4 Folkerdey 05062010
von kuec
Ob es als Werbeveranstaltung für Folkmusik geplant war? – Folkerdey hat am Samstag diese Funktion jedenfalls erfüllt. Angenehmer kann ich mir ein Festival kaum vorstellen. Bei Super-Wetter genossen um die 500 Besucher am Volkardeyer See bei Düsseldorf Musik und Atmosphäre. Damit dürfte sich das Festival im vierten Jahr endgültig etabliert haben. Thomas Gurke und Alex Otto, als Duo Drowsie Maggie selbst auf der Bühne, hatten 2007 erstmals die Initiative ergriffen und die Veranstaltung mit Unterstützung zweier Jugendzentren und vieler Helfer schrittweise ausgebaut. Dieses Mal wurden die Beteiligten mit Sonnenschein für die Gewittergüsse vom letzten Jahr entschädigt.
Keine Absperrgitter, keine Security, dafür, nachdem man Platz genommen hat, die freundliche Frage, ob man nicht einen Button zur Bezahlung der Musiker erwerben wolle? Das scheinbar amateurhafte äußere Bild täuschte: die Organisation mit Technik und Zeitplan klappten besser als bei manchen “Großen”. Auch die Auswahl der Bands passte.
Wenn man in einem Land mit einer lebendigen Folk-Szene auf eine regionale Musikveranstaltung geht, kann man ein hohes Niveau auch bei unbekannten Namen erwarten. So gesehen, hat der Samstag geschafft, was man sonst eher im Urlaub erlebt.
Auf dem Programm standen nachmittags Gruppen aus dem Rheinland, dem Bergischen und dem Ruhrgebiet. Keine über Insiderkreise hinaus bekannten, aber durchgehend guter musikalischer Standard und interessante Titelauswahl. Gemeinsam ist ihnen eine Verbindung zur Session-Szene. Auch Ratingen hat jetzt ein solches monatliches Musiker-Treffen.
Den Anfang machten Thomas Steffens und Jonas Liesenfeld, das sind mein Lieblings-live-Sänger und der frühere Fiddler von Pog mo Thoin. Thomas singt kraftvoll und etwas rau, irische Traditionals, aber genauso gut Jaques Brels Port of Amsterdam oder Mark Knopflers Border Reiver. Jonas begleitet mit warmem Ton und technisch sehr flexibel. Am frühen Nachmittag war der Publikumszuspruch noch nicht so, wie es die beiden verdient gehabt hätten.
Speziell für das Festival fanden sich wie im vergangenen Jahr die Mitglieder von Acoustic Ride On zusammen, die Songs und Tunes von den britischen Inseln, aber auch Eigenes spielen. Aus Farewell to Erin wurde aktuell und in freundlicher Absicht Farewell to Ballack. Der Boat Man von den Levellers kam ebenfalls gut an. Mehrstimmiger Gesang, aber auch die ausgefeilten Arrangements der Saiteninstrumente machten die jahrelange Erfahrung deutlich.
Fragile Matt aus Solingen sind ein neu formiertes Sextett und werden in nächster Zeit öfter in Erscheinung treten. Mit lockeren Ansagen versuchten sie, das Publikum munter zu machen. Schwungvoll und unbekümmert kamen die Tunes mit Banjo, Akkordeon, Fiddle und Whistle. Aber auch das a capella gesungene Teidhir Abhaile Riú oder der House Carpenter kamen gut an. Beim Gälischen hilft es natürlich,wenn man einen ‚echten’ Iren in der Band hat.
In den Umbaupausen bot sich ein Rundgang um das Eisenzeitliche Gehöft an. In einem kleinen Zeltlager wurde offenbar das damalige Leben mit Kochen über der Feuerstelle geprobt. Zur eigenen Verpflegung gab es Kaffee, Kuchen oder Gegrilltes zu fairen Preisen. Vor der Bühne wurden Wolldecken ausgebreitet, viele Kleinkinder wuselten gut gelaunt herum. Familiär und entspannt blieb es auch, als der Platz sich zusehens weiter füllte.
In der Kategorie ‚bester mehrstimmiger Gesang’ hätten die Vier von Fricklesome Amsel gute Karten gehabt, ebenso in ‚coolstes Instrument’ für ihren E-Kontrabass. Aber es ging ja nicht um Konkurrenz. Jedenfalls freute mich, von ihnen ein paar englische Titel zu hören, so den Chemical Workers Song, zu dem die Leute in Heiligenhaus (Bayer) ihren eigenen Bezug haben. Darauf, Are we Alright (Show of Hands) mit No Woman No Cry zu kombinieren, muss man erst mal kommen. Der Beweis, das Lena M.-L.’s Satellite in der Folk-Fassung bedeutend besser klingt, wurde nebenbei auch noch erbracht.
Eine Gruppe, die es eigentlich gar nicht gibt, ist Watergrasshill. Name und Mitspieler stammen von Johannes Schiefners jüngster CD-Produktion, der mit seinen Uillean Pipes auch in Irland anerkannt ist. Margit Bazilewski (Bouzouki) und Stefan Schneider (Fiddle) waren ebenfalls schon bei der einflussreichen Gruppe Limerick Junction dabei. Zu der Zeit muss Annika Schiefner (2. Fiddle) noch sehr jung gewesen sein, sie ist aber hörbar in die irische Musik „hineingewachsen“. Der Schwerpunkt lag der Besetzung gemäß auf den Tunes, darunter auch Eigenkompositionen. Michaela Grüß, hauptsächlich an der Bodhran, machte mit P Stands for Paddy als Sängerin auf sich aufmerksam. Man mag bei Watergrasshill den Entertainment- Faktor vermisst haben. Wer jedoch gern genau zuhört, konnte hervorragende Spieltechnik und interessante Arrangements entdecken.
Danach waren mit Drowsie Maggie die Gastgeber an der Reihe. Leider musste ich zu diesem Zeitpunkt das Gelände verlassen, um mit öffentlichen Verkehrsmitteln noch zu annehmbarer Zeit meine Heimat im Sauerland zu erreichen. Der Haken an der schönen Lage des Geländes ist ein zehnminütiger, unbeleuchteter Fußweg zum Parkplatz bzw. zum Bus. Aber im Juni ist es ja lange hell.
Wenn man das Festival als Überblick über die aktuelle Entwicklung der Folkszene betrachtet, fällt die Bilanz nicht nur für die Veranstaltung positiv aus. Akustische und Rocksounds scheinen sich einander anzunähern, ohne Percussion (Bodhran oder Cajon) spielt kaum noch jemand. Die Herkunft des Materials wird breiter, Folk bleibt erkennbarer Stil, aber ohne Berührungsängste. Die Altersspanne wächst: mit den Pionieren der ersten Folkwelle spielt der Nachwuchs gemeinsam.
Im weiteren Verlauf des Abends sollte es mit Alalé (Irland/Spanien)und Beer Belly (Slowenien) international weitergehen. Letztere waren schon im vergangene Jahr dabei und haben offenbar einen guten Eindruck hinterlassen. Fest geplant war eine abschließende Session, die, nach den anwesenden Musikern zu schließen, alle Chancen hatte, eine Super-Sache zu werden.


Mai 2012:
April 2012:
März 2012:













Ein grosses Kompliment an Alex und Thomas, die das Festival so wunderbar sympathisch mit Hilfe von den Mitarbeitern des JZ LUX in Ratingen organisiert haben. Für mich als Musiker ein grosses Geschenk. Folk Woodstock!!!! Was wünscht man sich mehr, danke!!
Detlef Peters hat freundlicherweise weitere Fotos zur Verfügung gestellt, so dass die tolle Stimmung am Abend auch noch rüber kommt. Herzlichen Dank! Seine Bilder unterscheiden sich von meinen durch gute Qualität