Frank Delaney ~ Schwert und Harfe
von kuec
Als Ronan O’Mara ein kleiner Junge ist, steht eines Tages ein wandernder Geschichtenerzähler vor der Tür. Er unterhält an mehreren Abenden die Familie und Nachbarn mit spannenden Begebenheiten aus der irischen Vergangenheit. Ronan ist fasziniert und setzt alles daran, den geheimnisvollen alten Mann wiederzufinden.
Dem Titel zum Trotz haben wir es weder mit Fantasy-Literatur noch mit einem Roman zu tun. Der Untertitel ‚Die große Irland – Saga’ kommt dem Anliegen des Autors näher, auf unterhaltsame Weise an die Geschichte seinen Landes heranzuführen. Dies gelingt ihm durchaus.
Delaney (geb.1942) erinnert mit seiner Figur des Geschichtenerzählers daran, dass die keltische Kultur in starkem Maß mit der mündlichen Überlieferung verknüpft war. Das Aussterben der reisenden Erzähler ist nicht nur den aufkommenden neuen Medien des 20. Jahrhunderts geschuldet, sondern auch der Geringschätzung des Gehörten gegenüber dem Gelesenen. Der Autor schafft es, Personen aus den den Geschichtsbüchern durch plastische Beschreibung von Situationen zu Menschen aus Fleisch und Blut werden zu lassen. Legende und Wirklichkeit vermischen sich. Das Selbstbild der Menschen in Irland muss über Jahrhunderte von ähnlichen mündlich weitergegebenen Erzählungen geprägt worden sein. So wird ein ganz anderer, enger Bezug zur Vergangenheit ermöglicht.
Die Rahmenhandlung um Ronan O’Mara und seine Familie ist geschickt aufgebaut und man rätselt mit, welche verborgene Beziehung es zwischen dem namenlosen Alten und Ronan geben mag. Ronans Suche bestimmt sein ganzes Leben und wird fast zur Besessenheit. Er beginnt, sich intensiv mit der Vergangenheit seines Landes zu beschäftigen. Immer wieder trifft Ronan in Briefen, über das Radio oder Zufallsbekanntschaften auf die alten Geschichten Irlands.
Die eingestreuten historischen Episoden sind chronologisch geordnet und beginnen 3000 Jahre vor Christus mit dem mythischen Bauwerk von Newgrange. Es ist so raffiniert konstruiert, dass am Tag der Wintersonnenwende die ersten Sonnenstrahlen in einem Gewölbe aufgefangen werden.

Newgrange. Foto: Wikipedia
Da aus den Tagen 1000 Jahre vor Stonehenge kaum etwas bekannt ist, setzt der Erzähler seine Fantasie ein und schildert etwas eindimensional einen Baumeister, der sich gegen einen hinterhältigen Stammesältesten durchsetzen muss. Der Lobpreis des genialen Einzelnen gegenüber der dumpfen Masse überzeugt mich nicht, der Bau wird eher eine massive Gemeinschaftsanstrengung gewesen sein.
Je näher die Episoden der Gegenwart kommen, desto anschaulicher werden sie. Natürlich darf St.Patrick nicht fehlen, der den Teufel von der Insel vertreibt. Brendan der Seefahrer überquert den Atlantik, die Helden Finn MacCool und Brian Boru vollenden ihre Großtaten. Die Wikinger und die Normannen fallen auf der Insel ein, Oliver Cromwell führt seinen Verwüstungsfeldzug, Wilhelm von Oranien gewinnt die Schlacht am Boyne. Georg Friedrich Händel schreibt in Dublin seinen ‚Messias’, Pfarrer Jonathan Swift macht nicht nur mit ‚Gullivers Reisen’, sondern seinem entschiedenem Sinn für Gerechtigkeit von sich reden. Der irische Unabhängigkeitskampf nimmt zu Recht viel Raum ein, Höhepunkt ist die Beschreibung des Osteraufstands von 1916 aus der Sicht eines Zeugen im besetzten Hauptpostamt.
Am Schluss hat Ronan viel gelernt, einige der Schauplätze besucht und die Nachfolge des Geschichtenerzählers angetreten. Das Familiengeheimnis löst sich, als die beiden endlich wieder zusammentreffen.
Die Figuren bleiben etwas blass, als hätten sie nur bestimmte Rollen auszufüllen. Da sind der starke Kämpfer und die schöne Maid, wie sie im Märchen vorkommen, ohne besondere Charaktereigenschaften. Dies trifft auch auf die Personen der Rahmenhandlung zu. Sie entwickeln zwar Gefühle, was sie antreibt,wird aber eher schematisch dargestellt.
Das Taschenbuch mit seinen über 600 Seiten liest sich trotzdem recht flüssig. Man könnte es auch als Reiseführer benutzen. Wer sich immer schon für irische Geschichte interessiert hat oder einen Zugang zu ihr gewinnen möchte, ist mit ‚Schwert und Harfe’ gut bedient. Alle anderen sollten lieber zu einem richtigen Roman greifen.
Knaur-Taschenbuch 2007
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Ich habe es jetzt auch angefangen zu lesen. Das Motiv des Geschichtenerzählers gefällt mir gut, ich glaube das wird Folgen für den Stil meiner weiteren Arbeit hier haben :spannend