Festival 2012
Festival 2012

Ein Interview mit Carlos Núñez

von

Carlos NunezSimone Fromm hat das folgende Interview mit dem galizischen Musiker auf Englisch geführt. Es wurde uns von seinem Tourveranstalter Magnetic Music freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Wir haben es etwas gekürzt.

Carlos, 1997 warst Du zum ersten Mal in Deutschland auf Tournee. Inzwischen nimmt deine Popularität auch bei uns zu, die Begeisterung für deine Musik wächst und gewinnt auch hier immer mehr begeisterte Anhänger. Wie empfindest Du das deutsche Publikum – sind wir wirklich so unterkühlt, wie immer behauptet wird? Gibt es Unterschiede zu Konzerten in Frankreich, Spanien oder auch Japan?

Nun, zuerst muss ich sagen, dass mich die Deutschen, das deutsche Publikum, sehr überrascht hat. Absolut. Jeder glaubt, dass das deutsche Publikum sehr zurückhaltend wäre. Überhaupt nicht! Ich denke, es sind sehr intelligente Leute. Es ist doch so – wenn du dich für etwas begeistern willst, dann kannst du begeisterungsfähig sein, vielleicht sogar mehr, als andere, wenn du das wirklich willst. Somit war das deutsche Publikum wirklich eine Überraschung für mich.

Dies ist keine Art von Musik, mit der man auf Anhieb Erfolg hat, mit der man auf Anhieb eine große Popularität erreicht. Ich glaube, so ist es besser, denn wenn Du auf Anhieb erfolgreich bist, dann hast du vielleicht ein, zwei oder auch drei Jahre eine Menge Anhänger, doch dann ist es auch irgendwann vorbei. Das ist aber nicht erstrebenswert. Ich bevorzuge die Art Erfolg, an dem man ständig arbeiten muss, um ihn weiterzuentwickeln, bei dem man das Gefühl hat, es geht ständig aufwärts. Es wird ganz allmählich herzlicher und enger und wärmer und das ist die momentane Situation in Deutschland.

Bei deinen Konzerten gibst Du immer wieder Nachwuchskünstlern und örtlichen Musikgruppen die Möglichkeit, mit dir live aufzutreten. Wie kommt diese Zusammenarbeit zustande? Wendet man sich mit der Bitte um einen gemeinsamen Auftritt an dich oder erkundigst du dich nach örtlichen Künstlern oder Gruppen, die du in dein Programm integrieren kannst?

Das ergibt sich. Manchmal kommen wir an einem Ort an, an dem es eine Musikschule gibt und du siehst diese jungen Musiker, die ich dann einlade, mit mir zu spielen. Es ergibt sich einfach, das kann man nicht planen. Manchmal gibt es auch Leute, die vorher Kontakt mit uns aufnehmen, vielleicht einen Monat vor dem Konzert oder einige Wochen davor. Warum wir das machen? In erster Linie, um musikalischen Nachwuchs heranzubilden, der uns in unserer Musik folgt.

Ein Beispiel: wir laden Piper ein, mit uns zu spielen… in Frankreich, in Spanien, in Deutschland… an vielerlei Orten, auch in Japan. Und dann, Schritt für Schritt, entstehen Pipebands. Wenn wir heute nach Sevilla, Barcelona oder Madrid kommen, gibt es da jede Menge Pipebands, ebenso wie in Frankreich und ich hoffe, auch bald in Deutschland. Sogar in Tokio – es gibt eine Pipeband in Tokio und sie haben dort sogar auch Gaitas. So läuft das.

Wenn wir solche Leute einladen, mit uns zu spielen….. das erinnert mich immer daran, wie es mir mit den Chieftains erging. Sie luden mich ein, mit ihnen zu spielen, als ich ein Junge war, ein Jugendlicher. Solche Augenblicke geben dir so viel Enthusiasmus. Daher glaube ich, dass es sehr wichtig ist, diese Möglichkeit zu geben, insbesondere jungen Menschen. Das ist für uns die Motivation, dies zu tun.

Wie sehr hat die frühe Begegnung mit den “Chieftains” und die enge Zusammenarbeit mit ihnen deine musikalische Entwicklung beeinflusst?? Hättest du ohne sie mehr die klassische Musikrichtung eingeschlagen?

Nun, von Anfang an habe ich zwei Musikrichtungen parallel zueinander verfolgt – die klassische Ausbildung und die traditionelle Musik. Ich war immer davon überzeugt, dass es da eine Verbindung gibt. In Galizien, in meiner Heimat, sehen wir die Dinge einfach so. Es gibt nicht diese Trennung zwischen klassischer und traditioneller Musik. Jeder wusste, dass ich auf dem Konservatorium und gleichzeitig an einer klassischen Musikschule sein konnte. Mit einem Klavier oder mit einem Orchester aufzutreten – egal, da gab es einfach keinen Unterschied. Vielleicht wird in Ländern wie Deutschland mehr unterschieden, hier werden die Dinge sehr getrennt. Klassik ist Klassik, Rock ‘n Roll ist Rock ‘n Roll, Volksmusik ist Volksmusik. Nicht so in Galizien und das ist sehr wichtig.

Ja, die “Chieftains” zu treffen war sehr wichtig. Warum? Die “Chieftains” gaben mir die Möglichkeit, das Handwerk zu lernen. Um als Musiker erfolgreich zu sein, musst du einfach das Handwerk erlernen, genau wie ein Arzt, ein Rechtsanwalt… Es ist wie in jedem anderen Beruf auch, man muss lernen, wie der Job funktioniert, hinter die Geheimnisse des Berufes kommen. Manche Dinge lernt man auf dem Koservatorium und manche Dinge lernt man aus der Tradition. Und dann sind da die Geheimnisse, wie man eine Show entwickelt, wie man mit traditioneller Musik verzaubert, Musik, die die Leute normalerweise nicht unbedingt mögen. Man muss lernen, wie man diesen Spagat hinbekommt. Das bedeutete für mich dieses Zusammentreffen mit den “Chieftains” – dieser besondere Glücksfall, die einem nur selten wiederfährt. All das habe ich von ihnen gelernt.

Wer schon öfter in deinen Konzerten war, dem fällt auf, dass dein Programm jeden Abend variiert, du nie genau die selben Stücke spielst. Triffst du deine Titelauswahl willkürlich oder wonach entscheidest du, was abends zu hören sein wird?

Normalerweise stelle ich bei einzelnen Konzerten das Programm kurz bevor ich auf die Bühne gehe zusammen. Ich sehe immer durch einen kleinen Spalt hinter dem Vorhang ins Publikum und schnuppere ein bisschen, um mich inspirieren zu lassen. Und dann stelle ich das Programm zusammen, zwei, drei Minuten, bevor ich auf die Bühne gehe. Doch dies hier ist eine Tour und alles läuft etwas mechanischer ab. Bei einzelnen Konzerten hast du immer die Möglichkeit, Änderungen vorzunehmen.

2004 bist du im Rahmen des Irish Folk Festival unter anderem auch in der Peterskirche zu Leipzig aufgetreten, der früheren Wirkungsstätte von J.S. Bach, dessen Musik du besonders verehrst. Wie war es für dich, dort zu spielen? War etwas von der “Aura” des großen Meisters zu spüren?

Absolut! Das war ein unglaubliches Gefühl, denn es war eines der ersten Konzerte, in denen ich Bach live in der Öffentlichkeit spielte und es war Musik mit dem Dudelsack. In der “Peterskirche” hatte ich das Gefühl, dass alles stimmte – die Musik… der Dudelsack passte und die Leute passten. Das Publikum erschien mir wie Bachs Nachkommen. Sein Name schwebte über allem und die Leute sahen, nur ein paar wenige Generationen davor, zu ihm auf. Und ich spürte all’ diese Dinge und dachte “Ja, das ist es. Wir hauchen einem ganz besonderen Geist wieder Leben ein.”

Für mich liegt in Bachs Chorälen ein großes Geheimnis. Hinter der Struktur von allem steckt eine starke Metrik in der Musik, eine sehr klassische Struktur des Rhythmus. Und allem liegt viel älteres Material zugrunde: Melodien, die aus einer sehr weit zurückliegenden Zeit stammen. Durch dieses alte Material, das Bach versuchte, in seinen Chorälen zu verarbeiten, entstand der Rhythmus, um diese Polyphonie, die Vielstimmigkeit zu erreichen, wodurch einfach alles zusammenpasst.

Was ich zwischen den Zeilen sehe ist eine sehr alte Musik, die alte deutsche Musik. Ich hatte das Gefühl, dass ich mit dem Dudelsack dieser alten deutschen Musik, die es damals gab, wieder Leben einhauchte. Ich habe auch den Eindruck, dass wir in Galizien heute Dinge haben, die früher in Deutschland ebenfalls existierten. Also fühlte ich, dass ich hierher kommen sollte und ich fühlte mich zuhause. Und ich fühlte, dass die Menschen ebenso hierher kommen mussten, um sich zuhause zu fühlen.

Du und Xurxo seid musikalische Mulitalente, die immer wieder durch ihre Vielseitigkeit auf den verschiedensten Instrumenten beeindrucken. Wurde in eurer Familie viel musiziert? Spielen eure Eltern oder eure Schwester Helena ebenfalls Instrumente? Und wer hat euch an die Musik herangeführt?

Nun, das ist eine Geschichte, die mit unserem nächsten Album, dem brasilianischen Album, zu tun hat. Wir haben einen Urgroßvater, der Musiker war. Er spielte dieses Blasinstrument – Bombardino oder Euphonium – so ähnlich wie eine kleine Tuba. Er spielte in Brassbands, in diesen Brassorchestern, die damals sehr populär waren. Das war vor etwa hundert Jahren und er war also unser Urgroßvater. Seine ganze Familie bestand aus Musikern.

Dann wanderte er nach Brasilien aus, in der Hoffnung auf ein besseres Leben, denn Galizien war sehr arm damals. Für Musiker war es in unserem Land alles andere als einfach. Er ging also nach Brasilien und plötzlich hieß es, er wäre aus Eifersucht umgebracht worden. Doch das kann ich mir nicht vorstellen. Es hieß, ein andere Musiker, der auf ihn eifersüchtig war, hätte ihn getötet. Ich denke, er ging einfach nach Brasilien und blieb dort.

Von diesem Moment an war Musik in unserer Familie sozusagen tabu, es gab keine Musiker mehr. Mein Großvater war Geschichtslehrer, sehr kultiviert, sehr intelligent. Mein Vater ist Künstler, Graphiker, und auch Publizist, und in der nächsten Generation, mit Xurxo, mir, meinen Cousins, kehrte die Musik in meine Familie zurück. Also… ja… ich denke, Musik liegt uns irgendwie im Blut, auch wenn es da diese Geschichte gab, die Musik plötzlich zu etwas Schlechtem machte und niemand mehr darüber sprach. Mit unserem nächsten Album gehen wir also nach Brasilien, um auch unseren Urgroßvater zu finden.

Du hast schon mit unzähligen Künstlern und Musikern von internationalem Rang zusammen gearbeitet. Welche Begegnung, welcher Künstler hat dich am meisten beeindruckt – sowohl menschlich als auch künstlerisch – und gibt es jemanden, mit dem du unbedingt noch mal gemeinsam auf der Bühne stehen möchtest?

Mich beeindrucken besonders Menschen mit Lebenserfahrung. In erster Linie Compay Segundo. Er war achtundneunzig und hatte eine Freundin, die vierzig war. Oder die Chieftains…

Manchmal triffst du Musiker, Künstler, die zwar eine Menge Erfolg haben, doch du denkst “ok, du bist zu jung, für mich bist du noch zu jung”. Es ist wie bei Picasso – wenn du dir den 30jährigen Picasso ansiehst, dann war das nicht der selbe, der er mit siebzig war. Das ist doch der Picasso, den wir heute lieben – der unsterbliche Picasso, voller Erfahrung.

In Argentinien heißt es “um Tango singen zu können, muss man alt sein”, denn wenn es dir an Lebenserfahrung fehlt…. Oder anders ausgedrückt … um Tango zu singen, musst du im Leben gelitten haben. Dann liegt mehr Emotion in allem… Genau! Sieh mal, es gibt Künstler, die sind erst dreißig, aber sie haben dieses Strahlen in den Augen, dieses Feuer verloren. Irgend etwas ist passiert, was sie die Hoffnung verlieren ließ, die Hoffnung in die Musik, die Hoffnung in das Leben.

Viele Menschen leben zwar, sie gehen ihren Berufen nach, doch ihnen ging diese besondere Energie verloren. Und wenn ich dann einen alten Musiker treffe, der sich dieses spezielle Feuer, diese Leidenschaft bewahrt hat …. das ist einfach fantastisch! Das ist etwas, das mich sehr beschäftigt: pass auf, verliere nicht das Feuer, bewahre dir deine Leidenschaft. Das ist sehr wichtig. Also bevorzuge ich mehr den Musiker mit sechzig Jahren Lebenserfahrung als denjenigen, der erst zwanzig ist.

Gibt es etwas, was du deinem deutschen Publikum, deinen deutschen Fans sagen möchtest?

Vielen Dank, dass ihr hier seid, jedes Jahr auf uns wartet. Ich weiß, dass wir in den letzten Jahren jedes Jahr herkommen und die Leute fragen mich manchmal ‘Carlos, du kommst oft’ und ich antworte dann “ja, wir nehmen diese Anstrengung auf uns, jedes Jahr hierher zu kommen, weil dies die einzige Möglichkeit ist, zu einer Familie zusammenzuwachsen.”

Carlos, herzlichen Dank für dieses interessante Gespräch und die Zeit, die du dir vor deinem Konzert hier in Lörrach heute Abend genommen hast.

Das Interview führte Simone Fromm.

Die aktuellen Tourdaten:

  • 18.01.09 Leverkusen – Scala
  • 20.01.09 CH – St. Gallen – Tonhalle
  • 21.01.09 CH – Zug – Casino
  • 22.01.09 CH – Bern – Bierhübeli 20 30 Uhr
  • 24.01.09 CH – Monthey – Theatre 20 30 Uhr
  • 25.01.09 Mainz – Frankfurter Hof
  • 27.01.09 Waldshut – Tiengen – Stadthalle
  • 29.01.09 Reutlingen – Kulturzentrum Franz.K
  • 30.01.09 Friedrichshafen – Bahnhof Fischbach
  • 31.01.09 Bäumenheim – Schmutterhalle
  • 01.02.09 Landau – Jugendstil-Festhalle
  • 03.02.09 Berlin – Passionskirche
  • 04.02.09 Hamburg – Fabrik 21 00 Uhr
  • 05.02.09 Peine – Forum
  • 06.02.09 Hilchenbach – Evangelische Kirche
  • 07.02.09 Oldenburg – Aula Neues Gymnasium 19 30 Uhr
  • 08.02.09 Kiel – Kulturforum 19 00 Uhr


Über kuec

Zwei Dinge faszinieren mich an Folk-Musik besonders: die mündliche Überlieferung mit ihren verschlungenen Wegen und der Einblick in andere Lebenswelten aus der Perspektive der Betroffenen. Neben meiner Leidenschaft für live-Musik habe ich mich immer wieder mit den Hintergründen dieser „Kultur von unten“ beschäftigt. Ich bin mit gemeinsamem Musizieren aufgewachsen. Meine Instrumente sind Geige, akustische Gitarre und E-Bass. Gespielt habe ich in Orchestern, Folk-Gruppen und Oldie-Bands. In den Neunzigern habe ich Konzertberichte für eine südwestfälische Lokalzeitung verfasst und freue mich, dem Schreiben über Musik jetzt online nachgehen zu können. Hier bei celtic-rock.de pflege ich seit 2008 die Wissens-Abteilung. Schaut doch mal bei den classics oder in unserer Bücherecke vorbei. Und nicht vergessen: keep music live!

Autor/in: 170 Beiträge | » Website» facebook

Alle Artikel von kuec

Hinterlasse einen Kommentar

Deine Email-Adresse wird niemals veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.

 

Zum Anfang springen 

Copyright © 2007 - 2012 celtic rock music | Kontakt / Impressum