Audrey Healy ~ The Singer and the Song (2006)
von kuec
Die Idee zum Buch ist einfach und überzeugend. Die irische Journalistin Audrey Healy hat Sänger/-innen verschiedener Genres über ihre Lieblingssongs befragt. Die Antworten ihrer Landsleute umfassen wenige Zeilen bis zu mehreren Seiten. Es geht um grundsätzliche Fragen: Welche Beziehung besteht zwischen Mensch und Musik, was kann ein Lied konkret bedeuten und wie schreibt man einen guten Song? Daher macht es nichts, wenn man die meisten der Befragten nicht kennt.
Zunächst wird das Lied vom Sänger vorgestellt, es folgt der komplette Text, dann eine musikalische Biographie. So kann man sich ziemlich unvoreingenommen auf die Songs einlassen. Natürlich sind die Herangehensweisen sehr unterschiedlich. Da gibt es das mechanistische Verständnis des Musikprofis, der sein Lied als Goldesel betrachtet. Häufig wird Vergangenes beschworen. Familie, Freundschaften, Liebesbeziehungen spielen eine Rolle. Traditionelle Volkslieder sind fast gar nicht vertreten. Eine Ausnahme bilden Lanigan’s Ball, Bunch of Thyme und Erin’s Lovely Home. Es überwiegt der Blick der Liedermacher auf ihre jeweiligen Lieblingsstücke. Jedenfalls scheinen alle ziemlich aufrichtig geantwortet zu haben.
Für ein Land mit drei Millionen Einwohnern sind 60 profilierte Songwriter/-innen eine stolze Zahl. Viele von ihnen hat es allerdings ins Ausland verschlagen, nach Großbritannien oder in die USA. Neben Folksängern sind Showband-Tenöre, Country-Sängerinnen oder auch Pop-Größen vertreten. Immerhin rund ein Fünftel sind weiblich. Dass Audrey Healy so viele Prominente für ihr Buch gewinnen konnte, liegt vielleicht auch daran, dass ein Teil der Einnahmen an die irische Epilepsie-Stiftung geht.
Fangen wir bei „unseren“ Leuten an, den Folksängern. Christy Moore war auf den Aran-Inseln, als die Nachricht vom Tod zweier Fischer bekannt wurde. Seine Gefühle hielt er in dem düsteren The Two Conneelys fest. Sehr persönlich beschreibt Eric Bogle in Leaving Nancy den Abschied von seiner Mutter, als er 1969 von Schottland nach Australien ging. So viel blieb ungesagt, obwohl beide wussten, dass sie sich wohl nie wiedersehen würden. Lieder als Mittel um etwas loszuwerden, das einen bedrückt. Tommy Sands hat Pete Seeger, den ‚Vater’ aller amerikanischen Folksänger, besucht, und mit ihm den Text zu Music of Healing geschrieben. Was ausgesprochen ist, kann verarbeitet werden. Sands glaubt fest an die heilende Wirkung von Musik und hat in seiner nordirischen Heimat sein Songwriter – Talent in den Dienst des Friedens gestellt.
„Hits“ und persönliche Themen brauchen sich nicht auszuschließen.
Finbar Furey gibt an, er habe When You Were Sweet Sixteen von seiner Mutter gelernt und auf ihren Wunsch hin als Andenken an den verstorbenen Vater aufgenommen.
Wer hätte gedacht,dass Fields of Athenryerst 30 Jahre alt ist? Es bezieht sich doch auf die große Hungersnot von 1845ff. Pete St John, hatte im College von Galway am Thema gearbeitet und traditionelle Muster so geschickt verwendet, dass das Lied binnen kurzem in die Volksliedüberlieferung einging.
Phil Coulter, der in London mit Puppet on a String oder Congratulations Millionenseller schrieb, hat sich sein The Town I Loved So Well ausgesucht. Der Pop-Produzent stammt aus Derry und besuchte die nordirische Stadt regelmäßig, auch zur Zeit der gewalttätigen Auseinandersetzungen, beschönigend „Troubles“ genannt. Das Schreiben (1970) sei recht mühsam gewesen, aber als Einheimischer habe er genau gewusst, was zu sagen gewesen sei.
Der bei weitem bewegendste Beitrag stammt aber von einer mir bis dato völlig unbekannten Sängerin, Maria Butterly, die jetzt in Los Angeles lebt. Sie beschreibt einen Abend mit Freunden im Pub. Einer geht auf ihre Bitte hinaus, um ihr von der anderen Straßenseite ein Taxi zu rufen. Er wird von einem Auto angefahren und tödlich verletzt. Sie fühlt sich schuldig und wird lange von dem Ereignis verfolgt, bis es ihr Jahre später gelingt, den Song Kieran zu schreiben. Damit erreicht sie auch die Eltern des jungen Mannes. Ob der Song Außenstehende genau so beeindruckt? An dieser Stelle hätte ich mir einen Tonträger mit den besprochenen Titeln gewünscht, aber das wäre wohl zu aufwändig geworden.
Wie schreibt man nun einen guten Song? Die Rezepte werden natürlich nicht aufgedeckt. Man soll es nicht zwingen wollen. Manchmal sei es wie bei einer schwierigen Geburt, manchmal flögen einem auf ein Stichwort hin die Verse zu. Die Reaktion des Live-Publikums wird mehrfach als sehr wichtig genannt. Mit einem guten Song, ob linear erzählt oder in verschieden Bildern eingefangen, sollte jeder Zuhörer eigene Erinnerungen und Assoziationen verbinden können. Wie ein Musiker schreibt: „Songs are like flying carpets.“
Mancher Song wirkt sehr dürr, wenn man nur den Text liest. Es muss die musikalische Umsetzung, die Interpretation sein, die ihn trotzdem erfolgreich machte.
Es fällt auf: nur ein einziges humorvolles Lied ist im Buch enthalten, Liebeslieder sind rar, Trinklieder fehlen komplett. Sollten die Iren wirklich so ernst sein?
Das Buch liest sich recht angenehm, allein die vielen Aufzählungen von Album-Titeln oder Musikerkollegen in den Biographien sind etwas ermüdend. Für Leute mit Interesse an irischer Kultur und durchschnittlichen Englischkenntnissen ist The Singer and the Song empfehlenswert.
Audrey Healy, The Singer and the Song
Sixty Irish Songwriters and their Favourite Songs
Hodder Ireland 2006
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