Los Stompers ~ animal, vegetable, miserable (2009)
von Folkaholix
Im November des letzten Jahres veröffentlichte die seit 1997 fünfköpfige Formation Los Stompers aus Barcelona ihr nunmehr viertes Album „animal, vegetable, miserable“. Als Erstrezipient ihrer Musik ist ihre stilistische Selbstverortung „post-irish“ wenig hilfreich, erschließt sich aber, insbesondere wegen der begrifflichen Weite und umfangreicher Konnotation, problemlos beim Hören.
„Post-irish“ als Ausblick in die Gefilde des weitverbreiteten und allgemein beliebten Folkrock, Speedfolk oder dergleichen? Die CD eröffnet mit bei zuvor Genannten typischen E-Gitarren-Riffs, der sich ein voluminöser Bass anschließt und kulminiert letztlich nahtlos in ein beinahe volksliedhaftes Akkordeonspiel. Wohlgefällig schleicht sich der durchgängig bewundernswert astreine Gesang ein, der von gesplitteten Mandolinenakkorden umspielt wird. Schon beim ersten Lied überraschen Los Stompers ihre Zuhörer mit unerwarteten Akkordmodulationen.
Die zwingende Auflösung eines Motivs in einem Durakkord endet nicht selten in einer fließenden Mollbewegung, die sich en passant wieder zum Dur spielt. Dazwischen gibt es dann immer wieder Melodieteile, in denen Mandoline, Geige und Akkordeon unisono spielen und es muss wohl intendiert sein, dass die Stimmung der Instrumente insbesondere in traditionell wirkenden Zwischenteilen minimal divergiert. Unscheinbar kunstvoll – wie auch der folgende Rest.
Schon der zweite Titel der CD wartet mit einer weiteren spielerischen Raffinesse auf. So gehen zwei eigenständigen Motiven quodlibethaft ineinander über, dass sich dem Hörer der Eindruck vermittelt wird, dies geschähe notwendigerweise nebenbei. Die vielfältigen Instrumente (Gitarren, Bässe, Banjo, Mandoline, Ukulele, Geige, Akkordeon, Percussion und Schlagzeug) umspielen einander auffällig unauffällig, wenn man sich zu einem dezidierten Hören animieren lässt.
Der Titel „Gazpacho Man“ überrascht mit einmaligem Gesang in Spanisch. Echauffiert wirft eine Sprecherstimme an einigen Stellen ein: „Speak English! I can‘t understand!“ und gibt dem Nicht-Spanier ein Veto, das gutgemeint, aber nicht notwendig und in seiner Würze erfrischend unseriös ist. Bewusst falsch ertönt der mehrstimmige Gesang, karikiert und dechiffriert den traditionellen Folk. Dennoch überrascht das Männerquintett auch hier mit spannenden Dur-Moll-Wechseln.
An anderer Stelle erinnern Gesang und Instrumentation an den einmaligen Soundtrack von “o brother where art thou”. Hier ertönt ein zackiger Skasound, der kurz darauf vom Wohlklang einer behäbigen Tuba konterkariert wird. So finden sich wohlfeile Melancholismen wie „Put Your Hands in Mine“, aber auch triefende Schunkelrhythmen auf diesem Silberling nebeneinander.
Mein Favorit „Sleepers“ ist Ausdruck dieses Facettenreichtums. Das Stück wird von historische anmutenden Lautenklang eröffnet, wird dann (zum ersten Mal auf der CD) temporeich und schleicht sich mit seinem Refrain „You’ll be allright. Sleep tight tonight!“ en passant in die Köpfe der Zuhörer ein.
Insgesamt verdient dieses Album das Prädikat „ausgezeichnet“. Warum nur drängte sich dieser Eindruck beim ersten Hören nicht auf? Viele lustige, technisch virtuose Ideen sind einfach zu nebenbei umgesetzt. An einigen Stellen wirkt das Album eher poppig als folkig, aber was heißt schon „post-irish“? Gibt man dem Album eine Chance, den ersten – vielleicht etwas schal wirkenden – Eindruck zu untergraben, wird der Hörer sich in einem musikalischen Museum voller Normalitäten und Absonderlichkeiten manigfalter Musikstile wiederfinden, sodass letztlich die Frage nach dem „post-irish“ eigentlich keinerlei Relevanz mehr hat.
Trackliste
- Noah’s Ark
- Evel Knievel
- Unwind
- Gazpacho Man
- Swanning ‘Round
- Sleepers
- Yesterday’s Light
- Celia
- Eureka
- Put your Hands in Mine
- Hooley in the Kitchen
- His Master’s Voice
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Für alle Leser ohne „summa cum laude“ Doktorabschluss in Germanistik, Sprachwissenschaften und Musiktheorie – hier mal die Übersetzungen einiger Wörter dieser Rezension
Erstrezipient = Der Rezipient ist der Empfänger (z. B. Leser, Zuhörer, Zuschauer, Publikum) in einem medialen Kommunikationsprozess.
Konnotation = Der Ausdruck Konnotation (vom lat. Präfix con-, „mit-“, „zusammen-“, und notatio, „Anmerkung“) ist ein mehrdeutiger Ausdruck, insbesondere der Logik und der Sprachwissenschaft.
kulminiert = auf dem Höhepunkt, Gipfel befindlich
Akkordmodulationen = In der Musiktheorie bezeichnet das Wort Modulation den vorbereiteten Übergang von einer Tonart zu einer anderen.
en passant = Der französische Ausdruck en passant lässt sich mit im Vorbeigehen, beiläufig übersetzen…
unisono = Der musikalische Begriff unisono (italienisch „Einklang“) bezeichnet das Verfahren, alle Beteiligten eines Klangkörpers gemeinsam dieselbe Melodie singen bzw. spielen, auch in verschiedenen Oktaven.
intendiert = auf ein bestimmtes Resultat hin zielend; mit einer bestimmten Intention
divergiert = Divergenz (f., lat. divergere: auseinander streben) bezeichnet allgemein die Auseinanderentwicklung zweier Objekte, Größen oder Prozesse ausgehend von einem Ursprung und stellt damit das Gegenteil der Konvergenz dar.
quodlibethaft = Ein Quodlibet (lat. ‚wie es beliebt‘) ist ein Musikstück, in dem Melodien kombiniert werden, die ursprünglich nichts miteinander zu tun haben.
dezidierten = Adj; geschr; mit einer festen Meinung zu einer Angelegenheit ≈ entschieden
echauffiert = bildungssprachlich: in beunruhigende Erregung versetzen; sich ereifern, sein Gemüt erhitzen
karikiert = Karikatur (von lat.: carrus = Karren, also: Überladung, und ital.: caricare = überladen, übertreiben) bedeutet die komisch überzeichnete Darstellung von Menschen oder gesellschaftlichen Zuständen, häufig mit politischem Hintergrund.
dechiffriert = Entschlüsselung auch Dechiffrierung oder Entzifferung (engl. decoding, decipherment oder decryption) beschreibt im weiteren Sinne die Erklärung oder Deutung unbekannter Zeichen, Symbole, Bilder, Hinweise oder anderer Artefakte bzw. deren Umwandlung in bekannte Zeichen.
konterkariert = etwas zu verhindern, untergraben suchen
wohlfeile = für einen geringen Preis, günstig, abgedroschen, platt
Melancholismen = Das Wort Melancholie leitet sich von dem griechischen Begriff melancholia (dt. etwa „schwarze Galle“) ab. Es bezeichnet einen seelischen Zustand von Schwermut oder Traurigkeit, der in der Regel auf keinen bestimmten Auslöser oder Anlass zurückgeht.
mannigfaltig = auf vielerlei Weise und in großer Menge verfügbar/vorhanden, kurzweilig, unterhaltsam
Relevanz = Relevanz ist eine Bezeichnung für die Bedeutsamkeit oder Wichtigkeit eines Gegenstandes, die jemand etwas in einem bestimmten Zusammenhang beimisst.
Sollte es dem gewohnten Duktus nicht gerecht geworden sein, bitte ich um Nachsicht. Andernfalls danke ich für die Mühen des “Übersetzens”.
Thanks Folkaholix for the in depth review.
Would it be possible to ask for an english translation? At least for some things?
Vielen Dank Sören