Acoustic Revolution
Festival 2012

Nichts gegen Iren ~ Ralf Sotscheck

von

Cover Nichts gegen IrenPsychogramm eines komischen Volkes, Edition Tiamat 2009

Ralf Sotscheck hat nichts gegen Iren. Bestimmt nicht. Er ist, was den Pass betrifft, ja selbst einer. Der gebürtige Berliner lebt seit 1985 in Dublin und schreibt als Auslandskorrespondent für die taz. Dabei erlebt und erfährt er so viel Haarsträubendes und Kurioses, dass es locker eine wöchentliche Zeitungskolumne füllt. Nach „Nichts gegen Engländer” ist jetzt eine Auswahl der Irland-Stories als Taschenbuch erschienen.

Einige Sachen kann man nur als ‚krass’ bezeichnen: die Geschichte vom Londoner Bischof, der nach der Weihnachtsfeier der irischen Botschaft volltrunken einen Mercedes aufbricht, den Räuber MacArthur, der Unterschlupf im Haus des Generalstaatsanwalts findet, oder den Zug mit einem einzelnen (tatsächlich blinden) Passagier, dessen Lokführer 300 Reisende auf dem Dubliner Bahnhof zurücklässt. Würde Sotscheck in einem anderen Land leben, hätte er dort aber wohl ähnlich unglaubliche Vorkommnisse aufgespürt. Nicht alle Anekdoten aus dem Bekanntenkreis fördern Erhellendes zu Tage. Der Autor schafft es aber, sich selbst auf die Schippe zu nehmen, etwa mit seinen Bemühungen, heimlich (nicht) zu rauchen. Die Illustrationen von ©TOM lassen weiter schmunzeln.

Die  einzelnen Kapitel erscheinen manchmal etwas zusammengewürfelt, was sich aus der Entstehung erklärt, sind aber stets unterhaltsam. Wir lernen Dustin, den singenden Fernseh-Truthahn kennen. Dieser beendete Irlands Erfolgsserie beim Eurovisions-Grand Prix schlagartig, schaffte es aber, bei den Nachwahlen in Cork einen menschlichen Politiker zu über’flügeln’. Von Sänger Bono erfährt man, dass er von Lesern einer Zeitschrift als „listigster Steuerschwindler” des vergangenen Jahres ausgezeichnet wurde, da er den Sitz seiner Musikfirma in die Niederlande verlegte, öffentlich aber weiter für globale Gerechtigkeit eintritt. Shane MacGowan sei selbst in volltrunkenem Zustand besser zu ertragen als der Sänger von U2, findet Sotscheck.

Neben den Themen Sport, Essen und Trinken oder Transportwesen gibt es Einblicke in das Verhältnis zu den Nachbarn in England und den Six Counties (Nordirland). Die Schnäppchenjäger-Karawane, die auf dem Weg zu IKEA in Belfast ist, oder der eigentlich namenlose Obstman, der als Superheld die Kleinen für den reaktionären Oranierorden begeistern soll, lassen auch hier nicht zu viel Ernst aufkommen.

Wer gerne handfeste Zahlen hat, bitte sehr:

  • 45 Mio. US-Amerikaner berufen sich auf irische Wurzeln
  • 200 000 Polen stellen derzeit 5% der irischen Bevölkerung
  • noch sind 400 000 Autofahrer ohne Prüfung legal mit einem provisorischen Führerschein unterwegs
  • beim Bau einer normalen Doppelhaushälfte trinken irische Arbeiter im Schnitt 9500 Tassen Tee
  • die Mehrwertsteuer in Irland wurde auf 21,5 % erhöht.

“Psychogramm” ist sicherlich zu hoch gegriffen. Man erfährt  einiges über den irischen Alltag, das zur Entmystifizierung des Lebens auf der Grünen Insel beiträgt. Korruption in der Politik, ausufernde Bürokratie und ein kaum noch funktionsfähiges Gesundheitssystem lassen  zweifeln, ob der Wirtschaftsboom der Neunziger dem Land wirklich gut getan hat. Andererseits kriegen auch die Deutschen Irland -Fans ihr Fett weg, die ihr kleines Paradies am liebsten in einer Zeitschleife konservieren würden.

Die gegenwärtige Finanzkrise hat Irland heftig getroffen. Wenn jetzt der Boom vorbei ist, „könnten sich die Iren auf das Wesentliche konzentrieren: das Trinken des schwarzen Bieres, das Singen melancholischer Lieder und das Verfassen von Werken der Weltliteratur.”


Homepage des Autors: www.sotscheck.net


Nichts gegen Iren: Psychogramm eines komischen Volkes (broschiert)
von Ralf Sotscheck (Autor), Klaus Bittermann (Herausgeber), Tom (Illustrator)

ISBN: 978-3893201310

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Über kuec

Zwei Dinge faszinieren mich an Folk-Musik besonders: die mündliche Überlieferung mit ihren verschlungenen Wegen und der Einblick in andere Lebenswelten aus der Perspektive der Betroffenen. Neben meiner Leidenschaft für live-Musik habe ich mich immer wieder mit den Hintergründen dieser „Kultur von unten“ beschäftigt. Ich bin mit gemeinsamem Musizieren aufgewachsen. Meine Instrumente sind Geige, akustische Gitarre und E-Bass. Gespielt habe ich in Orchestern, Folk-Gruppen und Oldie-Bands. In den Neunzigern habe ich Konzertberichte für eine südwestfälische Lokalzeitung verfasst und freue mich, dem Schreiben über Musik jetzt online nachgehen zu können. Hier bei celtic-rock.de pflege ich seit 2008 die Wissens-Abteilung. Schaut doch mal bei den classics oder in unserer Bücherecke vorbei. Und nicht vergessen: keep music live!

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