The Horslips
von kuec
Als die Horslips im Sommer 2009 zwei große Reunion-Konzerte ankündigten, war das Interesse der irischen Medien enorm. Und das 29 Jahre, nachdem die Band sich aufgelöst hatte! Obwohl sie im Ausland nicht den ganz großen Durchbruch schafften, ist der Einfluss der frühen irischen Folk-Rocker im eigenen Land kaum zu überschätzen. Die Horslips brachten den Rock nach Irland und ebneten damit vielen anderen den Weg.
Barry Devlin, Eamon Carr und Charles O’Connor arbeiteten 1970 in einer Dubliner Werbeagentur und sollten für eine Bierwerbung (Harp Lager) eine Band mimen. Weil sie einen Keyboarder brauchten, sprachen sie den ausgebildeten Musiker und Multiinstrumentalisten Jim Lockhart an. Das Quartett hatte so viel Spaß, dass man beschloss, als Band weiter zu machen.
Der Name wurde, so Bassist Devlin, im Glutamat-Rausch ersonnen. Die Vier saßen in einem China-Restaurant und machten als Wortspiel aus den „Four Horsemen of the Apokalypse“ die “The Four Poxmen of The Horslypse”, kurz Horslips.
„Wir kamen halt nicht aus dem Mississippi-Delta“, meint Schlagzeuger Carr, heute Journalist, zu den Einflüssen. Bis dato war ein Rockmusiker aus irischer Sicht ein Engländer, der einen Amerikaner imitierte. Auch die englischen Folkrock-Pioniere Fairport Convention oder Steeleye Span waren in der Auswahl ihrer musikalischen “Roots” geographisch flexibel.
Die Horslips waren aber mit traditioneller Musik aufgewachsen und suchten einen Weg, die eigenen Wurzeln mit Rock zu verbinden. Dies gelang überzeugend, weil die gleichen Musiker in beiden Stilen zu Hause waren und über ein umfangreiches Instrumentarium verfügen konnten.
Jim Lockhart spielte außer der Orgel auch Flöte in Jethro Tull-Manier, dazu Tin Whistles und Uilleann Pipes, John Fean neben Gitarre auch Banjo, Charles O’Connor Fiddle, Mandoline und Concertina. Den Leadgesang übernahm Bassist Barry Devlin, unterstützt von Lockhart und O’Connor. Als letzter stieß 1972 Gitarrist John Fean dazu. Vor ihm war Declan Sinnott dabei gewesen, heute als Partner von Christy Moore bekannt. Eamon Carr saß am Schlagzeug
Die Horslips waren weder naiv noch pressescheu und vermarkteten sich geschickt mit ihrer eigenen Plattenfirma. Sie hatten keine Berührungsängste gegenüber dem Business und ließen sich sogar für einen Limo-Werbespot anheuern (Mirinda).
Die gesamte optische Präsentation stammte vom gelernten Grafikdesigner O’Connor, sogar die Bühnenkleidung. Schlaghosen, grelle Farben, feminine Attitüde, dazu lange Haare und Bärte – der letzte Schrei. Wie eine „Kreuzung aus T. Rex und der Tulla Ceilidh Band“ (Irish Daily Mail 2009) platzten sie in die Szene. Es war aber nicht nur die Musik, die sie in so ziemlich jeden Ballsaal und jedes abgelegene Provinznest der Insel brachten.
Die wenigsten Jugendlichen hatten je eine Rockband live gesehen, höchstens im britischen TV. Rock hatte noch etwas Rebellisches. Die Horslips zeigten psychedelische Lightshows und spielten im Stil des gerade angesagten Art- oder Prog-Rock. Tanzen konnte man zu ihrer Musik nicht, jedenfalls nicht in nüchternem Zustand. Trotzdem herrschte, wie auf Videos zu erkennen, oft genug fantastische Stimmung. Eine Generation konnte sich selbst (wieder-)erkennen. Ein anderes Leben als das Spießerdasein im Provinzkaff wurde für sie denkbar.
Am St. Patrick’s Day 1972 folgt der Schritt ins Profilager. Die erste von über einem Dutzend Singles erschien. Die Debüt-LP Happy to Meet, Sorry to Part wurde das bestverkaufte Album des Jahres in Irland. Es enthält etwa zur Hälfte traditionelles und eigenes Material mit sehr abwechslungsreichen Arrangements.
Das renommierte Dubliner Abbey Theatre bat die Gruppe, Musik zur Aufführung einer altirischen Legende beizusteuern, dem Rinderraub von Cooley. Ergebnis war 1973 das ebenfalls sehr erfolgreiche Album The Tain mit ihrer rockigen Hymne Dearg Doom. Das stärker traditionelle Drive the Cold Winter Away 1975 knüpfte an die akustischen Klänge des Debüts an.
Die Band beschäftigte sich gern mit keltischen Legenden und legte 1976 ein entsprechendes Konzeptalbum vor: Book of Invasions – A Celtic Symphony. Als Vorgruppe von Steeleye Span tourten sie in Großbritannien, 1977 kamen sie nach Deutschland. Der Traum von einer irischen Rockszene, die den Künstlern ein Auskommen im eigenen Land sichern würde, ließ sich nicht verwirklichen. Auch ihre Zeitgenossen Van Morrison oder Rory Gallagher waren darauf angewiesen, sich im Ausland einen Namen zu machen.
Um die Auswanderung der Iren in die USA ging es auf der LP The Man Who Built America, 1978gezielt für den US-Markt produziert und kommerziell wohl ihr erfolgreichstes Album. Der Sound ist jedoch erheblich glatter. Mehrere US-Touren unterstützten die Bemühungen der Horslips, dort Fuß zu fassen.
Der Konflikt zwischen zwei Orientierungen innerhalb der Band wurde immer deutlicher: der engen Anknüpfung an die irische Musiktradition einerseits und der Ausrichtung auf den veränderten Mainstream-Markt andererseits. Vielleicht fehlte auch ein charismatischer Frontmann, wie ihn Thin Lizzy mit Phil Lynott besaß. Ein anderer Nachteil für die Band war ironischerweise der Boom der akustischen Folkmusik, der in Irland mit dem Erfolg von Planxty, der Bothy Band und anderen einsetzte. Die Horslips selbst hatten ja viele Fans durch ihre frühen Aufnahmen ermutigt, sich mit der irischen Tradition zu befassen. Als Punk und New Wave heraufzogen, war das Jahrzehnt der Horslips vorbei. Am Ende stand 1980 ein Live-Album mit Aufnahmen aus Belfast.
2004 ließen sich die Horslips erweichen, in Derry bei einer Ausstellung von Fan-Memorabilia unplugged ein paar Songs zu spielen. Die begeisterte Reaktion motivierte sie, ins Studio zu gehen und eine Reihe Songs noch einmal rein akustisch einzuspielen. Roll Back kam bei der Kritik gut an.
In diesen Tagen, am 13. Nov. 09, erscheint ein „best of“ -Doppelalbum mit dem Titel Treasury, passend zu den beiden Gigs (und dem Weihnachtsgeschäft).
Diskographie
Happy to Meet – Sorry to Part (1972)
The Táin (1973)
Dancehall Sweethearts (1974)
The Unfortunate Cup of Tea (1975)
Drive the Cold Winter Away (1975)
The Book of Invasions (1976)
Horslips Live (1976)
Aliens (1977)
Tracks from the Vaults (1977)
The Man Who Built America (1978)
Short Stories/Tall Tales (1979)
The Belfast Gigs (1980)
Roll Back (2004)
Die Reunion-Konzerte im Dezember 2009 standen unter dem Motto „The Band who defined a Generation“.
PS. Beide Konzerte waren ausverkauft und müssen recht ordentlich gewesen sein.
Bericht der Irish Times
Weitere Artikel in dieser Serie:
- Clannad (11. Mai 2008)
- Die Clancy Brothers & Tommy Makem (13. August 2008)
- The Dubliners (1/2) (13. September 2008)
- The Dubliners (2/2) (16. September 2008)
- The Chieftains (28. Oktober 2008)
- Planxty (4. August 2009)
- Moving Hearts (31. August 2009)
- The Horslips(This post) (12. November 2009)
- The Bothy Band (31. Juli 2010)


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