Planxty
von kuec
Über 1000 Leute waren gekommen, um 1972 in Galway den Folk-Pop-Star Donovan zu erleben. Die Vorgruppe spielte ihren ersten größeren Gig. Im Publikum machte sich schon bald Unruhe breit. Auf der Bühne begann Andy Irvine, von den Scheinwerfern geblendet, sich ernsthaft Sorgen zu machen. Prügeleien und anderen Ärger hatte er in den Tanzhallen öfter erlebt. Erst als er das breite Grinsen seiner Mitspieler sah, entspannte er sich allmählich. Die Leute drehten wirklich ab – aber vor Begeisterung!
Planxty hatten einen Nerv getroffen, den Leuten etwas gegeben, von dem sie nicht wussten, dass sie es gesucht hatten. Durch die Kombination von vier Individualisten mit sehr unterschiedlichen Einflüssen entstand die erste Irish-Folk-Supergruppe der Siebziger. ‚Band’ ist eigentlich schon zu viel gesagt, es handelte sich eher um ein gemeinsames Projekt von Leuten, die gern auch andere Eisen im Feuer hatten. Zu einer Zeit, als Folk elektrisch wurde, gingen Planxty den anderen Weg.
Die ursprüngliche Besetzung von Planxty bestand aus:
- Andy Irvine – Gesang, Mandoline, Mandola, Bouzouki, Mundharmonika, Drehleier
- Christy Moore – Gesang, akustische Gitarre, Harmonium, Bodhrán
- Dónal Lunny – Bouzouki, Gitarre, Synthesizer, Bodhrán, Gesang
- Liam O’Flynn – Uilleann Pipes, Tin Whistle
Zusammengefunden hatte man sich bei den Aufnahmen zu Christy Moores zweiter LP ‚Prosperous’. Die Arbeit in dem gleichnamigen Örtchen in Co. Kildare hatte dem Quartett so viel Spaß gemacht, dass man beschloss, es einstweilen miteinander zu versuchen. Im Vordergrund stand der Wille, gemeinsame musikalische Vorstellungen umzusetzen. Wenn es den Leuten gefiel, auch gut. Geld verdienen kam nicht an erster Stelle.
Der Bandname ist Titeln des Harfenisten Turlough O’Carolan entlehnt. Dort bezeichnen sie eine Widmung an eine bestimmte Person, die den Künstler materiell unterstützt hat (z.B. Planxty Irwin, Planxty Fanny Power).
Andy Irvine war 1942 als Kind eines schottischen Vaters und einer irischen Mutter in London geboren. Er erhielt klassischen Gitarrenunterricht und versuchte sich zunächst als Schauspieler. Er beschreibt zwei musikalische ‚Aha’-Erlebnisse, die ihn prägten. Eine LP des legendäre amerikanische Folksänger Woody Guthrie gefiel ihm auf Anhieb. Er schrieb an Woody, lernte Leute aus dessen Umfeld kennen und beschloss Folksänger zu werden. Sein Mundharmonikaspiel verrät diese Leidenschaft heute noch.
Auf mehreren langen Reisen nach Südosteuropa begann er sich für bulgarische Musik zu begeistern. Die ungeraden Rhythmen und den Drive der Saiteninstrumente brachte er zurück nach Dublin. Irvin hatte mit Joe Dolan und Johnny Moynihan 1966 die Gruppe Sweeney’s Men gegründet, die mit ihrer Mischung aus amerikanischem Folk und irischen Balladen einigen Erfolg hatte. Johnny Moynihan war übrigens der erste, der die griechische Bouzouki mit irischer Musik zusammenbrachte. Als sie 1968 eine LP aufnahmen, war statt Dolan Terry Woods dabei, der später zu den Pogues stieß.
Das Leben von Christopher Andrew Moore, genannt Christy, bekam durch einen Banken-Streik 1966 die entscheidende Wendung. Als Bankangestellter in Dublin hatte er nichts zu tun und ging für einige Jahre nach Nordwestengland. Dort schlug er sich mit verschiedenen Jobs durch, bevor es ihm gelang, in der Folkszene Fuß zu fassen. Bald hatte er sich einen sehr guten Ruf erarbeitet und konnte sich dadurch auch in Dublin etablieren, wobei ihm einiges frische Material aus der britischen Szene zustatten kam.
Christy Moore und Donal Lunny, beide im Co. Kildare aufgewachsen, kannten sich schon als Jugendliche. Linkshänder Lunny benutzte eine Bouzouki mit flachem Rücken und machte dieses Instrument fast im Alleingang durch sein unglaublich dynamisches Spiel populär. Er ergänzte sich mit Andy Irvine, indem die beiden raffinierte Läufe und Harmonien als Liedbegleitungen entwickelten.
Diese Drei mit ihrer progressiven Einstellung hatten Zweifel, ob sie einen Uilleann-Pipes-Spieler aus der konservativen Tradition für ihre Gruppe gewinnen könnten. Aber Liam O’Flynn sagte zu. Mit seinem charakteristischen filigranen Spiel auf den Pipes und Whistles war der Planxty-Sound komplett. Ihre Kombination von Überlieferung und Moderne traf den Zeitgeist.

Planxty hatten ein grundlegend anderes Selbstverständnis als die bisherigen Stars, die Clancy Brothers und die Dubliners. Nur selten gab es mal ein heiteres Stück wie The Good Ship Kangaroo. Raffinierte Instrumentalsoli vom Polka bis zum bulgarischen Tanz in ungeradem Rhythmus bildeten die eine Seite, traditionelle oder moderne, auch eigene Lieder die andere ihres Programms.
Ihr Repertoire bestand zum größten Teil aus weniger bekannten Titeln. Christy lernte Balladen von einem der fahrenden Sänger oder kombinierte Textfragmente mit einer Melodie. Andy forscht in Liedarchiven und schrieb The West Coast of Clare, ein melancholisches Liebeslied. Manche in der Szene heute beliebten Songs wie Follow me up to Carlowoder P Stands for Paddy wurden erst durch die Planxty-Fassung populär.
Die erste Veröffentlichung war eine Single, The Cliffs of Dooneen. Nach deren Erfolg unterzeichnete die Gruppe einen Plattenvertrag und wurde dabei offenbar kräftig über den Tisch gezogen. Planxty tourten quer durch Europa und wurden auch in Deutschland gefeiert. Als eine der ersten akustischen Bands leistete man sich eine Anlage und einen eigenen Tontechniker.
Die Formation brachten drei Alben heraus, die sich bestens verkauften. Trotzdem blieb bei den Künstlern finanziell wenig hängen. Neben den Schulden tat der Tourstress tat ein übriges. 1974 stieg Donal Lunny aus, um zur Bothy Band zu gehen. Sein Nachfolger wurde Johnny Moynihan, der wiederum bald zu De Danann wechselte.
Nach der dritten LP ging Christy Moore und wurde durch Paul Brady ersetzt. Von dieser Formation gibt es leider keine offiziellen Aufnahmen. Es erschien eine Kompilation der ersten drei Alben, The Planxty Collection.
Für die Folgezeit war schwer zu sagen, ob und in welcher Besetzung Planxty grade bestand, auf Eis gelegt oder aktiv war. Die Szene boomte, überall entstanden neue Bands, Duo- oder Soloprojekte. Die Unbeständigkeit mag dazu beigetragen haben, Planxty’s Ruf als Supergruppe zu festigen.
1978 holten Moore und Lunny die Originalbesetzung wieder zusammen. Mit Matt Molloy (vorher Bothy Band, später Chieftains) an der Flöte nahmen sie After The Break auf. Auch die beiden noch folgenden LPs hatten trotz großer Namen und hochkarätiger Gastmusiker nicht den riesigen Erfolg der Anfangsjahre. Die unverbrauchte Kraft der ersten Alben war dahin.
Als Kuriosität ist zu erwähnen, dass Planxty 1981 mit Time Dance die Pausenmusik für den Grand Prix Eurovision einspielte. Auf dem gleichen Weg startete Riverdance in den Neunzigern seinen Siegeszug um die Welt.
Alle vier Gründungsmitglieder blieben der irischen Musikszene mit Kreativität und Engagement weiter verbunden. Christy Moore und Donal Lunny gründeten 1981 die Moving Hearts, die mit Jazz- und Rock-Einflüssen Neuland betraten.
In den Achtzigern und Neunzigern schlossen sich für Christy Moore zahlreiche Soloaufnahmen an, die ihn zum wohl einflussreichsten irischen Folksänger machten. Er hatte eine zeitlang gesundheitliche Probleme und muss kürzer treten, spielt aber hin und wieder live mit dem Gitarristen Declan Sinnott, (ehemals bei den Horslips).
Donal Lunny betätigte sich als sehr gefragter Studiomusiker oder Produzent, u.a. für Rod Stewart, Clannad oder Elvis Costello.
Andy Irvine war viel auf Tour, z.B. im Duo mit Paul Brady. Er spielte mal bei De Dannan, dann bei Patrick Street. In den letzten Jahren macht er mit der international besetzten Weltmusik-Gruppe Mozaik von sich reden.
Liam O’Flynn arbeitete mit Größen wie Mark Knopfler und Kate Bush zusammen. In die Musikgeschichte eingehen wird er auch als Solist in den Orchesterstücken von Shaun Davey, namentlich The Brendan Voyage.
2004 tourten Planxty in der um Nollaig Ni Cathasaigh und Bill Whelan verstärkten Originalbesetzung durch Irland. Dabei entstand das Live-Album The Best of Planxty Live.
Diskographie
Planxty, 1973 (das “schwarze Album”)
The Well Below the Valley, 1973
Cold Blow And the Rainy Night, 1974
The Planxty Collection, 1976
After The Break, 1979
The Woman I Loved So Well, 1980
Words & Music, 1983
Live 2004, 2004
(Daten nach Andy Irvines Homepage)
Weitere Artikel in dieser Serie:
- Clannad (11. Mai 2008)
- Die Clancy Brothers & Tommy Makem (13. August 2008)
- The Dubliners (1/2) (13. September 2008)
- The Dubliners (2/2) (16. September 2008)
- The Chieftains (28. Oktober 2008)
- Planxty(This post) (4. August 2009)
- Moving Hearts (31. August 2009)
- The Horslips (12. November 2009)
- The Bothy Band (31. Juli 2010)


Februar 2012:
Januar 2012:
Dezember 2011:











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