Pipes & Whistles No 5
von Max
2007 initiierten die Herren und Damen von Adivarius und die Riege der Cobblestones zum ersten Mal das Pipes & Whistles Festival in Berlin, ließen 2008 die folkig-mittelalterlichen Unternehmungen in einer Trilogie auflodern und pausierten im Folgejahr um sich vom bisher Geleisteten zu erholen. Doch Anfang dieses Jahres war es wieder so weit.
Die erkorenen Shootingsstars der Folkszene und die Spielleute der guten Laune riefen die Freunde der historischen Sackpfeifen und irischen Flöten ins Herz ihres musischen Schaffens: nach Berlin. Bereits Mitte Februar war die Heilig-Kreutz-Kirche bis auf den letzten Platz ausverkauft, 800 Tanzwütige durften sich glücklich schätzen und viele weitere versuchten auf Umwegen, bspw. über den Backstagebereich mit nicht selten aphrodisierendem Augenzwinkern, sich einen Tanzplatz zu ergattern.
Schon anderthalb Stunden vor Einlass begann sich eine Schlange vor der hochheiligen Halle zu bilden. Eine halbe Stunden später nahm ebendiese die Kirche in den Würgegriff der Verzweiflung, da die Temperaturen schnell bis weit unter Null fielen. Doch tapfer harrten die Freunde des musischen Allerleis. Indes soundcheckten die Galgenvögel und wärmten den Wartenden mit dem ein oder anderen durchdringenden Trommelschlag das musische Gemüt. Dann endlich, punkt sechs, wurden die Tore freigegeben.
Mit vor aus den Augen strahlender Begeisterung wurde das Publikum von den Veranstaltern empfangen. An der mit Tuch behangenen Kreuzdecke flimmerten Bilder, Videos und Logos der Bands und stimmten die Anwesenden auf das nun Kommende ein. Bedauerlicher Weise schien das Kirchenportal nicht für den Ansturm solcher Massen konzipiert zu sein, sodass sich der Einlass als etwas zäh gestaltete.
Punkt sieben, nach einem greogorianischen Beruhigungschoral, wurden die Galgenvögel mit euphorischem Jubel empfangen. Das nordrheinwestfälische Quintett schlug vom ersten Lied, trotz Ausfall des Frontmanns, voll beim Publikum ein. Die Reihen standen indes so gedrängt, dass es kaum möglich war, vor der Bühne zu tanzen. Dies machte das von Anfang an feierfreudige Publikum durch lautes Mitsingen, Klatschen, wahre Jubelorgien und gemeinschaftliches (und daher platzsparendes) Gruppenkuscheln wett. Die vollbesetzten Ränge standen den Stehenden vom Lautstärkepensum der Begeisterungsstürme in keinster Weise nach. Nach einer Dreiviertelstunde mittelalterlich verpackter und nicht selten traditioneller irischer Klänge räumten die Galgenvögel die Bühne und gaben an die Veranstalter ab.
Das Festival begann mit einem Pfiff- und Jubelkonzert der Superlative und dies riss bis zum Ende des gemeinsamen Musizierens nicht ab. Mit ihrem eigentümlichen Charme, dem Waschbrett vor der Brust, der Base vor dem Schuh, der Gitarre in der einen und dem Akkordeon in der anderen Hand betraten die (frei übersetzt) Stümper- und Stolpersteine mit zu Recht stolzer Bierbrust und ordentlicher Feierlaune die Bühne. Das Publikum dankte mit scheinbar endlosem Beifall. Die vier trinkfesten Hünen schmetterten in die Mikros, sodass ab dem ersten Lied, die Bühnennebenflächen von tanzenden Fans erobert wurden. Und bereits vier Lieder später waren dann auch die ersten Tänzer auf der Bühne. Die Cobblestones ernteten begeisterte Wangenküsse und einen verstohlenen Blick der Freunde der Küssenden. Schwitzten und animierten. Dabei kamen aber auch die Freunde des ruhigen Folk, aber auch schunkelfreudige Anwesende voll auf ihre Kosten. Die Cobblestones lieferten eine einstündige Live-Performance der Spitzenklasse ab, die den eindeutigen Brückenschlag zwischen Folk- und Mittelalterfans schlug, die spätestens nach dem zweiten Lied gemeinsam mitsangen.
Sich dem feierfreudigen Auditorium mit dreisten Sprüchen und sattem Sound in die Arme schmeißend, eroberten nun Adivarius nach einer kurzen Pause die Bühne. Die im einheitlichen Outfit angereiste Fanfranktion erwartete ihre Barden schon in vorderster Front. Nahtlos konnten die Spielleute der guten Laune an die Stimmung der Vorgänger anknüpfen. Der Saal hatte sich, zumindest im Tanzbereich schon minimal geleert, sodass nun auch das Bewegen vor der Bühne möglich war. Ausgelassen wurde nun im ganzen Saal und auf der Bühne getanzt, wie es der Platz zuließ. Beinahe brachial riss der wummernde Sound des Basses und der Schlagwerke die tobenden Massen mit. Die Moderation forderte wellenartige Bewerbung nach hinten und vorne – und die nur noch zum Teil sitzenden Ränge konnten ein Meer aus Köpfen gischtartig zur Bühne und zum Ausgang streben sehen. Die Moderation forderte Gesang, die Menge sang! Mit ihrem reformierten Klang zeigten sich Adivarius gewohnt ungewohnt im neuen und alten Gewand, sodass für jeden Anwesenden etwas dabei sein musste. Die Stimmung im Saal kochte und auch die dritte Band durfte die Bühne nach guten 70 Minuten Programm nicht ohne angemessene Zugaben verlassen. Die Stimmung schien auf ihrem uneinholbaren Höhepunkt angelangt zu sein.
Ortsfremd und ihrem Namen nach unbekannt betraten nun Nobody Knows die Bretter, die die Welt bedeuten. Als letzter Akt des Lustspiels traten sie in die übergroßen Fußstapfen der Galgenvögel, Cobblestones und Adivarius. Aber den Unbekannten gelang es ohne Probleme, dort anzuknüpfen, wohin ihre Vorgänger den Saal angeheizt hatten. Schon beim ersten Lied floss der Schweiß in Strömen, die gesamte Tanzfläche brodelte und die Hosenböden der auf den Rängen Sitzenden wurden endlich entlastet. Ein Jubelkonzert der Extraklasse befreite die Jungen und das Mädchen von der Last des sogenannten Hauptacts. Ohne lange Umschweife ging es mit dem Volkslied Katjuscha in eigentümlicher Polka- und Mitmachmanier weiter. Das Publikum eroberte die Bühne und tanzte, was das Zeug hält. Bei Katjuscha, einem Volksliedohrwurm der Band, sang ein junger Herr aus dem Publikum in feinstem Russisch mit und gewann dafür eine CD. Kurzum: alle Anwesenden tanzten, sangen das Nobody-Knows-typische International („lalalala“) und vergaßen noch einmal, dass es außerhalb der Kirche kalt und alltäglich war.
Dreiviertel zwölf fanden sich dann noch einmal alle Bands auf der Bühne ein und zelebrierten gemeinsam „The Drunken Sailor“ und die „Merseburger Zaubersprüche“. In der von Schweiß und Musik stehenden Luft gaben sich Zuschauer und Musiker die Klinke gemeinsam in die Hand, spornten sich ein letztes Mal zu Höchstleistungen an und ergaben sich letztlich dem Druck der bestehenden Kirchenordnung: Alles vorbei bis Punkt zwölf. Zur Geisterstunde endete die exzessive Folk- und Mittelalterparty, die nur nach einem verlangt: nach Wiederholung.
Gesamtprädikat: Blasen an den Füßen und Ganzkörpermuskelkater vom Tanzen, verbrauchte Stimmen und zerschundene Finger vom Singen und Saitengreifen, gesprungene Lippen vom Dudelsack und ein lohnender Restkater bis in die neue Woche. Was will man mehr?

Mai 2012:
April 2012:
März 2012:













Super geschrieben Max! War bestimmt ein extrem geiler Abend! Der Bericht wirkt auf jeden Fall so!!!!
Das hast du dem Bericht von Max sehr gut entnommen, Sören – der Abend war exrem geil!
Ja, das war er … und ich hoffe, dass die Berliner das bald wiederholen!