Das Konzil der Verdammten ~ Peter Tremayne
von Joern
Wer vorhat, einen Roman von Peter Tremayne zu lesen, sollte sich für drei Themen begeistern können: Irland, das frühe Mittelalter und Kriminalgeschichten. Wer diese Grundvoraussetzungen erfüllt, könnte eine regelrechte Sucht nach Tremaynes Kelten-Krimis entwickeln, in denen Schwester Fidelma regelmäßig auf Mörderjagd geht.
Die junge Romanheldin ist nicht nur eine Nonne, sondern auch eine Rechtsgelehrte und zudem noch die Schwester des Königs von Cashel. Dementsprechend findet die Handlung meistens in irischen Klöstern oder finsteren Burgen des 7. Jahrhunderts statt. Da das Zölibat zu dieser Zeit noch nicht weit verbreitet war, wird Fidelma regelmäßig von ihrem Ehemann Eadulf, einem angelsächsischen Mönch, unterstützt. Tatsächlich hat Tremayne mit diesem Duo ein Team geschaffen, das nicht selten an eine mittelalterliche Version von Sherlock Holmes und Dr. Watson erinnert, wobei der Part des scharfsinnigen Meisterdetektivs hier ganz klar in weiblicher Hand liegt.
Tremayne, ein britischer Historiker, der sich auf die versunkene Kultur der Kelten spezialisiert hat, lässt sein ganzes Wissen in die Geschichten einfließen, so dass jeder Fidelma-Roman wie eine spannende Geschichtsstunde ist. So staunt man nicht schlecht, wenn man erfährt, wie fortschrittlich das frühe irische Rechtssystem oder die sozialen Strukturen waren. Da die Geschichten in einer Epoche spielen, in der das Christentum gerade erst die alten Götter abgelöst hatte, finden auch vorchristliche Lehren und Bräuche, die unter den Kelten auch nach der Bekehrung durch christliche Missionare noch vorhanden waren, immer wieder Erwähnung. Auch die Gleichberechtigung der Frauen, die in Irland im krassen Gegensatz zu sämtlichen anderen europäischen Ländern sogar gesetzlich sichergestellt war, ist immer wieder ein Thema. Zusammen mit vielen weiteren informativen Details bekommt jeder, der etwas über die Entstehung der irischen Kultur lernen möchte, ausreichend Lernstoff vorgesetzt. Viel wichtiger ist bei einem Roman natürlich der Unterhaltungswert der Handlung. Auch hier glänzt Tremayne als ein begnadeter Geschichtenerzähler, der verschiedene Handlungsstränge geschickt nebeneinander herlaufen lässt, bis am Ende alles zusammengefügt wird und der Leser eine Auflösung präsentiert bekommt, die es in sich hat.
In “Das Konzil der Verdammten” verlassen Fidelma und Eadulf ihre irische Heimat, um dem Konzil von Autun (im heutigen Burgund) beizuwohnen, in dessen Verlauf die keltische Kirche im Jahre 670 gezwungen wurde, sich vollständig den Regeln und Lehren Roms zu unterwerfen. Noch vor dem Beginn des Konzils kommt es zu Handgreiflichkeiten zwischen den kirchlichen Würdenträgern, die darin gipfeln, dass in der folgenden Nacht ein irischer Bischof ermordet wird. Logisch, dass Fidelma und ihr Gatte sofort die Ermittlungen aufnehmen. Diese gestalten sich auf Grund frauenfeindlicher Klosterregeln der gastgebenden Abtei als äußerst schwierig. Auch die möglichen Tatmotive zwingen die Hauptakteure dazu, ihre Ermittlungen in verschiedene Richtungen auszuweiten. Die Spuren führen in ein finsteres Dickicht aus Verschwörungen, Entführungen und Menschenhandel. Auf insgesamt 424 Seiten wird der Leser wie gewohnt auf viele falsche Fährten geführt, bis es am Ende die – wie üblich – überraschende Auflösung gibt.
Auch wenn ich persönlich die in Irland spielenden Fidelma-Fälle bevorzuge, bin ich auch von diesem Krimi wieder mal restlos begeistert. Besonders freut mich, dass Tremayne offensichtlich die Figur des Eadulf neu überdacht hat. Dieser hatte in der Vergangenheit nicht nur ziemlich blass neben seiner cleveren Gefährtin ausgesehen, sondern durch seine Einfältigkeit und einem Mangel an Humor manchmal regelrecht unsympathisch gewirkt. In “Das Konzil der Verdammten” bekommt es der Leser endlich mit einem “gleichberechtigten” Partner Fidelmas zu tun, der nicht nur sehr scharfsinnig, sondern auch sehr lustig sein kann.
Wer neugierig geworden ist, sollte vielleicht besser mit einem der früheren Tremayne-Krimis wie “Die Tote im Klosterbrunnen”, “Tod in der Königsburg” oder dem ersten Fidelma-Roman “Nur der Tod bringt Vergebung” beginnen, da der Autor in seinem neuen Werk voraussetzt, dass der Leser schon mit diversen Informationen aus vorherigen Fällen vertraut ist. Wer bereits ein Fan der irischen Krimireihe ist, kann ohne Bedenken zugreifen. Peter Tremayne ist und bleibt der König des Kelten-Krimis.
Aufbau Verlag 2008


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