Uiscedwr ~ Fish Cat Door (2009)
von Folkaholix
Eine der, nach eigenen Angaben, „aufregendsten, zeitgenössischen britischen Bands“ mit dem Namen Uiscedwr veröffentlichte 2009 das Album Fish Cat Door. Say What you See und verhilft damit all jenen, die Problem mit der Aussprache des Bandnamenwusts haben, zu einer Piktogrammerläuterung zur Klärung der lautlichen Zweifel. Man nehme also das erste Wort Fish und streiche das F, Ergänze es um ein at des Bildes Cat und addiere Door und schon hat man die Aussprache: ishcadoor.
Schon beim ersten Titel des Albums, The Dirty Nine Steps, werden grundsätzliche Züge des Uiscedwr-Schaffens deutlich. Akkordeon und Fiddle spielen vielfach unisono und schaffen damit stilistische Ursprünglichkeit, die grade für Freunde irisch-schottischer Instrumentalmusik eingängig sein dürfte. Dabei überrascht die Melodieführung mit frisch-synkopierten Akzenten. Indes die Cajon gradlinig 4/4-taktig weiterführt, vereinen sich Fiddle und Akkordeon zur musischen Antithetik. Auch die eingängig, aber niemals einschläfernde Akkordwahl, weiß vielerorts zu überraschen. So wird mancher, intuitiv in Dur erwarteter Akkord, zum stilistischen Wendepunkt eines Mollexkurses. Gleichsam reißen Uiscedwr auch die Stimmung innerhalb eines Titels durch unterschiedliche Fahrwasser. Eröffnet The Dirty Nine Steps noch ausgelassen, tun die Mollexkurse ins Drängend-bedrohliche, diesem eingehenden Eindruck nie einen Abbruch. So gelingt den vier Musikern bzw. -innen eine Stimmungssymbiose par excellence. Mit eher klassischer Instrumentation – d.h. Gitarre, Fiddle, Akkordeon, Cajon und Percussion – wagt Uiscedwr immer wieder mutige Stilbrüche, bspw. auch durch dein Einsatz dem arabischen Raum entlehnter Skalen.
Im zweiten Titel erklingt dann die vielfach auf der eigenen Homepage gepriesene Stimme von Anna Esslemont. Zu hören ist indes ein Gesang, der einer kindlich-spielerischer Direktheit näher ist, als bravourösem Belcanto. Erfrischend ist das Hinzukommen einer Terz-lastigen Zweitstimme. An manchen Stellen mögen sich Freunde des Pop-Folks bisweilen an die Sangesleistung der Corrs erinnert fühlen.
Weiter geht es mit Prescription Junkie, das die unbeschwerte Gesamtstimmung des Albums fortsetzt. Indes die Gitarre mit eingehend-überraschender Akkordwahl brilliert, ist der Einsatz einer zweiten Geigedem Gesamtsound sehr zuträglich. Wir auch bei den vorhergehenden und nachfolgenden Titeln, lebt die Musik Uiscedwrs von einem enormen dynamischen Fundus. Eben noch aufbrausend, kippt die Lautstärke innerhalb eines halben Augenblickes zugunsten eines lieblichen Pianissimos. Das technisch einwandfreie Geigenspiel trägt die Note einer klassischen Ausbildung. So zeugen sowohl Lagenspiel, als auch Tonumfang und Bogenführung von einem langjährigen künstlerischen Handwerk. Insgesamt entsteht dadurch ein Fiddlesound der als ursprünglich klassisch und zeitweilig folkloristisch charakterisiert werden kann. Insgesamt also eine Mischung von schulisch-korrekter und gleichsam lebendig-ausufernder Bravheit.
Erneut erfährt die eingehende Melodie einiger Neuerung. So modulieren sich Melodie und Begleitung abermals in spanisch-anmutende “Skalen”, deren ohrwürmliche Besonderheit im Nachbartonabstand einer übermäßigen Sekunde begründet liegt. Dieser Eindruck wird durch das Hinzukommen von Kastagnetten zusätzlich verstärkt und verleibt dem eher nordeuropäischen Gesamtsound ein Nuance süßeuropäischer Folklore ein.
Tip Tap Baby offenbart nach seinem ruhigen Intro den Ohrwurm des Albums. Das “Tip Top Baby” des Refrains will seit dem Hören der CD einfach nicht mehr aus meinem musischen Gemüt weichen. Gleichsam handelt es sich bei diesem Titel eher um pop- als folknahes Lied. Gleichermaßen verhält es sich auch in der Gesamtkomposition des Albums. Indes die Instrumentalstücke eher folkiger Natur sind, offenbaren die Gesangstitel einen starken Hang zum Pop. Rhythmik, Melodie und Stimmung durchleben ein gemäßigtes Vielerlei, die Grundtendenz des Folk beim Instrumentalen und des Pop beim Gesang bleibt indes erhalten. Wer also Lust auf technisch feinen Fiddlefolk und radiotaugliches En-Plus hat, der ist mit dem Album Fish Cat Door sehr gut beraten.
Trackliste
- The Dirty Nine Steps
- Prescription Junkie
- Sunshine
- Seven Letters
- Tip Tap Baby
- Germs
- Girlyjig
- End of the Day
- Crucked Reels
- E.S.P.
- Neptune
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Das klingt alles so verlockend – die Scheibe möchte man doch glatt in seiner Sammlung haben… Demnach werde ich mich zu gegebener Zeit erneut äußern müssen.
Am Besten auf dem Folk im Schlosshof 2011 anschauen
Hey Daniel, hab Dank für den Tipp. Leider liegt Bonfeld nicht gerade um die Ecke.
Stay Folk!
Sollten Reviews nicht besser für die Allgemeinheit geschrieben werden? Ich als Nichtmusiker verstehe hier mal wieder nur Bahnhof.
Interesse für die Platte weckt das nicht gerade.
Ja, ja … das habe ich unserem Max auch schon gesagt. Nicht zu wissenschaftlich machen das Ganze. Er liebt halt diese besondere Art der Wortwahl. Geht mir aber auch desöfteren so, dass ich manche Wörter erstmal googlen muss um deren Bedeutung zu kennen.
Der Max halt
Vielleicht erklärt es uns ja, worum geht es?
Wow! Wenn allein der Umstand der gehäuften Kommentare nicht für ein gewisses Interesse bürgt, müsste ich wohl sehr irren, denn des Thematisieren des Ausdrucks, der Medium des beschriebenen Gehalts ist (also der Musik), beweist es wohl. Zudem ist die Wortwahl schon arg angepasst. Doch mehr möchte ich nicht von meinem Duktus aufgeben. Die Wortwahl ist hier weniger Selbstzweck denn Ausdruck gediegenen Interesses. Aber wenn Fragen sind, immer her damit – sagen wir: umso besser!
Hey Folks,
so unterschiedlich sind die Geschmäcker. Ich liebe sowohl Wortwahl als auch Duktus. Und wie schon eingangs angedeutet, machen mich nicht zuletzt deshalb Max’ Rezensionen immer wieder sehr neugierig. Zudem kann googlen ungemein bilden – das muss ich auch regelmäßig, noch während des Lesens…
In diesem Sinne: Auf bald mal wieder!
Joa, nur bin ich wie erwähnt musikalisch kaum vorgebildet. Und wenn ich in jedem Satz irgendwas nachschlagen muss, vergeht mir die Lust am Lesen. Und das ist doch schade.
Folkaholix, du kannst die Besprechungen auch weiterhin gerne als Mittel des Ausdrucks betrachten. Für mich bleiben sie vorranging Informationsmedium.
@Eriol: “denn des Thematisieren des Ausdrucks, der Medium des beschriebenen Gehalts ist (also der Musik)”. Ich betrachte den Ausdruck als Mittel der Information – und ebendiese lässt sich auf manigfalten Wegen transportieren.
Ich verstehe gar nicht, wo das Problem ist. Wenn ich eine Rezension lese, erwarte ich, dass diese detailliert ist. Und Folkaholix’ Rezensionen zeigen, dass er sich ausgiebig mit der jeweiligen Musik befasst. Ich bin mit Sicherheit auch kein Musiker, deshalb kann ich Gut Ruhn nur recht geben, dass nachschlagen/ googlen ungemein hilfreich ist.
Also weiter so!