Von Königen, Säufern und reitenden Ladies: Kings and Boozers im Interview
von Joern
Nachdem die Folk-Punk Formation Lady Godiva zwölf Jahre lang auf den großen und kleinen Bühnen Deutschlands aktiv war, wurde das Bandprojekt Anfang 2006 auf Eis gelegt. Grund waren keine musikalischen Differenzen, sondern ganz einfach die fehlende Zeit. Lange waren die Musiker mit diesem Zustand allerdings nicht zufrieden. Anfang 2008 meldete sich die Truppe aus dem Sauerland deshalb in leicht veränderter Besetzung zurück. Im Interview erzählte mir Sänger Thomas Rünker unter anderem, warum aus Lady Godiva die Kings and Boozers wurden.
Hallo Thomas! Wer sind die Kings And Boozers?
Die K&B sind zum größten Teil ehemalige Bandmitglieder von Lady Godiva.Thorsten Donner am Schlagwerk, Christian Eickel am Akkordeon, Michael Schweineberg an der Gitarre, unser ehemaliges Lady Godiva Mitglied Jan Beckmann an der Gitarre und ich. Zwei Leute sind neu zu uns gestoßen. Thorsten Wichert an der Tin Whistle und Lukas Müller am Bass. Thorsten Wichert kannte ich aus meinem Bekanntenkreis. Er musste durch MEINE harte Schule des Tin Whistle-Spielens, d. h. ich habe ihm die Flötentöne beigebracht. Ein wenig vorbelastet war er jedoch durch seine jahrelange Erfahrung im Spielmannzug Hüsten. Dort spielte er die Piccolo-Flöte.
Wie und wann seid ihr mit dem Irish Folk Virus infiziert worden?
Da kann ich erst einmal nur für mich sprechen. Infiziert worden bin ich Anfang der Neunziger. Ich habe zu der Zeit viel The Pogues, Les Negresses Vertes, Men They Couldn’t Hang und natürlich The Whisky Priest gehört. Ich habe dann immer mal versucht, diese Musik auf diversen Partys unterzubringen. Teilweise gelang es mir auch und so war ich nun der Schuldige, der meine Freunde und Bekannte mit diesem „äußerst üblen” Virus angesteckt hatte.
Stimmt es, dass bei der Gründung von Lady Godiva (Mitte der Neunziger) kein einziges Bandmitglied ein Instrument beherrschte?
Diese Geschichte stimmt zu fast 100%. Gegründet haben wir uns im März 94 auf dem Geburtstag von unserem Sänger Andreas Beckmann. Nachdem ich einige Freunde jahrelang genervt hatte, eine Band zu gründen und Folk-Punk zu spielen, gaben sie nun endlich nach. So schauten wir uns in unserem Bekanntenkreis um, wer Lust hatte und fähig war. Andreas (Gesang), Carlo Hellwig (Bass) und ich hatten eine gewisse musikalische Grundausbildung im Musikverein Herdringen genossen. Andreas spielte Saxophon, Carlo Tenorhorn und ich Trompete. Den Bass spielen konnte Carlo allerdings nicht. Dies hat er sich selber beigebracht. Andreas konnte nicht richtig singen und ich hatte mich vorher auch nie mit der Tin Whistle beschäftigt. Christian kannte das Akkordeon auch nur vom Sehen her. Die einzigen Helden waren Thorsten am Schlagzeug und Ingo Schwingenheuer an der Gitarre, Mandoline und Banjo. Wobei er sich das Banjo- und Mandolinenspielen auch wieder selber beigebracht hatte und zwar erst nachdem wir ihm mitgeteilt hatten, dass er bei uns in der Band ist. So fügte sich alles zusammen.
Welche anderen deutschen Folk-Punk-Bands gab es damals?
Mir waren zu der Zeit nur Fiddler´s Green, Tapsi Turtles, Across the border, The Tinkers und Tears for Bears bekannt.
Wie siehst du die Entwickelung der Folk-Rock / Folk-Punk Szene seit den Neunzigern?
Seit dem sind viele Gruppen aus den Proberäumen der Nation gekrochen. Einige sind wieder in der Versenkung verschwunden und einige trotzen dem Einheitsbrei der im Radio läuft. Was mich ein wenig ärgert ist die Tatsache, dass der Mittelalter-Stil kommerziell ausgeschlachtet wird, aber die normale Folk-Rock/Punk-Musik überhaupt nicht in Erscheinung tritt. Außer vielleicht von Fiddler´s Green.Warum spielt man diese Art von Musik nicht öfters im Radio? Gebt den Künstlern eine größere Plattform und befriedigt die vielen Fans da draußen. Und warum zählen deutsche Bands in der Szene nicht soviel wie ausländische Bands? Nur weil wir keine echten Iren sind oder der Hintergrund fehlt? Die Musik kann noch so gut sein, die Akzeptanz bleibt teilweise auf der Strecke. Bullshit!
Gib uns doch mal einen kurzen Überblick, über eure Zeit als Lady Godiva…
Einen kurzen Überblick? Viel Spaß in 12 Jahren gehabt, viel erlebt, eine Menge Kilometer auf der Autobahn zurück gelegt, viele Leute kennen gelernt, viel Alkohol und Tabak vernichtet, einige gescheiterte Beziehungen hinter uns gelassen, viele Städte und Dörfer gesehen, mit A- und B-Promis musiziert, musikalisch in all den Jahren gewachsen, tiefe Freundschaften geschlossen, in noblen Hotels und auf schäbigen Fußböden geschlafen, die guten und die schlechten Seiten des Rock’n Rolls kennen gelernt!
Warum wurden aus Lady Godiva schließlich die Kings And Boozers?
Weil wir Musiker sind und uns ohne Musik etwas fehlt. Lady Godiva ist ja nicht im Streit auseinander gegangen, sondern funktionierte aus beruflichen Gründen nicht mehr. Wir haben ja alle einen anständigen Beruf gelernt und ein Teil von uns hat sogar studiert. Und so zog es einige von uns in die weite Welt. Proben, neue Lieder schreiben und Auftritte wahrnehmen konnte nicht mehr organisiert werden. Und so lösten wir uns schweren Herzens auf. Danach folgte zur WM 2006 das Projekt Fussballgott. Angestoßen von unserem Schlagzeuger Thorsten D.. Als Fussballfan durch und durch war es immer schon sein Traum, einmal diverse Klassiker aus dem Bereich Fussballlieder neu zu interpretieren. Ein Teil von Lady Godiva machte mit, wir holten uns noch zwei Bläser dabei und ich sollte singen. Nach der WM dauerte es ca. 3 Monate bis das Telefon abermals klingelte. Wieder hieß es am anderen Ende der Leitung: Wir müssen etwas machen! Es kribbelt schon wieder in den Fingern! Lass uns eine neue Band gründen! Und so wurde aus Lady Godiva nun Kings & Boozers.
Ihr hattet mit Lady Godiva beachtliche Erfolge vorzuweisen. War es nicht ein sehr schwerer Schritt, unter einem anderen Bandnamen weiterzumachen? Jetzt startet ihr ja praktisch wieder bei Null…
Natürlich starten wir bei Null, aber wir hätten mit der neuen Besetzung nicht unter Lady Godiva auftreten können. Das wollten wir den ehemaligen Mitgliedern nicht antun. Immerhin fehlen drei Leute und somit sind wir nicht mehr Lady Godiva . Außerdem wollten wir ein wenig musikalisch experimentieren und nicht immer mit der alten Besetzung verglichen werden. Es hat auch seinen Reiz und ist eine Herausforderung für uns, uns neue Fans zu erspielen.
Viele Folk-Punk Bands setzen auf einen harten Sound und sehr raue Gesänge. Euer Sound ist auch hart, aber eben auch sehr melodisch und catchy. Konzept oder Zufall?
Ich würde sagen Zufall. Melodisch aber auch durch die Tin Whistle und das Akkordeon als Melodieträger. Wobei einige unserer neuen Stücke auch härter geworden sind.
Gibt es einen einzelnen Songwriter, oder geht ihr solche Aufgaben gemeinsam an?
In der Vergangenheit haben wir uns diese Aufgabe unter drei Leuten aufgeteilt. Damals schrieb Thorsten Texte, Ingo Melodien und ich beides. Bekam ich von Thorsten einen Text haben Ingo oder ich den Sound dazu gemacht, hat Ingo eine Melodie gespielt, haben Thorsten oder ich den Text geliefert, habe ich eine Melodie im Ohr gehabt, habe ich einen Text dazu geschrieben oder umgekehrt. Zurzeit sind Thorsten und ich wieder auf dem Weg neue Lieder zu schreiben. Allerdings schränkt uns unser Beruf dabei stark ein.
Du kannst hervorragend singen. Warum hast du bei Lady Godiva nicht öfters mal die Leadvocals übernommen?
Besten Dank für die Blumen! Bei Lady Godiva war ich halt der Flötenmann und für den Background-Gesang zuständig. Als wir am Anfang die Rollen verteilt haben, habe ich bei dem Flötenpart ganz laut „Hier” gerufen. Das Instrument hatte mich halt fasziniert. Einige Lieder wie „Foggy Dew”, „Spancill Hill”, „Remember The Time”, „Springhill” und „Deeply In Love” habe ich ja sogar alleine oder im Duett gesungen. Mehr durfte ich nicht oder besser gesagt, die Gelegenheit ergab sich nicht. Weiß auch nicht warum. Dafür kann ich mich nun am Mikro auslassen wie ich möchte.
Gibt es viele Folk-Punk Bands, die ihr als Einfluss bezeichnen würdet? Immerhin macht ihr diese Musik schon länger als die meisten von denen…
Einfluss auf alle Folk Bands werden immer The Pogues und The Dubliners haben. Wer etwas anderes behauptet oder sogar sagt, die kenne ich gar nicht, der LÜGT! Wir waren früher viel und oft mit The Whisky Priest unterwegs und ich denke mal, das diese Begegnung uns ein wenig beeinflusst hat. Ansonsten hat uns als K&B natürlich im größten Stil die Band Lady Godiva beeinflusst! Das war schon ein sehr eigener Musikstil. Und vielleicht ein wenig die Dropkick Murphys.
Gerade die neueren Punkbands, die ihr Glück mit Irish Folk probieren klingen oft ziemlich einheitlich und unoriginell. Was unterscheidet euch gemäß deiner Selbsteinschätzung von anderen Bands dieses Genres?
Die Erfahrung?! Keine Ahnung. Diese Frage müssen die Fans beantworten. Vielleicht haben wir ein besseres Ohr und Händchen für unsere Arrangements und bei der Liedauswahl, wenn es um Traditionals geht. Jeder von uns hat privat eine andere musikalische Orientierung und diese bringt er dann bei neuen Stücken mit ein, ohne die eigentliche Richtung zu verlieren.
Gibt es schon Pläne für ein Kings And Boozers  Album? Wenn ja, wann wird es soweit sein?
Pläne gibt es viele, nur fehlt uns ein wenig die Zeit und das nötige Kleingeld. Wir füllen gerade unser Programm, schreiben neue Stücke und versuchen so gut es geht Auftritte wahr zunehmen. Aus beruflicher Sicht ist dies allerdings nicht immer leicht umzusetzen. Mit Musik können wir leider nicht unseren Lebensunterhalt verdienen und so teilen wir uns unsere freie Zeit halt gut ein. Aber wer weiß, vielleicht ist dort ja ein Licht am Ende des Tunnels. Nächstes Jahr sind wir schlauer. Zwischendurch bin ich als Gast-Flötenspieler unterwegs. So war ich bei dem letzten Album von The Ceili Family und Dritte Wahl dabei.
Wie dürfen wir uns eure neuen Songs vorstellen?
Gute Musik im Stil von Lady Godiva, stimmgewaltig und mit harten Gitarren!
Was erwartet den Besucher eines Kings And Boozers Konzertes?
Spaß, Spaß, Spaß! Und gute Stimmung. Tanzbare Musik! Traditionelle Instrumente treffen auf harte Gitarren. Spielfreude und der berühmte Funke der hoffentlich auf das Publikum überspringt. Wir versuchen immer eine Party aus unseren Konzerten zu machen. Jeder soll sich wohl fühlen und mit einem Lächeln im Gesicht nach Hause gehen.
Welche Tipps würdest du Folk-Fans geben, die traditionelle Instrumente wie Tin Whistle oder Mandoline erlernen wollen?
Üben, üben, üben! CD von The Dubliners oder The Clancy Brothers auflegen und einfach mitspielen. Übung macht den Meister!
Any last words?
Grüße an alle die uns kennen. Kommt auf ein oder zwei Bier vorbei wenn wir in eurer Nähe sind. Wir freuen uns auf euch!
Danke für das Interview!

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