20 Jahre Paddy Goes To Holyhead: Ein Interview mit Paddy Schmidt
von Joern
Wie bei allen erfolgreichen Vertretern eines eher nicht massenkompatibelen Genres, scheiden sich auch an Paddy Goes To Holyhead die Geister. Was für die Einen nach Weichspüler-Folk klingt, ist für die Anderen eine perfekte Mischung aus Irish Folk, Pop und Rock.
Wahre Fans interessieren sich für solche Diskussionen natürlich nicht wirklich und da sich die fünf Darmstädter im Laufe der letzten 20 Jahre eine große und treue Fan-Gemeinde erspielt haben, dürfte das Genörgel vereinzelter Kritiker auch an der Band spurlos vobeigegangen sein.
Mit Harald Knigge alias Paddy Schmidt sprach ich über seine musikalischen Einflüsse, Major-Angebote und einem Leben auf der Bühne. Da der irische…eeeh, ich meine natürlich der hessische Sänger mit der nicht tot zu kriegenden Vokuhila-Frisur auch etwas von edlen Tropfen versteht, durfte auch ein Tipp für den Kauf des nächsten Whiskeys nicht fehlen. Here we go!
Hallo Paddy! Erzähle uns doch mal einleitend, wie deine Liebe zu Irland und die Begeisterung für Irish Folk entstand…
Mit 14 Jahren hatte ich einen irischen Englischlehrer und darüber Zugang zu traditioneller Irischer Musik, das hat mich wohl sehr berührt. Ich tauschte dann die Trompete gegen eine Westerngitarre und einen verbogenen Mundharmonika-bestückten Nackenbügel, den Rest kennst du ja.
Es bietet sich ja die Vorstellung an, dass sich die erste PGTH-Besetzung in einem verräucherten Irish Pub kennengelernt hat. Wie war es tatsächlich?
Das stimmt! Unsere ersten legendären Auftritte fanden 1988 im Irish Pub in der Kleinen Rittergasse in Frankfurt-Sachsenhausen statt (der ältestes Irish Pub Deutschlands), da haben sich damals viele der heute noch bekannten Musiker die Klinke in die Hand gegeben. Leider ist das Pub vor 10 Jahren abgebrannt – wir sind unschuldig daran. Andreas Reich (später bei An Cat Dubh) und Mathias Kohlmann (später bei Wild Silk) habe ich dort kennen gelernt. Und auch unser späterer Techniker, Wolfgang “Mixmaschine” Dunczewski hing dort immer rum.
Wer verbirgt sich hinter “Holyhead Records”?
Anfangs wollte uns kein Label unter Vertrag nehmen oder die Vertragsbedingungen waren uns nicht genehm. Und so haben wir – wie viele andere Bands – unsere Sache selbst in die Hand genommen und ein eigenes Label gegründet. Dann wurde Indigo als Distributor auf uns aufmerksam. Man braucht kein großes Label, um Musik zu machen oder bekannt zu werden. Später, als wir etwas mehr Erfolg hatten und besonders ab 1994, als wir mit mehreren Titeln in die MediaControl-Charts eingezogen sind, drehte sich der Wind und wir haben es mal bei einem großen Label versucht.
Ach ja, das ergab sich so. Ich z. B. bin immer schon von der traditionellen Celtic Music begeistert gewesen und natürlich von Singer / Songwritern wie Christy Moore und seinen früheren Projekten Moving Hearts, Planxty, etc. Aber dadurch, dass die verschiedenen Musiker, die bei PGTH gespielt haben, eben nicht nur aus der Irish Music kamen, sondern auch aus dem Pop- und Rockbereich, hat das unsere Musik und unseren Bandstil geprägt.
Oh, nein! Wir wollten immer nur “unser Ding” machen und ab und zu fanden verschiedene Stilelemente bei uns zeitweise Gehör (Reggae, Walzer oder auch slawische Ornamente). Dass wir damit Erfolg hatten, lag wohl an unserem unermüdlichen Tourkalender und an unserem damaligen Manager Hansi Funck (damals Buster Concerts), der uns auf vielen Festivals mit namhaften Künstlern unterbringen konnte.
Da war auch eine große Portion Glück dahinter. Wir waren verlagstechnisch zu diesem Zeitpunkt beim Kick-Verlag in Köln gelandet und die haben in Zusammenarbeit mit Hansi Funck, Indigo und einigen guten Freunden beim damaligen Radiosender SWF3 eine gute Werbung gemacht. Mein inzwischen viel zu früh verstorbener Freund Karl Ewald war damals als Redakteur bei diesem Sender tätig und machte aus seiner Freundschaft zu uns keinen Hehl. Das hat uns weit nach vorn gebracht und dafür waren und sind wir echt dankbar!
Klar, unsere damalige Violinistin Almut Ritter hat sich da voll in die Arbeit gekniet und zusammen mit Ihrem Partner Axel Henninger (in dessen Studio wir auch schon sämtliche Alben vorher produzierten) viel Zeit in die CD investiert. Leider waren einige Tracks später live nicht so umsetzbar, wie wir uns das gewünscht hätten.
Im Gegensatz zu sämtlichen anderen CDs habt ihr dieses Album bei einem Major-Label herausgebracht. Wie kam es zu dem Deal?
Nachdem ohne Majorhilfe völlig überraschend (auch für uns) das Album “Ready For Paddy” die Charts stürmte, standen die Plattenfirmen bei uns Schlange. Eine Folk-Rock-Band als eigensinnige Chartstürmer hatten die vorher so noch nicht erlebt! Nach zähen Verhandlungen hatten wir uns dann für die EMI entschieden, auch der KICK-Verlag gab seinen Segen und alles war glücklich. Und der Deal finanzierte auch letztlich die Produktion der E. & O. E.
Ach ja, teils, teils. Als formatuntaugliche Spartenmusiker (so der offizielle Ausdruck zu unserer Musik) passen wir gar nicht in das Schema einer Major-Company. Da müsste man schon fast jeden Tag voll medienpräsent sein und Musik machen, die eine große Masse erreicht, davon sind wir weit entfernt. Wir stehen nun mal zu unserer Musik und es soll ja auch Spaß machen, auf der Bühne zu stehen. Man hat auch versucht, uns ins Konzept reinzureden. Als wir dann unter EMI-Regie mit der E. & O. E. lediglich Platz 48 der Deutschen CD-Charts erreichten, also den eigenen Ready-For-Paddy-Erfolg nur um 2 Punkte steigern konnten, war es vorbei mit der großen EMI-Euphorie. Auch eine große Firma im Hintergrund kann nichts am Massengeschmack ändern – das habe ich daraus gelernt. Der EMI gebe ich keine Schuld daran, dass sie das Interesse an uns verlor. Wir haben unsere Rechte zurückgekauft und sind wieder zu Indigo zurückgekehrt, die uns verlorene Söhne mit offenen Armen wieder empfingen. Und da sind wir bis zum heutigen Tag. Ich würde den Gang zu einer Major-Company heute sehr, sehr gut überlegen. Man muss das nicht machen. Heute sind die Strukturen auch anders. Ich sage nur: Internet.
Ja, das kam natürlich fast automatisch mit den Erfolgen im Radio und unseren Chartsnotierungen. Da klingelten der Bayerische Rundfunk (Live im Schlachthof), die ARD (Disney Club), SAT1 (Frühstücksfernsehen) das ZDF (Fernsehgarten) und viele kleine TV-Stationen an unserer Tür. Haben wir natürlich gern gemacht, war ja auch wirklich interessant, mal hinter die Bretter zu schauen und das hat uns immer viele neue Auftritte und noch mehr Fans beschert. Man darf nicht vergessen: Wir waren und sind eine Live-Band und unsere Konzerte waren immer das Ziel.
Oh, ich bin überrascht über deinen Scharfsinn, stimmt genau, das war auch so geplant! Die Hooray wurde als erste CD nicht mehr bei Axel Henniger produziert. Wir wollten mal rauer und authentischer klingen (also natürlicher!) und hatten zu dieser Zeit mit Blacky P. Schwarz einen erstklassigen Pianisten in der Band, der auch damals ein Tonstudio in Offenbach am Main betrieb. Das hat uns zu neuen Songs und anderen Klängen inspiriert, die ein wenig nachdenklicher und teils auch melancholischer waren. Der Song “Doolin” war danach wochenlang in den süddeutschen Charts, was wollten wir mehr? Unsere Konzerte waren damals brechend voll, wir spielten fast nur in großen und ausverkauften Hallen.
Ja, die “Paddy Tales” sollte wieder den Bogen “back to the roots” spannen. Viele fröhliche, positive Songs mit viel Geige und bunten Melodiebögen, nur einige wenige balladeske Titel. “Take me home tonight” schaffte es auch wieder in die Charts und das Album landete auch in den Media-Control-Top 100. Viele, viele große und auch kleine Konzerte, tolle Stimmung!
Das muss ich bestimmt nicht erklären. Live ist Musik, alles andere ist schmückendes Beiwerk. Ich habe jetzt 20 Jahre Bühne auf dem Buckel, mehr als 5.000 Konzerte, richtig gezählt habe ich sie nie.
Wie kam es 2001 schließlich zur Trennung der Band?
Ich war ausgebrannt. Immer nur “on the road”, ein Motor, der sich immer wieder selbst schmiert. Keine Zeit für die Familie, die Kinder, für mich selbst. Ich hatte Lust, mal wieder heimische Irish Pub Luft zu schnuppern und nur mit Gitarre, Stimme und vielen verschiedenen Mundharmonikas Musik zu machen. Besonders den Mundharmonikas in Mollstimmungen habe ich mich zugewandt. Diese Zeit habe ich echt gebraucht.
Erstes Album finde ich echt gelungen, würde aber nicht zu mir passen. Die “Acoustic Nights” finde ich nicht so doll. Alter Wein in neuen Schläuchen.
Tja, das sehe ich ebenso. Man hätte der Band in diesen 3 Jahren einen anderen Namen geben sollen, es war ja faktisch aus der Altbesetzung nur noch der Drummer Kalle Spriestersbach dabei. Mark-Patrick-Selection fände ich als Name gut.
Drummer Kalle Spriestersbach rief mich nach 3 Jahren Bandabstinenz überraschend an, in war gerade in Berlin auf Solo-Konzertreise. Er meinte nur, es wäre Zeit, dass ich das Ruder wieder übernehmen solle, so ginge es nicht weiter, ich hätte jetzt genug Selbstfindung betrieben. Ich habe mich darüber sehr gefreut und schon die Woche darauf trafen wir uns. Hansi Funck hatte gerade unsere aktuelle Fiddlerin Nicole Ansperger kennen gelernt und Altkeyboarder Jo Naumann sagte entzückt ebenfalls zu. Zwischenzeitlich hatte ich mit Uhu Bender einen erstklassigen Bassisten an der Hand, der freute sich auch tierisch. Mit dem alten Technik-Guru Wolfgang Dunczewski verband mich eine lange Freundschaft – also war der gute Mann auch mit von der Partie. Nur Hansi Funck ist zwischenzeitlich nicht mehr dabei, er kümmert sich heute um andere Geschäfte. Kalle hat auch im letzten Oktober nach 40 Semestern Chemie promoviert und einen Traumjob in der Nähe von Regensburg angefangen, also schweren Herzens dann doch bei uns aufgehört; für ihn konnte der Drummer Dirk Schäfer aus Wetzlar gewonnen werden, der uns mit seinem Trommelstil begeisterte.
Ca. 250 Gigs im Jahr, davon sind zwei Drittel Solo-Konzerte. Das brauche ich einfach.
Also da möchte ich ein wenig korrigieren: Meine absolute Leidenschaft ist Kaffee. Diese Liebe teile ich mit vielen Muckern. Wenn der Kaffee zur Soundcheckzeit fehlt, ist der Tag dahin. Aber zu Deiner Frage: Ein Single Malt zur rechten Zeit … mein irischer Liebling ist der Red Breast, einer der beiden verbliebenen großen Pot-Still-Whiskeys, bei den Schotten sind es oft die torfig-salzigen Derivate aus Islay, hier besonders Lagavulin und Ardbeg, gelegentlich auch mal ein Oban oder einen Talisker. Ich habe eine Beteiligung an einem Fass aus Port Charlotte, das gelangt in ca. 10 Jahren zur Fassreife. Eine schöne Investition! Neueinsteigern rate ich erst mal zu milden Sorten und / oder Allroundern, z. B. Highland Park oder Macallan. Langsam rantasten!
In den letzten Jahren hat sich ja einiges bei euch getan. Beispielsweise machst du das Bandbooking, das Management und alle organisatorischen Angelegenheiten inzwischen selber. Wie wichtig ist dir der DIY Gedanke?
Das ergab sich einfach so. Schon früher habe ich gemerkt: Das was du selbst machst, musst Du vor dir selbst verantworten. Es ist viel Arbeit, die gemacht werden muss. Ich komme nicht drum herum. Also opfere ich viele Stunden meiner Freizeit dafür. Allerdings habe ich viele Freunde unter den Veranstaltern und Kollegen. Da ruft man eben nicht nur einfach an, um einen Gig auszumachen, sondern man fragt auch interessehalber nach der Familie, etc. Das möchte ich nicht missen.
Die meisten “deutschen Irish Bands” sind Punkrockformationen, mehr oder weniger. Die Stile greifen gut ineinander über. Hier sind die Pogues natürlich Vorreiter gewesen. Auch unter diesen Bands haben wir Freunde, ich möchte nur Fiddlers Green nennen, mit denen uns eine jahrelange Freundschaft verbindet. Wie allerdings schon weiter oben geschildert, hat Punkrock in unserer Musik nicht soviel Gewicht, uns liegen teils sanftere, melodiöse Töne mehr. Aber uns gefallen z. B. die Dropkick Murphys auch!
Ein neues Album mit PGTH ist geplant, wird aber noch mind. 1 Jahr dauern, da ich einfach auch 2009 sehr viel unterwegs sein werde. Sagen wir mal: 2010.
Ist mit einer Tour zu rechnen, die euch auch mal wieder in den hohen Norden führt?
Ich bin ja ab und zu solo im Norden (Kiel, Eutin uvm). PGTH spielen dieses Jahr beispielsweise am 13.06.2009 auf dem Poyenberg-Folkfestival und am 03.10.2009 auf der Schwebefaehre in Osten (Hemmoor).
Erzähle ich lieber im Konzert, beim Blick auf die Uhr muss ich nämlich schon wieder weiter !!!
Seid tolerant und unterstützt Eure lokale Musikszene!!!
Danke für´s Interview!

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