Akkordeon ~ Instrumentenkunde Teil 5
von celtic-rock
Als Instrumentenpate für das Akkordeon stand uns diesmal Stefan Klug von Deutschlands erfolgreichster Irish Speedfolkband Fiddlers Green zur Verfügung. Dafür bedanken wir uns von www.celtic-rock.de ganz herzlich.
1. Warum Akkordeon?
Dem Akkordeon hängt in Deutschland leider oft ein negatives Image an: Durch die häufige Verwendung bei “volkstümlicher” Musik, die oft sehr einfach gestrickt ist und die “heile Welt” verklärt, setzen es viele Leute vorschnell mit Musikantenstadl, Karl Moik, Oberkrainer & Co. gleich. Und hassen es damit oft abgrundtief. Seltsame “Akkordeonorchester” tun dann oft noch ihr übriges, den Ruf dieses Instruments gänzlich zu ruinieren…
Doch: Ein Akkordeon ist ein äusserst vielseitig einsetzbares Instrument, das häufig unterschätzt wird! Die Bandbreite der Musik, die damit möglich ist, ist enorm – von Klassik über Jazz bis natürlich zur Folk- und Rockmusik jeglicher Ausprägung. Ein Akkordeon (auch Harmonika, Quetsche, Handorgel oder Schifferklavier genannt) ist ein “Handzuginstrument”, das meist aus einem “Diskantteil” (Melodieteil) und einem “Bassteil” besteht; durch den Balg sind die beiden Teile miteinander verbunden.
Schon allein die klangliche Vielfalt der verschiedenen Akkordeonarten ist beeindruckend: Durch die zahlreichen baulichen Varianten (chromatisch oder diatonisch, Anzahl und Art der Stimmstöcke und Stimmzungen etc.) können sehr individuelle, klanglich verschiedene Instrumente hergestellt werden.
Ich hatte schon als Sechsjähriger ein kleines chromatisches (d.h. bei Zug und Druck wird der selbe Ton erzeugt) Pianoakkordeon (hat auf der Diskantseite Tasten statt Knöpfe) geschenkt bekommen und ein wenig darauf herumgespielt, es aber nie so richtig richtig gelernt, obwohl ich als Kind ein wenig Unterricht hatte. Mit ca. 13 Jahren habe ich das Instrument gehasst und in die Ecke gestellt… Erst mit 19 Jahren, als ich merkte, dass man damit auch “coole” Musik machen kann, habe ich es wieder hervorgeholt. Ich spielte zu “Pogues”-Platten, hörte mir die Melodien raus und brachte es mir irgendwie selbst bei – es machte auf einmal großen Spaß, was ich vorher nie für möglich gehalten hatte!
Für Folkrock-Bands wie “Fiddler’s Green” ist ein Akkordeon klanglich ideal, da es die Frequenz-Lücke zwischen Geige/Fiddle und den Gitarren schließt und den Gesamtsound “andickt” und runder macht. Auch wenn es oft gar nicht so stark aus dem Gesamt-Sound heraussticht, so würde es doch (ähnlich zum Bass) stark fehlen, wenn es nicht mit dabei wäre.
Es gibt viele Arten das Akkordeon zu spielen. Dadurch, dass ich mehr oder weniger Autodidakt bin, spiele ich es einfach “aus dem Bauch heraus”. Dadurch habe mir bestimmte Spieltechniken angewöhnt, die man so wohl nie von einem Akkordeonlehrer lernen würde. Oft setze ich es neben Melodieteilen als “Offbeat”-Unterstützung ein, spiele es also eher “rhythmisch” als “melodisch” – das verstärkt den “Schub” unserer Musik. Es hat aber auch den Nachteil, dass ich durch meine Spieltechnik das Akkordeon sehr laut und “hart” spiele und “anreisse” – und dadurch das Instrument sehr stark belaste, so dass sehr häufig die Stimmzungen brechen oder der Balg durch die
Überlastung kaputt geht. Aber genau diese rhythmische Spielweise macht für mich den Reiz und den “Groove” dieses Instruments aus!
Ausserdem: Mit so einem schweren Teil vor dem Bauch erspart man sich das Fitness-Studio!
2. Worauf sollten Einsteiger achten?
Wie bei allen Instrumenten sollte man darauf achten sich etwas qualitativ Hochwertiges zu kaufen. Heute gibt es viel China-Billig-Import-Schrott, der nicht wirklich Spaß macht. Selbst Instrumente der deutschen Traditionsmarke “Hohner” wurden in den letzten Jahren qualitativ immer schlechter, so dass ich persönlich seit vielen Jahren auf die sehr gut verarbeiteten und robusten “Weltmeister”-Akkordeons aus Sachsen stehe, denn da stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis. Es gibt noch einige kleinere (vor allem italienische) Firmen, die klanglich richtig gute Instrumente herstellen. Diese sind jedoch teuer und recht empfindlich. Es kommt auf die Spielweise an: Spielt man leise und dynamisch, sind diese teuren und edlen Instrumente auf jeden Fall die Investition wert. Spielt man aber – so wie ich – eher Rock’n Roll mit anderen lauten “Mit-Instrumenten” auf der Bühne wie Schlagzeug oder E-Gitarre, gegen die man sich durchsetzen muss, dann braucht man ein wirklich robustes Modell.
3. Wo kann man Hilfe bekommen?
Da ich mir das Akkordeonspielen zum großen Teil selbst beigebracht habe, kann ich diese Frage nur schwer beantworten. Die Grundzüge des Spielens von einem passenden Lehrer gezeigt zu bekommen ist sicher eine gute Sache, auf der man aufbauen und dann seinen eigenen Spielstil entwickeln kann. An Üben führt dann leider kein Weg vorbei. Mein Tipp: Melodien erst einmal deutlich langsamer als in “Zielgeschwindigkeit” und mit Metronom üben. Dann das Tempo langsam steigern.
Über den Autor:
Nach sporadischem Unterricht und eher widerwilligem Üben in der Kindheit habe ich 1988 das Akkordeon durch das Hören von Folkrock wiederentdeckt. Bis 1991 spielte ich mit ein paar Kumpels in der Band “Paddy’s Return”. Seit 1991 bin ich “Quetscher” und Bodhranspieler bei der Irish Speedfolk Band “Fiddler’s Green”. Nach über 1400 Konzerten im In- und Ausland, 10 Studio-Alben (drei davon in den Top100 Charts platziert), diversen Live-CDs und zwei Live DVDs steht nächstes Jahr unser 20-jähriges Bandjubiläum an. Auch nach einem guten Dutzend zuschanden gespielter Akkordeons ist der Kick, mit handgemachter und energetischer Live-Musik auf der Bühne zu stehen und sich völlig zu verausgaben, mit nichts anderem zu vergleichen. Es ist für mich ein Privileg und eine Ehre, damit meinen Lebensunterhalt bestreiten zu können.
Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Akkordeon
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Weitere Artikel in dieser Serie:
- Bodhran ~ Instrumentenkunde Teil 1 (28. Mai 2009)
- Keltische Harfe ~ Instrumentenkunde Teil 2 (28. Juni 2009)
- Banjo ~ Instrumentenkunde Teil 3 (28. Juli 2009)
- Great Highland Bagpipes ~ Instrumentenkunde Teil 4 (28. August 2009)
- Akkordeon ~ Instrumentenkunde Teil 5(This post) (29. September 2009)
- Mandoline ~ Instrumentenkunde Teil 6 (29. Oktober 2009)
- Geige ~ Instrumentenkunde Teil 7 (27. November 2009)
- Bouzouki ~ Instrumentenkunde Teil 8 (28. Januar 2010)
- Tin Whistle ~ Instrumentenkunde Teil 9 (28. Februar 2010)
- Querflöte ~ Instrumentenkunde Teil 10 (29. März 2010)
- Concert Flute ~ Instrumentenkunde Teil 11 (29. Juni 2010)
- Akustische Gitarre ~ Instrumentenkunde Teil 12 (29. September 2010)
- Uilleann Pipes ~ Instrumentenkunde Teil 13 (29. Oktober 2010)
- Kontrabass ~ Instrumentenkunde Teil 14 (29. November 2010)


Mai 2012:
April 2012:
März 2012:













Der erste Absatz ist ein Ausbund an Untoleranz ! Man mag zu Volksmusik stehen wie man will, es gab und gibt sie sicherlich länger als “celtic-rock…! Was die “heile-Welt-Verklärung” angeht : ich habe in den Irish Folk Songs auch noch nichts gehört vom desolaten wirtschaftlichen Zustand Irlands, das mit vielen Milliarden Euro Hilfskrediten anderen EU-Staaten und -Steuerzahlern auf der Pelle liegt ! Pauschalierungen à la “seltsame Akkordeonorchester- , die den Ruf…gänzlich ruinieren ..” zeugen von einer wohl schon pathologischen Überheblichkeit (diese Orchester haben oft gar keine Volksmusik im Repertoire !)!! Ob diese gerechtfertigt ist bei jemand, der das Akkordeon durch “lautes und hartes Spielen” vorschnell verschleißt (das ist wohl nicht im Sinne der Erfinder dieses Instruments! ) wage ich doch sehr zu bezweifeln
Mathias
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Hallo Mathias,
wir als Team von celtic-rock.de sind froh in vielen Musikern Paten für unsere Reihe “Instrumentenkunde” gefunden zu haben. Dies ist, denke ich, nicht selbstverständlich!
Den ersten Absatz finde ich gar nicht so schlimm! Er soll ja nur einleiten! Danach wird das Akkordeon ja als tolles, manchmal unterschätztes, Instrument dargestellt und erklärt. Ich denke nicht, dass es sich da im Allgemeinen um eine “pathologischen Überheblichkeit” handelt. Es ist schließlich nur die Meinung einer einzelnen Person!
Wie hättest du denn den Artikel gestaltet? Wie würde er bei dir klingen? Kannst du vielleicht noch neue und interessante Sachverhalte beisteuern? Nur zu!
Man darf das Ganze nicht so bierernst nehmen! Die Reihe “Instrumentenkunde” kam sehr gut bei vielen Lesern und Musikern an und ich glaube, das der ein oder andere sogar noch was dazu gelernt haben dürfte…
Grüße
SörenÂ
Hallo Matthias, ich denke, wir sind uns einig, dass der Ruf des Akkordeons ein bisschen Aufpolieren verträgt. Und wir schätzen das Instrument auch, wenn jemand wie Tobias Escher die unterschiedlichsten Sachen darauf spielt:
http://www.celtic-rock.de/archives/1192