The Bothy Band
von kuec
Wenn man mit Leuten spricht, die der irischen Musik schon länger verbunden sind, bekommen eigentlich alle beim Stichwort „Bothy Band“ glänzende Augen. Deren live-Auftritte waren atemberaubend. Da standen sechs Leute, die sich allein auf die Kraft ihrer Musik verließen. Sie strahlten eine solche Energie aus, dass ihrer Zuhörerschaft der Mund offen stehen blieb. Man brauchte einen Moment, um wieder zu sich zu kommen. Dann brach donnernder Beifall los. So war es Mitte der Siebziger, als ich die Bothy Band im voll besetzten Saal des Gießener Jugendzentrums erlebte.
Unter sämtlichen live-Konzerten, die ich seitdem besucht habe, entfalteten nur eine Handvoll eine ähnliche Magie. Das Geheimnis der Bothy Band hat mit den beteiligten Personen, dem Konzept, aber auch dem Zeitraum ihres kurzen Band-Lebens zu tun. Die Chieftains und Planxty hatten auf ihre Weise Anfang der Siebziger die irische Musiktradition neu interpretiert und waren auf großes Interesse gestoßen. Eine junge Generation hatte sich den alten Instrumenten zugewendet und setzte sie modernen Hörgewohnheiten entsprechend ein. Aufbruchstimmung lag in der Luft.
Eine (Ceili-)„Band“ war bislang eine dörfliche Tanzkapelle gewesen, die Jigs, Reels und Hornpipes für die Tänzer vorlegte. So viele Flöten, Geigen und Akkordeons wie im Ort vorhanden waren, dazu ein rumpeliges Klein-Schlagzeug, um den Takt zu halten. Nach der Ankunft der Rockmusik in Europa war das Band-Konzept nicht mehr dasselbe. Gefragt war ein breiter Klang, der Höhen und Tiefen abdeckte, Harmonien, wie sie den Gitarrenakkorden entsprachen, und rhythmischer Drive, der zum Tanzen animierte. Obwohl es Anfang der Siebziger in Irland bereits ein paar Folk-Bands neuen Zuschnitts gab (u.a. Sweeney’s Men, Clannad), war die Bothy Band die erste, die überlieferte Tunes mit vollem Sound und treibendem Rhythmus verbanden – und das akustisch.
Im Mittelpunkt standen, ganz der Tradition entsprechend, die Melodieinstrumente, vielfach unisono gespielt. Paddy Keenan (Uilleann Pipes), Matt Molloy (Concert Flute) und die Fiddler Tommy Peoples bzw. später Kevin Burke feuerten sich gegenseitig zu Höhenflügen an. Donal Lunny, Pionier der irischen Bouzouki, und Mícheál O’Domhnaill an der Gitarre lieferten eine zündene Rhythmusbegleitung. Das harmonische Fundament ergänzte Triona Ni Domhnaill mit ihrem Spinett oder Cembalo. Die Bothies spielten ihre Jigs und Reels in einem bislang ungewohnten, sehr schnellen Tempo, und koppelten sich damit von der tanzbaren Musik ab, gewannen so aber die Rock-Generation. Dies ließ sich mit ausdrucksvolle Slow Airs und Balladen verbinden. Der Slow Reel, ein Markenzeichen Matt Molloys, war bei der Bothy Band neu und ist inzwischen nicht mehr wegzudenken.
Für die Verbindung von alten und neuen Einflüssen kann Paddy Keenan stehen. Er stammt aus einer Familie von Travellers und ist in der 3. Generation Dudelsackspieler. Sein Stil zeichnet sich durch Schnelligkeit und Wildheit aus, wegen seiner Improvisationen wurde er mit dem Jazzer John Coltrane verglichen. Bereits mit 14 trat er im Gaiety Theatre als Piper auf, reiste aber mit 17 auf den Kontinent, um Blues und Rock zu spielen.
Nach seiner Rückkehr tat Paddy Keenan sich in Dublin mit den O’Domhnaills zusammen. Fiddler Paddy Glackin und Flöter Matt Molloy schlossen sich an. Dazu kamen Akkordeonist Tony MacMahon und Rhythmus-Fachmann Donal Lunny, der bei Planxty ausgestiegen war. Die lockere Formation nannte sich Seachtar, was auf Irisch Sieben bedeutet. Glackin und MacManus stiegen aus. Mit dem Eintritt von Tommy Peoples war dann das erste Lineup der Bothy Band komplett.
Der Name bezieht sich übrigens auf die Hütten der irischen Wanderarbeiter, die sich in Schottland verdingten.
Als Debüt wird ein Konzert angesehen, das im Februar 1975 im Trinity College, Dublin, stattfand. Im gleichen Jahr wechselte die Band in den Profi-Status. Obwohl die Bothy Band für ihre Tune-Sets gerühmt wurde, konnte sie auch mit ihren Songs beeindrucken. Die Geschwister Triona und Mícheál sangen beide sehr gut und machten ihr Publikum auch mit der gälischen Sprache vertraut. Ein Highlight war das unbegleitete, dreistimmige Fionnghuala mit tollen Gesangsharmonien.
Auf der Debüt-LP ist Geiger Tommy Peoples mit seinem kraftvollem, rhythmusbetonten Donegal-Stil zu hören. Ein Jahr löste ihn der in London aufgewachsene Kevin Burke ab. Er spielt swingend und melodisch nach Sligo-Art. Beide haben eine Menge Geiger maßgeblich beeinflusst. Über Matt Molloys Fertigkeiten sagt ein deutscher Flute-Spieler: “Er bringt auch noch an Stellen Verzierungen unter, wo man eigentlich gar keine machen kann.” Ein weiteres Kennzeichen war das traumhaft sichere Zusammenspiel.
Die Bothy Band tourte in sechsköpfiger Besetzung in Europa und den USA. Konzerte und Alben wurden hoch gelobt, der musikalische Standard und das innovative Konzept sofort als bahnbrechend anerkannt. Trotz der enormen Aufsamkeit, die sie auf sich zogen, blieb finanziell wenig bei den Musikern hängen – wie bei ihren Vorgängern Planxty und den Nachfolgern Moving Hearts. Der Drang nach musikalischer Eigenständigkeit und Weiterentwicklung tat ein übriges, um das Leben der Band bereits 1978 wieder zu beenden.
Matt Molloy wechselte nach der Bandauflösung zu den Chieftains (und erwarb später einen Pub in Westport), Donal Lunny machte als Innovator bei den Moving Hearts und den re-formierten Planxty weiter. Mehrere Mitglieder gingen ganz oder zeitweise nach Amerika: Kevin Burke nach Portland, Oregon, Paddy Keenan nahm eine CD in Neufundland auf, Tríona Ní Dhomnaill zog an die Ostküste der USA. Ihr Bruder Mícheál kehrte Anfang der Neunziger aus Portland nach Dublin zurück. Er ist tragischerweise nach einem Sturz in seinem Haus 2006 verstorben.
Mitglieder der Bothy Band waren später auch bei Patrick Street, Touchstone oder Relativity zu hören, von den Soloaufnahmen abgesehen. Für die irische Folkszene der Siebziger ist festzuhalten, dass die spannendsten Aufnahmen oft in kleiner Besetzung und lockeren Projekten gemacht wurden, auch wenn damit wenig Geld zu verdienen war.
Eine Wiedervereinigung der Bothy Band gab es nicht. Die Frische der ersten Alben wäre auch kaum reproduzierbar gewesen.
Nach den drei Studio – erschienen später noch zwei live – Alben. Wer auswählen muss, sollte sich eher für die Studioaufnahmen entscheiden. Aus diesen wurde die „best of“- CD zusammengestellt.
Für Instrumentalisten: die einzelnen gespielten Tunes sind bei Irishtune genauestens aufgelistet.
Diskographie:
1975 The Bothy Band
1976 Old Hag You Have Killed Me
1977 Out Of The Wind, Into the Sun
1979 After Hours (Live in Paris)
1983 Best Of The Bothy Band
1995 The Bothy Band – Live in Concert
Die Bothy Band hat nun 30 Jahre später etwas, das in der Folk-Welt bislang einzigartig ist: eine Tribute Band, die ihre Tracks 1:1 nachspielt. Dieser im Pop geläufige, oft peinliche Abklatsch kann als Selbstvermarktungs – Masche gesehen werden. Bei John McSherry, Michael McGoldrick oder Karan Kasey ist aufgrund ihres musikalischen Formats aber anzunehmen, dass echte Bewunderung und Begeisterung bei der Gründung Pate gestanden haben.
http://www.myspace.com/bothyband
Wenn heutige Stars sich in dieser Weise vor ihren Vorgängern verneigen, lässt das erahnen, was für eine überragende Rolle die Bothy Band für die irische Musik gespielt hat.
Weitere Artikel in dieser Serie:
- Clannad (11. Mai 2008)
- Die Clancy Brothers & Tommy Makem (13. August 2008)
- The Dubliners (1/2) (13. September 2008)
- The Dubliners (2/2) (16. September 2008)
- The Chieftains (28. Oktober 2008)
- Planxty (4. August 2009)
- Moving Hearts (31. August 2009)
- The Horslips (12. November 2009)
- The Bothy Band(This post) (31. Juli 2010)

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