“An bhfuil aon sceal nua agat?“ oder: Drei Bücher gefüllt mit Märchen aus dem keltischen Sprachraum
von Tica
„Kennst Du eine neue Geschichte?“ – so begrüßen sich Bekannte und Freunde in Irland ab und an. Dieses kulturelle Interesse an guten Geschichten führte in der Vergangenheit besonders im keltischen Raum zu einer Fülle von Märchen, die bis ins letzte Jahrhundert von Erzähler zu Erzähler im Licht der Kaminfeuer weitergegeben wurden. Zwei Bücher von Frederik Hetmann und eines von Heinrich Dickerhoff, erschienen im Urania Verlag Königsfurt, beschäftigen sich intensiv mit diesen Geschichten aus alten Geschichten, ihren Erzählern und ihren Wurzeln.
„Keltische Märchen“ von Heinrich Dickerhoff (2006)
Der Präsident der Europäischen Märchengesellschaft führt die vorliegende Märchensammlung mit einer detaillierten Einleitung ein, in der er nicht nur die Auswahl der Märchen begründet, sondern „unser keltisches Erbe“ erläutert, welches er als den „oft vergessenen kleinen Finger der europäisches Hand“ neben der römischen, hebräischen, germanischen und griechischen Tradition bezeichnet. Dabei geht er auf die keltische Rolle im Ackerbau ein, und auch auf die Rolle der „Anderswelt“ als poetisches Erbe, gibt aber auch interessante und nützliche Hinweise zum Vortrag und der Aussprache der Märchen. Damit ist es optimal für Einsteiger in die keltische Märchenwelt geeignet. Außerdem kommen dem kontinentaleuropäischen Neuling auch die knappen, aber informativen Einleitungen und kurzen Nachworte des Herausgebers Heinrich Dickerhoff zu jedem Märchen sehr entgegen: So werden dort Tipps zur Aussprache und Bedeutung keltischer Namen gegeben, Hinweise zum Alter oder der Entstehung des jeweiligen Märchens, oder ob eine Geschichte eher eine ruhige oder lebhaftere Zuhörerschaft verlangt. Die 16 Märchen sind in die fünf Gruppen „Voraus-Geschichten“, „Starke Frauen“, „Reise in die Anderswelt“, „Männer“ und „Legenden vom Menschenfischer“ aufgeteilt und bereiten somit ein interessantes Spektrum von frühkeltischen und späten, eher christlich-keltisch geprägten Geschichten, wovon die meisten Texte auch Kindern bedenkenlos vorgetragen werden können.
„Irische Märchen“ von Frederik Hetmann (2009)
Frederik Hetmann, alias Hans-Christian Kirsch, begann Ende der 1960er Jahre in Westirland Folklore zu sammeln. Aus diesem reichen Fundus stellte er die „Irischen Märchen“ zusammen – ein Märchenbuch, dass sich vor allen Dingen schon für die Kenner der irischen Kultur und Sprache eignet, denn Aussprachehilfen für die Namen der Figuren oder Kommentare zum Hintergrund der einzelnen Märchen finden sich hier nicht. Dafür jedoch ein kurzer Anhang Hetmanns zum Feenglauben der keltischem Völker und seinem kulturellen Kontext – ein sehr bedeutendes Thema in der keltischen Märchenerzählung und auch für die Kontinentaleuropäer zumindest ethymologisch interessant, wird das Wort „Fee“ oder „Fairy“ doch laut Hetmann von lateinisch „Fatae“ abgeleitet, also den übernatürlichen Frauen, die „das Schicksal eines Menschen bestimmten und über den Geburtsvorgang wachten“ – woraus im Laufe der Zeit alle möglichen angelsächsischen, keltischen und skandinavischen Feen entstanden – oder zumindest mit dem Wort „Fee“ bedacht wurden.
Der Bedeutung des Übernatürlichen und des Weiblichen entsprechend, kommen diese Gestalten auch häufig in der Märchensammlung Hetmanns vor:
So zum Beispiel in dem bitterbösen Märchen „Schwarze Magie“, in dem ein Vater herausfindet, dass seine Frau ihrer Tochter „Hexenstückchen“ beigebracht habe und darauf Frau und Kind verlässt, selber jedoch nie wieder gesehen wird. Weitere der 23 Märchen auf 184 Seiten heißen unter anderem „Séan Palmers Reise mit den Feen nach Amerika“, „Dreimal lacht der Lepreachaun“, „Die Königin der Planeten“ oder „Der Hahn und das vierblättrige Kleeblatt“. Sie sind zum Vorlesen logischerweise sehr gut geeignet, an den wenigen Rechtschreibfehlern wird man sich wenig stören. Ob sie allerdings als Gute-Nacht-Geschichte für Kinder geeignet wären, bleibt im Ermessen des Einzelnen – sollten die Kinder Grimm’s Märchen vertragen, sollten auch diese Geschichten den Kleinen viel Freude bereiten.
„Hinter der Schwarzdornhecke – Irische Märchen und ihre Erzähler“ von Frederik Hetmann (2005)
Wer tiefer in die Materie der keltischen Märchenwelt eindringen möchte, der sei auf dieses Buch aufmerksam gemacht: Auf 352 Seiten werden nicht nur gut 39 Märchen vorgestellt, sondern sie werden chronologisch nach Autoren geordnet und mit ausführlichsten Hintergrundinformationen zu den Lebensumständen des jeweiligen Erzählers eingeleitet. Für den ausschließlich an guten Geschichten interessierten Leser mag dies etwas zu lang erscheinen, denn häufig bringen diese Einleitungen den Unkundigen nicht näher an die keltische Märchenkulturen mit den Feen, den starken Frauen und der Anderswelt heran, sondern veranschaulichen den Übergang von der einstigen Mündlichkeit der Märchenüberlieferung zur Verschriftlichung der Geschichten, bzw. die Vermündlichung einstiger niedergeschriebener Geschichten – was den Leser ein wenig orientierungslos in die Geschichte gehen lässt. Für Kenner des Genres ist eine solche Einführung jedoch ein Vergnügen und erweitert mit Sicherheit den Horizont.
Auf der anderen Seite bezieht sich der Titel „Hinter der Schwarzdornhecke“ unter anderem auf die Orte, an denen während der Zeit der „Penal Laws“ die irische Kultur heimlich überliefert wurde. Und so beschäftigt sich der differenzierte Anhang konsequenterweise mit eben jener Kulturgeschichte der keltischen Märchenüberlieferung in Irland und seiner noch heute lebendigen Kultur des Märchenerzählens. Für Kinder weniger geeignet, für Interessierte und Kenner allerdings ein kleiner Schatz.
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