Ralf Sotscheck ~ Gebrauchsanweisung für Irland
von kuec
Es ist ein Reiseführer der etwas anderen Art: Hinweise auf Sehenswürdigkeiten, nützliche Adressen oder sogar Fotos würde man vergeblich suchen. Trotzdem ist Sotschecks Buch klassische Reiselektüre. Dabei geht es eher um die Einstimmung auf die Menschen, den Versuch einer Erklärung, wie „die Iren“ sind, und vielleicht auch warum.
Der Autor lebt seit 25 Jahren in Irland und ist u.a. Korrespondent der tageszeitung. Sotscheck schreibt flüssig und unterhaltsam, so dass man quasi nebenbei eine Menge über Geschichte und Kultur aufnimmt und sich trotzdem amüsiert hat. Ein gewisses Maß an Interesse am Land selbst ist dabei allerdings vorausgesetzt.
Nicht alles in Irland ist Gold: etwa der chaotische Dubliner Straßenverkehr, die wilden Müllkippen mitten in der Landschaft oder die Unzuverlässigkeit der Handwerker. Man wird sich als Tourist wohl nicht mit der Telefongesellschaft oder der Einwanderungsbehörde auseinandersetzen müssen, aber die geschilderten Erfahrungen legen nahe, Widrigkeiten mit Gelassenheit, Geduld und Humor zu nehmen – Eigenschaften, die wir Mitteleuropäer an unseresgleichen öfter vermissen. Dass die Iren im persönlichen Umgang herzlich und aufgeschlossen sind, werden die meisten Besucher bestätigen. Eine gewisse Unzuverlässigkeit bescheinigen sie sich aber auch selbst.
Manche für Deutsche ungewohnte Erscheinungen sind mir aus England vertraut: die Bingoleidenschaft etwa, der in kirchlichen Gemeindesälen gefrönt wird, das Wettfieber beim Pferderennen oder der bemühmte Ruf Last Orders! im Pub. Die Ähnlichkeiten zwischen der großen und der kleinen Insel sind heute, knapp 90 Jahre nach Eires Unabhängigkeit, immer noch größer, als es manche gerne hätten.
Das Buch erschien 1993 und wurde für mehrere Auflagen aktualisiert. So ist vom Aufschwung des ‚keltischen Tigers’, aber auch schon von dessen Ende und der gegenwärtigen massiven Wirtschaftskrise zu lesen. Dass der Boom mit Steuergeschenken und Umwelt-Dumping erkauft wurde, ist nicht mehr von der Hand zu weisen. Der Bauboom hat massenhaft ungenutzte Abschreibungs -Immobilien hinterlassen. Korruption und eine Menge politische Skandale müssten die Leute eigentlich auf die Barrikaden treiben.
Die Opposition fand eher im Privaten statt: der Kampf der katholischen Kirche gegen Verhütungsmittel und Ehescheidung ist inzwischen auch in Irland gescheitert. Warum die Kirche bis in die jüngere Vergangenheit das Land derartig dominieren konnte, lässt sich bei Sotschek nachlesen.
Neben Betrachtungen zur Politik kommt die Freizeitkultur nicht zu kurz: die gälischen Sportarten und ihre Konkurrenz zum ‚Besatzer-Vergnügen’ Fußball, die Kneipenszene und das nicht immer kulinarisch anspruchsvolle Essen. Auf die Beschreibung der illegalen Hunde- und Hahnenkämpfe hätte ich gut verzichten können, aber es gibt sie halt.
Ein paar geschickt eingestreute Daten machen die Dinge anschaulich. Wer sich vor Augen führt, dass die Iren 12,5 % ihres Einkommens für alkoholische Getränke ausgeben, bekommt einen Eindruck vom Einfluss des Guinness-Imperiums. Daran ändern die immerhin 250 000 erklärten Nicht-Trinker wenig. Pub-Hauptstadt dürfte Listowel in Co. Kerry sein – 53 Pubs auf knapp 3000 Einwohner.
Die typisch irische Nähe von Alkohol und heimischer Weltliteratur illustriert ein Kapitel über die großen Autoren und die Eigenheiten von Dublin, der „Sau, die ihre Ferkel frißt“ (James Joyce). Weiter erfahren wir, warum Gälisch die offizielle Nationalsprache ist, obwohl sie nur die wenigsten Iren flüssig sprechen können.
Uns soll das Thema Musik besonders interessieren, und auch hier bringt Sotscheck die Sache in wenigen Sätzen auf den Punkt. „In den Bereich der Legende gehört, daß die Iren stets einen Dudelsack oder zumindest eine kleine Blechflöte, die Tin Whistle, mit sich herumtragen und nach drei Guinness unweigerlich in Gesang und Musik ausbrechen. Zwar gibt es die Pub Sessions tatsächlich, doch sie sind inzwischen gut organisiert und in Veranstaltungszeitschriften abgedruckt.“ Es wird auch nicht unterschlagen, dass die Iren keineswegs immer ein ungetrübtes Verhältnis zu ihrer musikalischen Tradition hatten. Sie galt jahrzehntelang als rückständig und überholt.
Mit ihren 200 Seiten hat die „Gebrauchsanweisung“ am Ende vielleicht dazu beigetragen, aus einem unbedarften Urlaubs-Konsumenten einen verständnisvollen, freundlichen Besucher zu machen. Auch wer keine konkreten Reiseabsichten hat, wird sich gerne in die Inselwelt des Autors zwischen Dublin und der Westküste versetzen lassen.
Der etwas mechanistisch anmutende Titel ist darauf zurückzuführen, dass es im Piper-Verlag eine umfangreiche Serie an Reiseführern zu diesem Stichwort gibt. Im kommenden Monat erscheint übrigens eine überarbeitete Neuausgabe. Diese wird auch als e-book erhältlich sein.
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