Acoustic Revolution
Shamrock Castle 2012

5 Volmarstein Irish Folk Festival

von

Es war Spitze! Die Mischung stimmte auch in diesem Jahr bei der 5. Auflage. Das Festival der IGVV bietet jedes Mal eine große Bandbreite, gern auch mal eine Überraschung. Programmgestalter Keith Bailey legt Wert darauf, Unbekanntes und Bekanntes, Newcomer aus der Region ebenso wie große Namen zu präsentieren, ohne den Begriff „irisch“ besonders eng auszulegen. Im Vertrauen auf die Volmarsteiner nehmen mittlerweile einige Folk-Fans die Anfahrt aus Süddeutschland, der Schweiz oder Holland in Kauf. Jeweils rund 700 Besucher erlebten über zwei Tage ein Programm mit tollen Highlights.

Zur Eröffnung am Freitag Abend waren bei bestem Tattoo-Zeigewetter, also brüllender Hitze, die Strohballen bereits gut besetzt. Wie vor zwei Jahren spielten beide Freitagsgruppen professionell und akustisch, aber mit völlig verschiedenen Ansätzen.

Broom Bezzums, die beiden Engländer aus der Pfalz, überzeugten mit viel Persönlichkeit, musikalischer Flexibilität und dichten Arrangements. Die Songinhalte sind ernst, die Melodien eher auf der Moll-Seite, trotzdem verstanden es die beiden, Kontakt zum Publikum zu knüpfen. Eigene Songs, aber auch ein paar Cover zeigten, dass Folkmusiker nicht unbedingt geistig in der Vergangenheit leben. Mit Reels auf den Small Pipes und dem Ausloben eines Getränks ließen sich dann doch die Ersten zum Tanzen aktivieren. Deutsche Ansagen mit britischem Humor würzten den Auftritt. Was haben Aldi-Milchtüten und die beiden Schwestern aus einer alten Ballade gemeinsam? „Die ältere wird sauer, wenn man die jüngere vorzieht.“

Wie gehabt stellten die örtlichen Vereine mit vorbildlicher Organisation das ganze Drumherum auf die Beine. Es gab Guinness, Stew, Scones oder Fish & Chips…und das eigentliche irische Lebenselixir – nämlich schwarzen Tee. Der Platz an der Burg ist traumhaft gelegen und bei milden Abendtemperaturen war’s am angestrahlten Burgturm sehr romantisch.

Viel für’s Auge und Ohr boten die kariert gewandeten Mitglieder von Rapalje, was auf niederländisch so viel wie ‚Randale’ bedeutet. Trotz des Namens boten die vier kernigen Typen kein Chaos, sondern eine ziemlich genau durchgeplante Show, in der Tempi und Lautstärke geschickt variiert wurden. Alle vier sind kompetente Instrumentalisten. Von Mund- und Ziehharmonika über Low Whistle bis Highland Pipes reichte das Instrumentarium, das auf der Bühne auch optisch gut in Szene gesetzt wurde. Für mich sind Rapalje allerdings die Band, die den Kelten den Tee-Kisten-Bass brachte. Erstaunlich, wieviel Wumms man mit so einer Schnur am Stiel erzeugen kann, etwas bei der Pogues-Nummer The Irish Rover. Rapalje haben Wurzeln in der Straßenmusik und sind im Herzen Rocker, auch wenn sie sich akustischer Instrumente bedienen. Das Material bewegte sich im Rahmen des Gewohnten, wobei mir die langsamen Titel Caledonia oder Dunmore Lasses am besten gefielen.Home is where my Friends are und andere bewährte Fetzer brachten Bewegung vor die Bühne.Mit einem dreistimmigen Loch Lomond im Fackelschein klang der Freitag stimmungsvoll aus.

Am Samstag Nachmittag legte der Chef dieStirn in Falten. Weniger die gleichzeitige Veranstaltung der FIFA als eine Unwetterwarnung machten ihm Sorgen. Die angekündigten Gewitter beschlossen aber, woanders niederzugehen, so dass das Abendprogramm wieder bei Sonnenschein stattfinden konnte.

Craig Herbertson lebt als Schotte im Ruhrgebiet. Der Sänger (und Autor) ist meistens als Solist unterwegs. Für größere Anlässe wie diesen hat er vier bewährte Leute aus der Sessionszene um sich geschart, die bereits aus „irischen“ Formationen wie Shanachie bekannt waren. Die Craig Herbertson Band ließ also Gutes erwarten, und meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Tune Sets mit Flute, Banjo und Bouzouki kamen gut an. Craigs markante Stimme mit Songs mit über Mary Queen of Scots oder den Bonnie Light Horseman profitiertenvon den Arrangements inklusive Bodhran und E-Bass. Es wäre schön, sie in der „großen“ Besetzung öfter hören zu können.

Extra für das Festival eingeflogen war der irische Sänger Lorcán Mac Mathúna. Mit ihm führte ich ein längeres Gespräch über seine gälische Muttersprache und keltische Geschichte. Lorcan beschloss mit 20, sich dem traditionellen Sean nós-Gesang zu widmen. Dieser überlieferte uralte Gesangsstil wirkt etwas fremdartig, ist aber für die gesamte irische Tradition grundlegend. Lorcan vertritt die Auffassung, dass eine Tradition weiterentwickelt werden muss. Er hat daher schon mit Jazzern zusammengearbeitet, aber auch Texte aus dem 8. Jahrhundert vertont. Eigentlich wird Sean nós unbegleitet gesungen. Die Zusammenarbeit  mit dem jungen Piper Maitiú Ó Casaide brachtete einen etwas volleren, dennoch archaischen Klang. Die Unruhe vom Eingangsbereich samt Autozufahrt direkt an der Bühne und ein Regenschauer boten nicht grade optimale Bedingungen. Dennoch zollte das Publikum unter den Regenschirmen freundlichen Applaus. In intimerem Rahmen hätte man den sehr expressiven Gesang und das Zusammenwirken von Stimme und Pipes oder Whistle eher genießen können.

Pigeon Top aus Belfast erzählten stolz von der sehr lebendigen Sessionszene in ihrer Heimatstadt. Die junge Formation war bisher auf dem Kontinent noch nicht in Erscheinung getreten. Ihr Fiddler hat aber jahrelang bei Dervish gespielt, die mit der Teilnahme am Eurovision Song Contest über die irische Szene hinaus bekannt wurden. Sein druckvoller Stil, mit dem kräftigen  Bogenstrich des Nordens, brachten den Jigs und Reels Power. Mit einem Meister-Piper und Low Whistle-Bläser sowie einem versierten Mann an der Bouzouki wurden temporeiche Tunes geboten. Der Sänger und Gitarrist brachte außer einer kraftvollen, warmen Stimme auch amerikanische Einflüsse mit, Pallet on the Floor passte aber gut zu den Tunes wie Lanigan’s Ball und The Girl that Broke my Heart. In dieser Besetzung haben Pigeon Top gute Chancen, sich international einen Namen zu machen.

Auf der Seitenbühne kam am Samstag während der Umbaupausen eine Tanzgruppe zum Zuge. Die Shannon Dancers waren aber weit mehr als nur Pausenfüller. Die Acht aus Gießen zeigten schöne Choreographien mit Hard und Soft Shoes, viel Schwung und Präzision. Damit weckten sie zuletzt regelrechte Begeisterungsstürme. Nach drei Zugaben ging ihnen die Musik aus, so dass sie einfach ohne tanzten, vom Mitklatschen angefeuert. Tom Brandt:  „Da wäre Joopie Heesters vor Neid erblasst…“

Malinky aus Schottland lieferten eine charmante und virtuose Show ab. Die Band besteht seit 1998 und ist seit zwei Jahren in der gegenwärtigen Besetzung  – Fiona Hunter, Dave Wood, Mike Vass, Steve Byrne – unterwegs. Steve Byrne hatte – wie seine Bandkollegen auch – nicht nur Deutschland-Fan-Schminke aufgelegt. Er plauderte zwischen den Stücken auf deutsch mit dem Volmarsteiner Publikum. Bouzouki, Cello, Gitarre, Geige – zwei tolle Stimmen. Unter Balladen wie Sweet Willie and fair Annie hatte sich irgendwie Eye of the Tiger von Survivor eingeschlichen. Das kann man sich leisten, wenn man so stilsicher ist wie diese Vier. Malinky war angekündigt als „Scotland’s finest Folk song group“. Da hat weder die Band selbst, noch das Veranstaltungs-Team zu viel versprochen. Ein tolles Set – vom Publikum ordentlich abgefeiert.

Backstage berichteten Malinky von der in Schottland boomende Folk-Szene mit vielen konkurrierenden jungen Bands. Dies führe einerseits zu einer Professionalisierung, anderseits zu der Notwendigkeit, im Ausland sein Geld zu verdienen. Dennoch habe man freundlichen Kontakt untereinander. Konkurrenz brauchen Malinky jedenfalls nicht zu fürchten.

Es folgte eine gelungene Überraschung: die nicht angekündigte Feuershow der Evil Flames. Beginnend mit einem brennenden Didgeridoo steigerten sich die beiden „orientalischen Magier“ immer weiter, so dass nicht nur den Kindern in der ersten Reihe der Mund offen stehen blieb. Mit Tanz und fetziger Musik lieferten sie ein Spektakel, das einen weiteren Höhepunkt darstellte.

Die Hagener Ceili Family hatte quasi ein Heimspiel. Ihr Auftritt in den Worten von Frontmann Robin himself: „Dann geht’s für uns los. 23 Uhr. Wir werden sehr herzlich von Organisator Thomas Brandt auf die Bühne gebeten und es klickt sofort. Vor der Bühne hält sich hartnäckig eine tanzwütige Meute – und auch in den hinteren Bereichen des Festivalgeländes ist Bewegung. Ein toller Anblick von der Bühne aus – und ein großer Spaß. Um kurz vor eins ist dann allmählich Schluss (auch wenn der Guinness-Schriftzug auf dem Bierstand noch leuchtet). Es war ein Fest, als einzige deutsche Band unter all diesen Premium-Kräften dabei zu sein. Wir hoffen, irgendwann mal an die Burg zurückzukommen…“

Fotos Freitag: küc    Fotos Samstag: Marc Dobrick

Über kuec

Zwei Dinge faszinieren mich an Folk-Musik besonders: die mündliche Überlieferung mit ihren verschlungenen Wegen und der Einblick in andere Lebenswelten aus der Perspektive der Betroffenen. Neben meiner Leidenschaft für live-Musik habe ich mich immer wieder mit den Hintergründen dieser „Kultur von unten“ beschäftigt. Ich bin mit gemeinsamem Musizieren aufgewachsen. Meine Instrumente sind Geige, akustische Gitarre und E-Bass. Gespielt habe ich in Orchestern, Folk-Gruppen und Oldie-Bands. In den Neunzigern habe ich Konzertberichte für eine südwestfälische Lokalzeitung verfasst und freue mich, dem Schreiben über Musik jetzt online nachgehen zu können. Hier bei celtic-rock.de pflege ich seit 2008 die Wissens-Abteilung. Schaut doch mal bei den classics oder in unserer Bücherecke vorbei. Und nicht vergessen: keep music live!

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