3. Wittenfolk-Festival 14./15. August 2009
von kuec
Witten an der Ruhr war vor Jahren so was wie ein Zentrum der deutschen Folkszene. Das wirkte noch nach in der Programmvielfalt des 3. Wittenfolk-Festivals: Celtic Folk, Rock, Country Swing, Flamenco, Liedermacher friedlich vereint und in dieser Kombination wohl einzigartig.
Den Anfang machten am Freitag Pog Mo Thoin aus dem benachbarten Herdecke. Name ist hier Celtic-Rock-Programm. Die Band ist nach dem Ausscheiden von zwei Gründungsmitgliedern zum Quartett geschrumpft. Mounir am E-Cello (!) hat nun auch den Gesang übernommen und gibt einen bemerkenswerten Frontmann ab. Wie er und Fiddler Jonas sich etwa bei Morning Dew gegenseitig zu instrumentalen Höhenflügen anstacheln, ist spannend zu beobachten. Neben diesem eingespielten Duo hatten es E-Gitarrist und Drummer nicht leicht. Bei der Johnny-Cash-Nummer Folsom Prison Blues kamen auch ihre Qualitäten zum Vorschein. In den vergangenen Monaten hatten die Vier am neuen Programm gefeilt, was sich in cleveren, vielseitigen Arrangements zeigte. Eine CD ist in Arbeit, auf die ich gespannt bin.
Der Besucherstrom tröpfelte eher nur, so dass Festivalstimmung nicht recht aufkommen mochte. An der Musik oder der Tontechnik lag es jedenfalls nicht. Die akustisch spielende Paul McKenna Band aus Glasgow wusste auf mehrfache Weise zu beeindrucken: mit einem ausdrucksstarken Sänger, der auch eigene Lieder schreibt, einem dichten Sound und eigenwilligen Arrangements bekannter Songs. P Stands For Paddy oder der Jolly Beggar bekamen melodisch und rhythmisch ein neues Gewand. Außer am Akzent waren die Fünf nicht als Schotten zu erkennen: Bouzouki, Bodhran oder Holzquerflöte sind eher die irische Standardbesetzung. Reels und Jigs kamen druckvoll und in enormem Tempo. Kein Wunder, dass die Gruppe nach einer Woche Tour nur noch wenige Exemplare ihrer CD übrig hatte.
L.Bow Grease sind zunächst mal zwei gestandene Profis, Guntmar Feuerstein und Dave Jackson, die öfter als Duo zu sehen sind. Der Deutsche und der Engländer haben sich auf amerikanische Musik geeinigt. Am Freitag spielten sie mit Alexandra Krings (Kontrabass) und Sascha Loss (Geige, Mundharmonika) im Band-Format. Die Musik liegt irgendwo zwischen Country, Old Time, Blues und Swing; sie nennen es Transatlantic Folk. Mit Banjo oder Mandoline und dreistimmigem Gesang kamen Songs wie das eigene Spam Mail sympathisch und locker rüber. Besonders gefallen hat mir Soldier’s Joy mit einem Duett der akustischen Gitarren. Aber auch die tollen Soli von „Salossi“ sollen nicht unerwähnt bleiben. Als Abschluss des akustischen Teils kam die Paul McKenna Band zum Jammen nochmal mit auf die Bühne. Der Beifall blieb unverdientermaßen recht verhalten.
Mit der Dämmerung wurde gegen halb zehn das Bühnenbanner von Fiddlers Green hochgezogen. Der Typ mit der Hörnermaske durfte nicht fehlen, und los ging’s mit den „Sportlern“ aus Killaloe. Außer Songs von der neuen CD waren auch Klassiker wie Bonnie Ship The Diamond im Programm, wie immer mit viel Spaß und Power vorgetragen. Der Raum vor der Bühne hatte sich gefüllt, Hände wurden gereckt. In bewährter Weise wurde das Publikum einbezogen. Viele Fan-Textilien waren vorher schon zu sehen gewesen. Bei der Frage: „Gibt es jemand, der uns noch nicht kennt?“ gab es kaum Meldungen. Die Stimmung stieg, die Besucherzahl blieb an diesem Abend jedoch hinter den Erwartungen zurück. Vielleicht touren die Fiddlers einfach zu fleißig.
„In Woodstock im Schlamm, hier in der Sonne,“ begrüßte Lilo Dannert vom Folkclub am Samstag die Besucher in Anspielung auf das 40-jährige Jubiläum des Hippie-Festivals. Der gepflasterte Betriebshof der Stadtwerke hatte wenig Woodstock-Haftes, dafür klappten Ablauf und Organisation. Allein die Parkplatz – Beschilderung war unzureichend.
Der musikalische Abend begann mit etwas Verspätung, aber das anschließende Konzert lief vier Stunden nonstop – ein außergewöhnliches, wie sich bald zeigen sollte. Da wurde keine festgelegte Show abgespult. „Wir sind gespannt, was heute passiert“, meinte Stefan Stoppok. Er hatte es übernommen, das Programm zu koordinieren, und erwarb sich dadurch hohe Verdienste um das Festival. Immer einen coolen Spruch parat, schaffte er die Verbindungen: die zwischen Bühne und Zuhörern, Folk und Rock, Deutsch und Englisch, Nostalgie und Gegenwart. Ein Abend unter Freunden sollte es sein, ein Miteinander. Die Musikerkollegen kannten sich meist schon aus den Siebzigern, als die verstorbene Hildegard Doebner den Wittener Folkclub zu einer Institution machte. Der deutlich spürbare freundschaftliche Geist auf der nach ihr benannten Bühne hätte ihr sicher gefallen.
Stoppok und seine hervorragende Band eröffneten mit voller Power bei ihrer Version des Fleetwood Mac-Klassikers Oh Well. Anstelle eines Keyboards hatten sie eine Hammond-Orgel mit Leslie-Verstärker dabei – toller Sound.
Stoppoks eigene Lieder haben im Ruhrgebiet sowas wie Kultstatus. Das Publikum war schon zu Beginn vor die Bühne aufgerückt, vielfach wurde textsicher mitgesungen. Altersschnitt und Besucherzahl lagen etwas höher als am Freitag.
Die Gäste sangen sowohl einzeln wie auch mit der gut vorbereiteten Band. Die Hälfte von ihnen war extra aus Süddeutschland angereist. Julian Dawson brachte sein Heart Like A Wheel unbegleitet und glänzte an der Mundharmonika. Ray Austin startete mit Mr Bo Jangles, hatte aber auch eigene Songs dabei. Bernie Conrads, vormals mit seiner ‚Autobahn Band’ recht erfolgreich, beschrieb Zwischenmenschliches und Alltagsgeschichten. Sehr passend sein swingendes Biergartenwetter mit Ray Austin an der Trompete.
Thommie Bayer, früher auch Sänger, heute Autor, schob eine Lesung seiner humorvollen Texte ein. Sein Namenvetter Frank Baier hat sich um die Erforschung des Arbeiterlieds im Ruhrgebiet verdient gemacht, schreibt und singt aber ebenfalls Eigenes.
Rafael Cortés aus Essen erwies sich als Flamencogitarrist der Spitzenklasse, war sich aber nicht zu schade, andere zu begleiten. Sein Markenzeichen sind Läufe in atemberaubendem Tempo und Improvisationsgabe. Wie Stoppok meinte: „Schnelligkeit muss dem Gefühl nicht im Wege stehen.“
Als Moderator kokettierte er mit seiner angeblichen Frauenfeindlichkeit und merkte den Mangel an Musikerinnen im Programm an. Er selbst hatte die Mädchen vom ‚Zeitgeist’-Ensemble aus Herne eingeladen, die er über ein Schulprojekt kennen gelernt hatte. Sie sangen akustisch begleitet Stoppoks Ballade Wie tief kann man sehn. Für mich der Höhepunkt des Abends, Gänsehaut erzeugend.
So weit der normale, brave Teil. Es waren ja noch Überraschungsgäste angekündigt. Das Duo „Onkel Rockn’Roll“ (ehemals „die kleine Tierschau“) machte Comedy. Die beiden mit ihren Stahlgitarren nahmen sich und den Rock fröhlich auf die Schippe. Aus Smoke on the Water wurde Rauchen auf dem Wasser. Ein mit Spiegelglas beklebter Sedgway-Roller ließ den Sänger über die Bühne „schweben“.
Stefan Hiss (von der gleichnamigen Band) und Michael Roth brachten morbide Texte zu Akkordeonmusik respektive fantastische Mundharmonikaeinlagen. Vollends schräg wurde es, als „Talip, der tanzende Derwisch“ die Bühne betrat und sich mit fliegenden Gewand drehte – zu einem Ländler im Dreivierteltakt.
Wegen lärmempfindlicher Nachbarn musste das große Finale schon bald nach Zehn beginnen. Die MitklatschnummerVolle Fahrt voraus, ganz egal wohin funktionierte auch als Reggae und Scheiße am Schuh (vgl. unser Festivalradio) mit schottischem Dudelsack. Der letzte Cowboy kommt aus Gütersloh (Thommie Bayer) und trabte sozusagen leise in die Dunkelheit. Nach der letzten gemeinsamen Verbeugung der Beteiligten verließ man das Gelände mit dem Gefühl, wirklich etwas Besonderes erlebt zu haben.
Wenn im nächsten Jahr das Ruhrgebiet „Kulturhauptstadt 2010“ ist, wird es in diesem Rahmen eine eintägige Veranstaltung des Folk Clubs am „Haus Witten“ geben. Außerdem findet auf der anderen Seite der Ruhr in Volmarstein wieder das Irish Folk Festival statt.
Mitarbeit und Fotos: Marc Dobrick
Fotostrecke
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