Acoustic Revolution
Shamrock Castle 2012

Geh’n ab wie Kartoffelkanone – Reverend Peyton’s Big Damn Band im Blue Shell, Köln

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Reverend Peyton's Big Damn BandLeicht hat man es nicht unbedingt, wenn man als amerikanische Band in der Luxemburger Straße in Köln, Deutschland, an einem Montag Abend wie dem 18. Mai 2009 spielen will. Nicht nur, dass auch an jenem Abend einmal wieder viele andere Konzerte gleich um die Ecke stattfinden und so drohen, potentielles Publikum abzuzwacken – nein, in Deutschland hat man es auch nicht leicht, nach einem Gig an heißersehntes und wohlverdientes Essen zu gelangen – mal von ein paar gewöhnlichen Fastfood-Ketten abgesehen.
Manche Probleme lösen sich jedoch ganz von alleine. Die Angst vor einem leeren Raum zu spielen, beseitigt das Konzertklientel selbstständig, welches schön nach Musikrichtung und Alter sortiert zu jeweiligen Location pilgert. Eben in dieser Weise versammelt sich um halb zehn ein kleiner, aber feiner Kreis auserlesener Fans guter Musik im Blue Shell, um dem Reverend und seiner Band zu huldigen. Sie wissen vielleicht noch nicht, dass sie die drei aus  dem kuscheligen 850-Einwohnerort Indiana derart bejubeln werden, doch so soll es geschehen.

Zwei Stunden früher sieht das Blue Shell allerdings noch gar nicht nach geradezu lebendiger Verehrung aus, womit das zweite Problem zu tun hat: Der Reverend, seine Frau Breezy und sein Bruder Jayme speisen gegen ihre Gewohnheit vor dem Gig, um das deutsche Fastfoodketten-Problem zu umgehen. Daher herrscht im Blue Shell eine geradezu gespenstische Atmosphäre – meditative Ruhe auch im Backstage, bis plötzlich Breezy im Polkadot-Kleid  und roten Stiefeln vor uns steht und sich vorstellt. Der Reverend folgt im knallroten Hemd und schwarzem Hut, den Bart mit der speziellen Bartbürste gepflegt, wie er später dem geneigten Publikum verraten wird, und bietet uns erstmal ein Bier an. Er selber trinkt nicht, dafür hat Jayme, der später zum Interview dazustößt, schon einige deutsche Biersorten durchprobiert, wobei er doch sehr erstaunt feststellte, dass in Deutschland Gerstensäfte im Vergleich zu Cola im Lokal doch wesentlich billiger zu erwerben seien.

Zunächst geht es jedoch erstmal um Lakritze und co, und ein Interview – lange schon ist die Aufnahmezeit ausgelaufen und wir reden immer noch angeregt. Das heißt, eigentlich reden der Reverend und Breezy angeregt und viel und wir merken schnell: Das, über was sie auf der Bühne singen, ist echt. Und es liegt ihnen wirklich am Herzen. Auch, wenn es häufig ums Essen geht – am Wichtigstens sind ihnen die Menschen drumherum. So erkundigt sich der Frontmann sehr interessiert, ob es hier auch einen Walmart geben würde – nein, die konnten sich hier nicht halten. „Sehr schön”, gibt er zurück. „Aber ihr habt hier auch so was wie einen ‚Real’, den habe ich vorher gesehen.” Und dann erläutert er, was die großen Discounter für die Menschen heißen, die kleine Läden besitzen – oder für die, die in den Großen arbeiten.

Sie erzählen von den Native Indians, die Casinos auf ihrem Land eröffnen, in Staaten, in denen man sonst nicht spielen darf. Von denen, die trotz all dem immer noch kein Geld haben. Von den endlosen Straßen im Süden der USA und warum man in Amerika heißen Tee nur in Geschäften erhält, die sich auf warme Getränke spezialisieren – man merkt deutlich, der Band fehlen die Kilo Säcke voller Eis aus den Supermärkten sehr zum Kühlen der Getränke, wenn sie in Europa unterwegs sind. Jayme kommt dazu und das Gespräch wird weiter fortgesetzt: Über guten Whiskey, über das Angeln und Hiken, und warum in Europa das mexikanische und indische Essen so laff gewürzt ist. Nervös ist hier keiner, und Breezy nickt uns zu: „Bleibt ruhig hier, wir haben vor dem Auftritt kein Ritual oder sowas.”

Kurz darauf schnappt sie sich ihr Waschboard und die Drei suchen sich zügig durch das Publikum ihren Weg auf die Bühne, positionieren sich und – man traut seinen Augen kaum. Jayme haut gebeugt auf sein kleines Drumset ein, als ob es keinen Morgen gäbe, die kleine Plastiktomb wackelt und rumst; Breezy wirbelt ganz in die Musik versunken auf der Bühne herum, während sie mit ihren Handschuhen das Waschbrett schrubbt und rubbelt, vor der Brust, auf dem Kopf, beinahe hinter dem Rücken. Und der Reverend lässt seine Finger über die Saiten seiner Gitarre schweben, mal mit einem Gesichtsausdruck von federner Leichtigkeit, mal hochkonzentriert und mimisch, während seine Stimme im Predigerton kraftvoll die Zuhörer beschmettert.

Das Publikum braucht seine Zeit, bis es begreift, was diese drei Leute da vorne eigentlich wollen und bis es mitgeht: So fordert die Familienbande ihre Zuhörer bei „DT or the Devil” dazu auf, die Hände in die Luft zu werfen und mitzuschreien – so ganz funktioniert das Mitmachen aber erst bei der Zugabe, als das Publikum ganz passend „ 2 Bottles of Wine” im Wechselgesang mit dem Reverend mitgröhlen soll – es geht ab wie Feuer und die „Potato Gun”, die der Reverend bei einer Ansage beschreibt, wäre ein Witz gegen die Wucht, die hinter dieser Band steckt. Breezy’s Washbord geht als überraschende Showeinlage in Flammen auf, die Stimmung ist grandios.

Das muss man der Band hoch anrechnen, wurde ihnen doch in London Gepäck gestohlen, unter anderem das Ideenbuch des Reverends. Doch so leicht lassen sie sich nicht umhauen, der Hobbypastor nutzt die Situationen, die aus dieser Begebenheit entstanden, für ein paar Bühnenansagen, die besonders den kanadischen Zuschauern gefallen, handeln sie doch unter anderem von den üblichen Missverständnissen zwischen Briten und Amerikanern. Warum die Deutschen jedoch im Schnitt dicker sein sollten als die Briten bleibt ein Rätsel, welches es zu lösen gilt, wenn sie Europa hoffentlich mal wieder mit einer weiteren Tour beehren.

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Ein Kommentar
  1. Matthes sagt:

    …aber sowas von aus der Seele geschrieben… – dem ist nichts hinzuzufügen. Das war ein echtes Highlight. Dass der Reverend erst 27 ist, ist eigentlich nicht zu fassen.

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