Brendan Graham ~ Die irische Nacht
von kuec
Eigentlich ist Brendan Graham (Jg. 1945) Musiker und Songschreiber; er schrieb zwei Siegertitel für den Eurovision Song Contest. Das Thema der großen irischen Hungersnot war ihm aber so wichtig, dass er einen historischen Roman mit präzise recheriertem Hintergrund dazu verfasste. Prompt wurde sein Erstling in Irland zum Bestseller. Dies ist verständlich, denn die Heldin steht für das irische Volk, das in den 1840er Jahren („Black 47“) so gelitten hat. Das macht es leicht, sich mit ihr zu identifizieren.
Ellen Rua, die rothaarige Ellen, lebt mit Mann und drei Kindern bescheiden, aber glücklich in den Bergen nahe der Westküste. Allerdings werfen ein Traum und eine düstere Weissagung Schatten auf ihr Leben. Detailliert und in rosigen Farben beschreibt Graham die Familie und die kleine Dorfgemeinschaft. Dieser erste Teil des Buchs geht mit der Idealisierung der Heldin etwas ins Triviale. Die Rollen zwischen Gut und Böse sind klar verteilt, und im kleinen Cottage herrscht eitel Harmonie. Im späteren Kontrast mit den Zuständen während der Hungersnot wird aber der Sinn dieser ausführlichen Schilderung deutlich.
Eine unheimliche Wolke senkt sich 1845 über das Land. Sie bringt die Sporen eines Pilzes, der die Kartoffeln, das Hauptnahrungsmittel der Landbevölkerung, in der Erde verfaulen lässt. Während der erste Winter noch zu überbrücken ist, beginnt im Folgejahr das große Sterben. Der fiese Grundbesitzer, der die Abhängigkeit seiner Pächter weidlich ausnutzt, macht Ellen ein Angebot, das sie nach dem Tod ihres Mannes nicht ablehnen kann. Sie geht als Arbeitskraft für drei Jahre nach Australien. Die Heldin übersteht die monatelange Reise, wird bedroht und ausgenutzt, lässt sich aber nie unterkriegen. Ellen muss aus Australien fliehen und kommt nach Kanada, wo sie sich aufopferungsvoll um typhuskranke Landsleute kümmert. In kürzester Zeit wird sie dann zur erfolgreichen Geschäftsfrau. Ellen ist schön, intelligent, wortgewandt, furchtlos, fromm, menschenfreundlich und unglaublich zäh – alles Eigenschaften, welche sich die Iren wohl gern selbst zuschreiben. Außerdem besitzt sie eine tolle Stimme, und so erfährt man nebenbei, was Sean Nós – Gesang ist. Ellen wird in völlig unterschiedliche Situationen versetzt, sie lernt die Auswandererschiffe, ein Weingut, eine Gruppe Aborigines und die Quarantäneinsel vor Quebec kennen.
Nach der vereinbarten Zeit kehrt Ellen Rua zurück, um ihre Kinder zu holen. Die Veränderungen in Irland sind erschütternd, was Graham bewegend in in vielen anschaulichen Details ausdrückt. Millionen Menschen sind verhungert, an Seuchen gestorben oder ausgewandert. Die Gesellschaft, wie sie einmal war, gibt es nicht mehr. Das Leben wird nie wieder so sein wie vor An Gorta Mór, dem Großen Hunger.
Am Ende des Buches gibt es aussagekräftige Zitate und Fakten, die sich auf den Rahmen der Erzählung beziehen. Einmal mehr wird deutlich, dass der politische Wille der englischen Kolonialmacht fehlte, die Katastrophe einzudämmen, und dass es für viele Grundbesitzer eine willkommene Gelegenheit war, die lästigen Pächter loszuwerden. Während der Hungerjahre wurden weiter Lebensmittel aus Irland exportiert. Es ist ein Unterschied, ob man im Lexikon solche Tatsachen nachliest, oder ob sie an Personen nachvollziehbar werden. Der Autor hat sehr viel Hintergrundwissen in seinen Roman gepackt, was die Glaubwürdigkeit der Handlung etwas beeinträchtigt. Wer davon absieht, bekommt spannende Unterhaltung mit einer starken Heldin und einen tiefen Einblick in eins der düstersten Kapitel der irischen Geschichte.
- Taschenbuch
- Verlag: Aufbau (2002)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 374661841X


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