Geist, der Irland ausmacht(e), auf ihre eigene Weise. Und unter Berücksichtigung des Satzes, dass der Weg das Ziel ist, finden sie ihn auch.
Das Tagebuch beschrieb liebevoll eine bei uns verlorengegangene Welt, in der man Zeit hat und die engen Beziehungen einer kleinen Gemeinschaft das Leben prägen. So suchten viele Deutsche dieses Irland, das sich nicht auf den ersten Touristenblick erschließt. Entsprechend hat unser Webmaster Daniel seine eigene Irlandgeschichte als Tribute to Heinrich Böll auf diesen Seiten erzählt.
Grüß die Lieben in Mayo
Auf Heinrich Bölls Wegen durch Irlands Westen – ein Hörbild von Jule Reiner
Auf Achill Island war wenig von der übrigen Welt zu spüren. Das kann auch im 21. Jahrhundert noch nachempfunden werden, „weil fünfzig Jahre nicht viel sind für ein so altes Land.“ Die Frankfurter Autorin Jule Reiner fuhr mit dem Auto nach Achill. Dass ihr Werk von der Tourismuswerbung benutzt wird, hatte bei der Gestaltung keinen spürbaren Einfluss. Vom Stil des Textes und der Sprecher her passte es gut in die Bildungskanäle der öffentlich-rechtlichen Radiosender. Mit Wellenrauschen und schwebenden Klängen der Uilleann Pipes kann man an der Fahrt über die kurvigen Küstensträßchen teilnehmen. Eine alte Dame, die eine Pension betreibt, erzählt von ihren Erinnerungen an die Familie des Schriftstellers. Die Ruinen eines verlassenen Dorfes, kahle Felsen und das tosende Meer lassen philosophische Betrachtungen aufkommen. Es geht aber nicht nur um die vielen Schattierungen von Grün und ländliche Idylle, es wird nicht rosa gemalt. Im Postskript zitiert Jule Reiner aus Bölls Brief an einen Kritiker: „Ich weiß, dass das Idyll Irland mit den Tränen auswandernder Kinder bezahlt wird.“
Auf die Hörbild-Reihe aufmerksam gemacht wurde ich von der Gruppe Celtic Chakra, die an der musikalischen Umrahmung beteiligt war. Die Musik hält sich allerdings stark im Hintergrund. Die Hörbilder mit Werbe-Auftrag haben den Vorteil, dass sie als CD kostenlos angefordert oder als podcast heruntergeladen werden können. In der Mediathek der Irland-Information gibt weitere Beiträge, die ebenso geeignet sind, Lust auf Irlandurlaub zu machen.
Hugo Hamilton ~ die redselige Insel
irisches Tagebuch
Der Untertitel ist eindeutig, der Verfasser hält sich auch an den vorgegebenen Reiseweg, die Perspektive ist jedoch eine andere. Hugo Hamilton (geb. 1953) braucht nicht in der Fremde nach seiner eigenen Identität zu suchen. Als Sohn eines irischen Vaters und einer deutschen Mutter wuchs er in Dublin auf. Er hat sein Reisejournal, warum auch immer, auf Englisch verfasst (The Island of Talking). Die Übersetzung von Henning Ahrens ist gut gelungen. “In Irland ist man ein Niemand, wenn man nicht redet oder wenn man nicht jemandem zuhört, der über einen anderen redet.” Das zur Enträtselung des Titels. Hugo Hamilton redet offensichtlich gern mit seinen Reisebekanntschaften, beim Schreiben hat er aber genug Orientierung am Leser, um seine Gesprächserfahrungen in unterhaltsamer, aber nicht oberflächlicher Form weiterzugeben.
Das erste Kapitel handelt vom modernen Dublin und beschreibt einen Besuch beim ausverkauften Hurling-Finale im Croke Park. Der Plauderton trifft die aufgekratzte Atmosphäre in der „Stadt der ewigen Jugend“. Die Reise nach Westen beschreibt er ruhiger und dem verlangsamten Tempo am äußersten Rand der Insel angemessen.
Hamilton reist mit dem Zug nach Westport und von dort weiter nach Achill, trifft Gäste wie Einheimische im Pub, in dem, anders als in den 1950ern, öffentlich bei durchsichtigen Scheiben getrunken werden darf. Wenn der Autor über den Regen oder die Landschaft sinniert, fügt er Beobachtungen und bildhafte Vergleiche ein, die das Erlebte anschaulich machen. Seine Reise fand vor der Wirtschaftskrise statt, sie wirft allerdings ihre Schatten voraus, etwa wenn er die „toten“ Ferienhausanlagen schildert. Für die Verbindung des Früher und des Jetzt steht ein Blick ins Torffeuer, das man bei seiner Beschreibung fast zu riechen meint.
Abkapseln vom Weltgeschehen geht auch in der abgelegensten Einöde nicht mehr: Fischer und Handwerker sind aus Polen oder Litauen zugewandert; deutsche Architekten haben Häuserruinen als Wohnung und Firmensitz perfekt instandgesetzt. In Rossport protestieren Anwohner und Sympathisanten gegen eine Ölpipeline des Shell-Konzerns. Hamilton erfährt von Nachfahren der Ausgewanderten oder vom Schicksal eines Arbeitsmigranten aus Achill in der Atomanlage Sellafield (GB). Es bleibt aber auch noch Raum, um in vergnüglicher Weise auf die Unterschiede zwischen Deutschen und Iren einzugehen.
Wie bei einem Plausch im Pub ist die Zeit mit der redseligen Insel auf angenehme Weise verflogen. Nicht jedes Kapitel wird in Erinnerung bleiben, wohl aber die freundliche Atmosphäre, eine nachdenkliche Haltung, die Verbindungen zwischen Menschen, Zeiten und Ländern herstellt. Häufig habe ich bei einem von Hamiltons kreativen Vergleichen gestutzt und im Gedächtnis nach entsprechenden Bildern gekramt. Obwohl das Thema die Orientierung an einer Vorgabe bedeutete, steckt eine Menge Originalität in seinen Reisenotizen. Das Taschenbuch ist nicht allzu umfangreich und gut als Geschenk für Irlandfans geeignet.
Luchterhand Literaturverlag
München 2007
Taschenbuch, 160 Seiten
ISBN-10 3630621171
ISBN-13 9783630621173
Empfehlen möchte ich auch Hamiltons Erinnerungen an seine bi-kulturelle Kindheit, Gescheckte Menschen, ein sehr philosophisches Buch über Nationalismen, Toleranz und die Nachkriegszeit.
Michael Kleeberg – Wiedersehen mit Achill Island
Die Welt, 16.07.2011
Ursprünglich wurden die Texte des Tagebuchs als Kolumnen in der Frankfurter Allgemeinen veröffentlicht und erst später als Buch zusammengefasst. Daher ist es ganz passend, wenn der Schriftsteller Michael Kleeberg in einem Zeitungsartikel über seinen Aufenthalt in Bölls Cottage berichtet. Dort spürte er den „guten Geist“ des früheren Hausherrn. Er fragt sich, warum Leute wie die örtliche „Heinrich Boell Society“ immer noch das Andenken an den Autor pflegen. Dies habe wohl mit der „literarischen Utopie“ zu tun, der Suche nach einer übergreifenden Humanität. Es gehe bei der Beschäftigung mit dem Kölner Autor nicht bloß um einen Rückzug ins Private, sondern um „anarchistische Graswurzelrevolutionen der Zärtlichkeit, Behutsamkeit, Entschleunigung und des zivilen Ungehorsams“.

Wie meisterhaft und zeitlos das originale irischeTagebuch ist, kann man auf einer Website nachhören, die dem Erbe des großen Mannes gewidmet ist: Böll liest seine Betrachtungen über Limerick. (Achtung, lange Ladezeit, aber das Warten lohnt sich!)
Landschaftsfotos irische Westküste: küc


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