Honigdieb im “Franz K” in Reutlingen, 03122009
von Jessy
Amorph, konfus, verwirrend. Ein kafkaeskes Theater der kleinen Obszönitäten, im Labyrinth des grellen Wahnsinns. Wie frisch aus einem Tim Burton Film entsprungen, präsentierten sich uns am vergangenen Donnerstag „Honigdieb“ in Reutlingen. Neben grotesken optischen Effekten wurde uns auf diesem wahnwitzigen „Mini -Jahrmarkt“ auch ungewöhnliche und gute Musik präsentiert.
Das uns schon bekannte Franz K. in Reutlingen war auch diesmal nur spärlich besucht, sei es dem Wochentag zuzuschreiben oder anderen Widrigkeiten. Alles in allem fanden sich jedenfalls eine Handvoll Zuschauer- und hörer in dem modern gestalteten Veranstaltungszentrum ein, durch das ein Hauch Punk und alternative Lebenseinstellung weht.
Da wir (wie die meisten Anwesenden) die Vorband nur mäßig interessiert wahrnahmen, kann ich zu dieser hier auch nicht viel sagen. Lediglich, dass diese sehr gediegen war, am besten zu beschreiben vielleicht mit „Alternativ-Ethno- Jazz“. Als dann danach „Honigdieb“ die Bühne betraten, die ich persönlich zum ersten Mal sah, war es aber schnell vorbei mit Gemütlichkeit. Trotz des obligatorischen publikumsfreien Halbkreises vor der Bühne, gaben die 6 fantasievollen Musiker auf der Bühne vom ersten Takt an Alles. Eins vorweg: Man muss sich als Neuling definitiv erst an die explosiv-agressive Art der Band gewöhnen. Wie der ungewöhnliche Name schon verspricht, gibt es bei dieser Band keine 08/15 Show.
Neben dem süßen Nektar der gestreiften Insekten, scheint die illustre Kombo aus Dortmund nämlich auch einiges an Kreativität und Einfallsreichtum von den Musen „gestohlen“ zu haben. Nicht nur unterhaltsame, sondern auch aussergewöhnliche Texte tauchen in den Songs auf, die irgendwo zwischen knallbunter Kaugummi-Metaphorik und Horrorkabinett schweben. Die deutschen Lyrics werden durch eine glasklare Flöte, eine röhrende Gitarre und ein hämmerndes Schlagzeug in die Weiten des Publikumsraums geschleudert. Die nötige Extravaganz erzeugen die zusätzlichen Saiteninstrumente, nämlich der brummende Kontrabass und die elegante Geige.
Vor allem Sänger „Sir Hannes“ ist (neben dem Esel als „Bandlogo“) das Markenzeichen der Gruppe. Mit einer Kostümwechselfrequenz, bei der selbst Prince und Madonna neidisch würden, stachen vor allem dessen theatralische Fähigkeiten ins Auge. Ob mit fliegendem Schwein in der Hand oder Blaulicht auf dem Kopf, der charismatische Glatzkopf zeigte vor allem ein grenzwertiges Gestik- und Mimikspiel, bei dem sich jeder Gesichtschirurg die Hände reiben würde.
Doch genau diese exzentrische Bühnendarstellung machen das Besondere der Band aus. Jedes krasse Statement des „Frontmimen“ scheint dabei ein passender Kommentar zu der skurril-poetischen Musik zu sein. Wenn man also zum ersten Mal zu einem Honigdieb-Konzert geht, sollte man sich darauf einstellen, erstmal mit offenem Mund dazustehen. Selbigen entweicht dann gewiss irgendwann ein „Ist das krank!“ und man wird vielleicht grinsend feststellen, dass genau das einem gefällt.
Denn wie Mark Twain schon sagte:
” Wenn wir bedenken, daß wir alle verrückt sind, ist das Leben erklärt “
(jn)
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