Rhythmnreel im Uhlenspiegel, Gevelsberg 16102010
von kuec
Keine schottische Band fährt für ein langes Wochenende und zwei Gigs in eine deutsche Kleinstadt. Eigentlich. In den ‚Uhlenspiegel’ passen weder sieben auftretende Musiker/-innen noch 130 Leute. Eigentlich. Und ausverkauft war sowieso. Eigentlich. Trotzdem konnten wir am Samstag einen wunderbaren Musikabend erleben. Denn nette Menschen machen Dinge möglich und tun schon mal, was sie eigentlich nicht müssten.
Hin und wieder lohnt es, das örtliche Veranstaltungsblättchen gründlich zu lesen. Rhythmnreel? Noch nie gehört. Keltischer Rock aus Schottland? „Da müssen wir hin!“ Zumal Gevelsberg bei Hagen für uns vor der Tür liegt und der Uhlenspiegel als Musikkneipe eine gute Tradition hat. Über zwei Ecken war es dann doch noch möglich, an Karten zu kommen (danke!).
Zwanzig Minuten vor Konzertbeginn ist die Kneipe in der Innenstadt pickepackevoll, obwohl die Band bereits am Vorabend in der ‚Kunstfabrik’ aufgetreten ist. Offenbar haben die Schotten örtliche Berühmtheit, sie sind schon zum 4. Mal in Gevelsberg.
Die drangvolle Enge betrifft auch die Musiker. Eine Bühne gibt’s nicht, das Schlagzeug ist in der Ecke, die Mitspieler quetschen sich an die Wände links und rechts davon, das Publikum steht bis an die Mikrofone. Wer weiter hinten ist, sieht nichts, hört aber, denn laut genug sind die Sieben auf jeden Fall. Es entsteht ein Gemeinschaftsgefühl, da man unvermeidlicherweise ständig auf Tuchfühlung mit bislang fremden Leuten ist.
Los geht es mit Whiskey in the Jar. Der Funke springt sofort über. Arme werden gereckt, schlagartig ist gute Stimmung da. Mein Unbehagen wegen des 0815-Einstiegs (und des Tabakqualms) ist ab der 2. Nummer vergessen, als nämlich die Instrumentalist/-innen zum Zuge kommen. Catriona MacAffer spielt Highand Pipes und Akkordeon, und zwar flüssig und rasant, Gillian Stevenson an der Fiddle steht ihr nicht nach, Stuart Macdonald an der E-Gitarre legt schon mal ein Riff von Jimi Hendrix dazwischen. Bass und Schlagzeug spielen nicht nur druckvoll, sondern auchvielseitig. Besondere Highlights setzt Alan Hogg an der Whistle und dem Saxophon – eine super Kombination mit den Pipes. Die cleveren Arrangements nutzen die Möglichkeiten der großen Besetzung. Bei der Auswahl der Stücke lässt man sich davon leiten, was Spaß macht, wobei irische Songs von Ride On bis Fisherman’s Blues neben schottischen Hits von Rod Stewart, Dougie Maclean oder Amy Macdonald stehen. Country, Cajun oder Ska klingen aber auch mal an.

In der Pause gibt es Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch. Ob es nicht schwierig sei, sieben Leute unter einem Hut zu halten, will ich wissen. „Wieso sieben? Eigentlich sind wir neun!“, ist die Antwort. Es gibt noch zwei weitere Fiddler, die bei Festivalauftritten dabei sind. Von Catriona erfahre ich, dass der Vater ihr das Pipes-Spielen beibrachte. Bassist Mike Brown berichtet von 60 bis 80 Auftritten im Jahr, meist in den heimischen Highlands, aber auch in der Schweiz und in Holland. Der Kontakt in den EN-Kreis entstand über Drummer Donnie MacKillop, seit 2007 in der Band und mit einem inzwischen verstorbenen Gevelsberger Schottland-Fan über Jahrzehnte eng befreundet. Dieser steckte wiederum andere mit seiner Begeisterung an. Einige Schottland –Freaks aus Gevelsberg und Umgebung investieren eine Menge Engagement, um die jährlichen Musiker-Besuche aufrecht zu erhalten. Dass die gesamte Band mitzieht, spricht für den guten Zusammenhalt bei Rhythmnreel.
„Are you ready for the dudelsack?“ fragt Sänger Jim Kennedy öfters. Immer wieder kommt man zurück auf irische oder schottische Tunes, die das Profil der Band und Folk-Rock im besten Sinne ausmachen. Die gehobene Stimmung bleibt. Highlights sind Bad Moon Rising und the The Gael mit den Pipes. Zum Abschluss darf Loch Lomond nicht fehlen, der a capella-Refrain klappt mit oder ohne ‚Spickzettel’ ziemlich gut. Vernünftig fotografieren kann man in der Enge nicht. Eigentlich. Marc scheut aber keine Mühen und steigt nach Aufforderung des Wirts auf den Tresen. Die Spielfreude der Schotten ist auf den Bildern deutlich zu erkennen. Dass die Band sich gegen Zwölf beim Publikum und ihren Freunden für den tollen Abend bedankt, kommt diesmal sicher von Herzen.
Rhythmnreel würde bei jedem denkbaren Festival richtig abräumen. Es wäre schön, sie nächstes Jahr wieder zu hören – und auf einer Bühne wirklich mal zu sehen.
Fotos: Marc Dobrick


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