David Thomson ~ Seehundgesang
von kuec
David Thomson war seit seiner Kindheit von ihnen fasziniert. Er bereiste die Inseln in Schottlands Norden und die irische Westküste, immer auf der Suche nach Seehunden – und den Geschichten, die die Menschen über sie erzählten. Ihm gelang mit diesem Buch ein einzigartiges Dokument, das weit mehr ist als eine Sammlung von Legenden.
Als kleiner Junge stolpert Thomson in einer dunklen Fischerhütte über einen blutenden, aber noch lebenden Seehund. Ein verstörendes Erlebnis, das ihn aber in Kontakt mit einem Seehundjäger und der ersten Legende bringt.
Die Beziehung der Küstenbewohner zu den Tieren, die eigentlich Kegelrobben heißen, ist ambivalent. Die Männer bewundern ihre Stärke und Schönheit, jagen sie aber dennoch, da ihr Fett gebraucht und auch das Fell verwertet wird. Die durchdringenden Rufe und die großen, ausdrucksvollen Augen legen nahe, ihnen Menschenähnlichkeit zu unterstellen. Viele Geschichten handeln davon, dass die Seehunde sich in Menschen verwandeln, in schöne Frauen oder starke Männer. Sprechen konnten sie natürlich ohnehin, und nicht wenige Menschenkinder sollen als Zeichen ihrer Abkunft mit Schwimmhäuten zwischen den Fingern geboren worden sein. Auch Zauberkräfte werden den Robben zugeschrieben, etwa wenn das Sterben der Kühe auf ihren Fluch zurückgeführt wird. Die Leute nehmen an, dass die Seehunde ihnen im Guten wie im Bösen Gleiches mit Gleichem vergelten. Der Seehund könnte damit auch die Natur an sich symbolisieren.
Als selchie oder silkie taucht die Robbe in Balladen auf, ähnliche Motive gibt es in Island, Norwegen und darüber hinaus. Wie Märchen sprechen die Geschichten die Zuhörer an, weil sie Botschaften aus dem Unterbewusstein enthalten. Die Menschen, die sie Thomson erzählen, sind oft nicht sicher, ob an der Überlieferung nicht doch etwas Wahres ist. Schauplätze und betroffene Menschen können oft genug konkret benannt werden. Die “Anderswelt” ist lebendiger Teil der kollektiven Vorstellung, die Grenzen sind fließend. Oft geht es um Leben und Tod. Menschenbabys sollen von Seehundmüttern gesäugt worden sein, andererseits findet man Seehundjäger Micheal Sean erschlagen an der Stelle, wo er genau ein Jahr früher einen jungen Heuler wegen seines schönen weißen Fells getötet hat.
David Thomson (1914 – 1988) reiht nicht nur Geschichten mit einer Rahmenhandlung wie einen Reisebericht aneinander. Er skizziert mit knappen Worten den Alltag der Menschen, zu deren Leben die Legenden gehören. Ihnen gehört seine Sympathie, was sich schnell auf den Leser überträgt. Seine Reisen unternahm Thomson Ende der 1940er Jahre, als die Lebensweise in vielem noch stark in der Vergangenheit wurzelte. Der Autor beschreibt den Fischfang mit den curraghs, die karge Landwirtschaft und die strohgedeckten Häuser ohne Kamin und Innenwände, deren Dach schwarz vom Torffeuer ist.
Obwohl ihm bewusst ist, dass er eine aussterbende Lebensweise dokumentiert, fehlt jede Nostalgie. Er geht respektvoll mit den Menschen um, die ihn als interessierten Zuhörer in ihre Häuser einladen. Thomsons Sprache ist klar und sachlich. Er schafft es mit wenigen Worten, die Atmosphäre unter den Fischerfamilien in der kargen Küstenlandschaft zu skizzieren. Die Übersetzung aus dem Englischen von Eike Schönfeld trägt dem Rechnung.
Es ist vielfach bestätigt, dass die Robben Interesse an Musik haben und damit anzulocken sind; der deutsche Buchtitel kommt nicht von ungefähr. In einem eigenen Kapitel geht es um die “Musik der Seehunde”. Ein Ruf ist in Noten dargestellt, ebenso die sehr alte Ballade vom Selchie of Sule Skerrie. Thomson stellt die Frage, ob eine musikalische Kommunikation zwischen Mensch und Tier stattfinden konnte oder sogar die Seehundsgesänge die Musik der Menschen beeinflusst haben.
Im Nachwort würdigt Literatur-Nobelpreisträger Seamus Heaney das Buch in seiner Einmaligkeit besser, als es wohl sonst irgendjemand gekonnt hätte. Dem mare-Verlag kommt das Verdienst zu, diesen 1954 in Großbritannien als The People of the Sea erschienen Klassiker 2005 dem deutschen Publikum zugänglich gemacht zu haben. In den einschlägigen TV-Sendungen würde wohl jemand im Imperativ ausrufen: Lesen! Ich beschränke mich darauf, Seehundgesang schon jetzt als mein persönliches Buch des Jahres zu nominieren.


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