Shamrock Castle 2012
Shamrock Castle 2012

Gearóid Ó hAllmhuráin ~ Pocket History of Irish Traditional Music (1998)

von

 Ein hoher Anspruch für ein schmales Buch: den Weg der irischen Musik von der Frühzeit bis in die Gegenwart nachvollziehbar zu machen. Der Autor, ein Professor aus San Francisco, ist in mehrfacher Weise qualifiziert: als Historiker, Anthropologe und All-Ireland Concertina Champion. Für Einsteiger dürfte das Buch wegen der Unmenge erwähnter Namen und Fakten eher verwirrend sein. Auch die anspruchsvolle Ausdrucksweise erleichtert das Lesen nicht unbedingt. Allerdings bringt der Professor die Dinge oft mit wenigen Worten auf den Punkt und sieht neue Aspekte an vielfach behandelten Themen.

 Vergleichbaren Büchern hat Ó hAllmhuráin voraus, dass er die Musikkultur ziemlich nüchtern und durchgängig in der engen Verbindung zu den politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten sieht. Er weiß aber auch, dass kurze Porträts die Verhältnisse oft besser verständlich machen als theoretische Ausführungen. So beschreibt er plastisch die Arbeit des Musiksammlers Seamus Ennis, der, mit scharfem Gehör, gutem Gedächtnis und Notenpapier ausgestattet, auf dem Fahrrad den Westen der Insel durchstreifte und 2000 Melodien aufzeichnete.

 Die Frühzeit und das Mittelalter werden wegen der dünnen Quellenlage kurz abgehandelt. Der hohe Stellenwert der Musik in der früheren irischen Gesellschaft wird aber deutlich. Er schreibt sinngemäß, dass eine nachweisbare Verbindung zwischen frühkeltischer und heutiger „keltischer“ Musik nicht existiert.

 Die große Hungersnot der 1840er sieht er von der ökonomischen Seite: Grundübel war die Einbeziehung Irlands in den geldgesteuerten Wirtschaftskreislauf, in der Kleinpächter und Selbstversorgung keinen Stellenwert hatten. Das schließt Kritik an den handelnden Personen wie dem (durch Fields of Athenry bekannten) Lord Trevelyan nicht aus.

 Interessant sind die Bemerkungen über die Entwicklung irischer Musik in den Zielländern der Auswanderer, was die Ökonomisierung der Suche nach „keltischer“ Identität angeht: von Bonnie Kate (trad. Reel) zu Danny Boy. Über die Chieftains schreibt er, sie hätten es vor allem mit ihren Filmmusiken geschafft, „irisch“ als weitere Kategorie der Popmusik zu etablieren. Schön sind Zitate wie das von Sean O’Riada, der über Ceili Bands sagte, sie hörten sich an wie ein dicker Brummer in einem umgestülpten Marmeladenglas. Auch innnerhalb Irlands waren die Wege der Innovation nicht unumstritten.

  Das Buch, das aus den Neunzigern stammt, geht auf Phänomene wie den Musik-Tourismus in Doolin, die Entstehung einer „irischen Szene“ in Europa oder das Phänomen Riverdance ein. Im letzten Kapitel wird eine Bilanz gezogen, die unterschiedlichen Positionen Raum lässt. Die weltweite Kommerzialisierung der Musik ist Fakt, ebenso die Anpassung an aktuelle Hörgewohnheiten, was Musiker aus der Tradition als das Begraben der traditionellen Melodien unter einem Harmonie- und Perkussionsgebirge empfinden müssen. Ó hAllmhuráins Diskographie kommt mit 25 Titeln aus, überwiegend Soloaufnahmen. Die Ausnahme bilden die Kilfenora Ceili Band und die Bothy Band. Man bekommt eine Ahnung davon, dass die irische Musik vor dem Band-Zeitalter wohl deutlich individueller und vielgestaltiger war. Dennoch meint der Autor angesichts des breiten Nachwuchses und der guten Zugänglichkeit von qualifiziertem Unterricht, dass Purismus und rücksichtsvolle Innovation im neuen Jahrtausend durchaus nebeneinander bestehen können.

Taschenbuch, 192 S.
Verlag: O’Brien Press, Dublin 1998
Sprache: English
ISBN-10: 086278820X
ISBN-13: 978-0862788209

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  2. Celtic Music - The Essential Listening Companion
  3. June Skinner-Sawyers ~ Celtic Music, A Complete Guide
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Über kuec

Zwei Dinge faszinieren mich an Folk-Musik besonders: die mündliche Überlieferung mit ihren verschlungenen Wegen und der Einblick in andere Lebenswelten aus der Perspektive der Betroffenen. Neben meiner Leidenschaft für live-Musik habe ich mich immer wieder mit den Hintergründen dieser „Kultur von unten“ beschäftigt. Ich bin mit gemeinsamem Musizieren aufgewachsen. Meine Instrumente sind Geige, akustische Gitarre und E-Bass. Gespielt habe ich in Orchestern, Folk-Gruppen und Oldie-Bands. In den Neunzigern habe ich Konzertberichte für eine südwestfälische Lokalzeitung verfasst und freue mich, dem Schreiben über Musik jetzt online nachgehen zu können. Hier bei celtic-rock.de pflege ich seit 2008 die Wissens-Abteilung. Schaut doch mal bei den classics oder in unserer Bücherecke vorbei. Und nicht vergessen: keep music live!

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