Mit den Zydepunks tanzend zum Ende der Welt
von daniels
Ein Interview mit Juan Christian Küffner
Über das neue Album “Finisterre”, New Orleans und eine lange Reise.
celtic rock: Hi Christian, danke dass Du Dir ein bisschen Zeit für uns nimmst. Es freut mich besonders mit Dir in Deutsch das Interview führen zu können, da mein Englisch so schlecht ist. Ich habe gelesen Du beherrscht vier Sprachen, wo hast Du das gelernt?
Juan: Hallo Keltisch Rock! Mein Vater stammt aus Friedberg im Taunus und ist in der Nachkriegszeit ausgewandert. Meine Mutter ist Equadorianerin. Sie haben sich in Equador kennengelernt, wo ich dann auch geboren wurde. In den 70ern wanderte die Familie in die Staaten hinein, wo ich dann in der internationalen Umgebung von Washington D.C. mit anderen Immigrantenkindern aus Deutschland, Frankreich, Vietnam, Kolumbien usw. aufwuchs. Es ist wirklich wegen meiner Eltern, dass ich noch Deutsch und Spanisch sprechen kann. Viele Immigranten verlieren ja ihre Sprachen. Französisch lernte ich in der Schule, und ich habe in Louisiana noch die seltene Gelegenheit, diese Sprache mit den Cajuns von Louisiana zu gebrauchen.
celtic rock: Bei uns war Eure Gegend in letzter Zeit, zuletzt wieder im August, aufgrund der Hurrikans in den Medien. War Euer Leben dadurch auch betroffen?
Juan: In New Orleans ist nur wenig geschehen. Zwei Freunde von mir sind mit Hausschäden betroffen gewesen (einer ausgerechnet aus Wuppertal!), aber ansonsten war hier wenig los. Wir sind alle in verschiedene Städte geflüchtet. Glücklicherweise konnten wir ein Konzert in Mobile, Alabama organisieren. Die Leute da sind sehr cool, lieben Musik, und der Besitzer vom Klub indem wir gespielt haben, hat sogar meine Frau und mich mit Hund, Katze und Geigenspieler in seinem Haus bleiben lassen.
Die Stadt Houma ist eher sehr beschädigt worden, man sagte mir etwa 50% seien überflutet. Houston war auch sehr stark von Hurrikan Ike betroffen. Meine Freunde da hatten etwa zwei Wochen keinen Strom.
Galveston und die Küstenstädte von Texas sind fast völlig verschwunden. Unsere Fahrt nach Mobile zeigte auch, dass die Städte an der Golfküste in Mississippi immer noch tot sind. Da ist fast gar nichts mehr, 3 1/2 Jahre nach Katrina. Jetzt mit der neuen Weltwirtschaftskrise kümmert sich aber eigentlich keiner darum. Die Staaten der Golfküste und die Bundesregierung müssen dringend sehr harte Entscheidungen über unsere Zukunft treffen.
celtic rock: Euer neues Album heißt Finisterre. Auf Deutsch übersetzt, bedeutet es in etwa “Das Ende der Welt”. Ist es eine Anspielung an den wunderschönen Landstrich der Bretagne oder eher eine Erinnerung an apokaplyptische Erlebnisse, oder was ganz anderes?
Juan: In der Bretagne waren wir leider noch nie! Der Name hat mehrere Bedeutungen für uns.
Erstens geographisch. Unweit von New Orleans liegen kleine Dörfer und Sümpfe an der Küste entlang. Es ist so schlammig und sumpfig hier, dass man manchmal schlecht erkennen kann, wo das Land endet und wo das Wasser beginnt. Dieses Gebiet ist sehr isoliert und man fühlt sich sehr am Landesende.
Zweitens sind wir hier noch in einer kulturellen Region stark von der Karibik und ursprünglich von Frankreich, Spanien, und Portugal geprägt. Deshalb ein Titel auf Latein. Dazu kommt noch, dass diese mediterrane Kultur mit der Globalisierung und Amerikanisierung schnell verschwindet.
Endlich die “apokalyptischen Erlebnisse”. Obwohl die Lieder schon von unseren interessanten Erlebnissen in unserer Stadt handeln, ist der Titel eher eine Anspielung auf die großen Umweltprobleme, die hier für uns schon sehr spürbar sind. Wir werden noch erleben, dass die südliche Hälfte von Louisiana völlig verschwindet, durch Überflutungen und das Absterben unserer Sümpfe. Umweltprobleme werden natürlich nicht nur wir, sondern irgendwann auch der Rest der Welt spüren.
celtic rock: Diese Botschaft imponiert mir sehr! Leider denken wir immer viel zu selten an unsere Umwelt. In Zeiten der Banken- und Wirtschaftskrisen scheinen diese Themen auch wieder stark in den Hintergrund zu geraten. Wo wir grade bei den Begriffserklärungen sind, was bedeutet der Name “Zydepunks”?
Juan: “Zydeco” ist eine Musikform aus Louisiana – afrikanisch/ karibisch/ französische Musik mit Akkordeon, auf Englisch, Französisch und Kreolisch. Zydeco kommt vom Französischen “les haricots”, d.h. die Bohnen. Ein berühmtes Zydeco Lied ist ” les haricots son pas sale’ “, die Bohnen sind nicht salzig genug. Viele Zydeco Gruppen benutzen das Wort im Namen der Gruppe, z.B. “Nathan and the Zydeco Cha Chas”, “Zydeco Express”, etc, also dachten wir “Zydepunks”.
Wir spielen eigentlich wenig Zydeco in unserer Musik, auf “Finisterre” überhaupt nichts, obwohl wir auf der Bühne schon Zydeco Lieder aufführen.
celtic rock: Mir persönlich gefällt Finisterre noch besser als Exile Waltz, da es musikalisch gesehen, aus meiner Sicht etwas vielfältiger ist. War das beabsichtigt, oder hat es sich so ergeben?
Juan: “Exile Waltz” war eher ein Experiment. Wir hatten neue Leute nach Katrina in unserer Gruppe und wollten sehen wie das klappt. “Exile” hatte auch überwiegend traditionelle Lieder. Ursrpünglich wollten wir diese Platte nur nach Konzerten verkaufen, sie ist aber sehr populär geworden. “Finisterre” dagegen hat nur ein traditionelles Lied und wir sind jetzt schon etwa fünf Jahre zusammen. Da kennt man sich besser, und es ist dann leichter Musik zu schreiben, miteinander zu arbeiten, und zu experimentieren. “Finisterre” hat auch Lieder, die von Joe, Lilly und Eve geschrieben sind, während fast alles früher von meiner Hand war.
celtic rock: Zwei Lieder auf dem Album sind einem verstorbenen Freund gewidmet, möchtest Du dazu eine Geschichte erzählen?
Juan: Ja, zwei Freunde von mir waren auf dem Weg nach Hause, etwa um fünf Uhr morgens kommt irgendein Idiot mit einem Gewehr auf sie zu und beraubt sie. Auf einmal wird er paranoid und erschießt Mike. Der Räuber ist bisher noch nicht gefunden worden und wird es auch wahrscheinlich nie. Mike ist nach ein paar Stunden im Krankenhaus gestorben.
celtic rock: Danke für die Erklärung. Nach so einer Geschichte ist es schwer wieder den Bogen zu etwas Frohsinnigem zu bekommen. Du hast mir ein Foto mit zehn Akkordeons geschickt. Was bedeuten sie für Dich?
Juan: Hm. Akkordeons sind sehr unterschiedllich – Ton, Stil, etc. Wir benutzen verschiedene Instrumente für verschiedene Folkstile.
celtic-rock: Auf Finisterre nehmt Ihr uns auf eine klangvolle Reise in verschiedene kulturelle Ursprünge, die geprägt sind durch Melodien, Rhythmen und Sprachen. Sind die Mitglieder Eurer Band ebenfalls so unterschiedlich?
Juan: Musikalisch haben wir alle sehr verschiedenen Geschmack. Die Richtung und der Ton der Gruppe stammt aus meiner Vision. Eve und ich spielen schon sehr lange Volksmusik, ursprünglich hauptsächlich Irische Musik. Jeder fügt natürlich seine eigenen Ideen hinzu. Weil die anderen Mitglieder nicht besonders viel von Volksmusik wissen, ist das Resultat manchmal sehr interessant.
Ich bin der einzige, der im Ausland geboren wurde, die anderen haben aber auch sehr verschiedene Hintergründe. Eve ist aus Michigan und 100% Westfriesisch. Joes Vorfahren waren Engländer in den Bergen von West Virginia. Denise ist halb Griechisch und halb Cherokee. Ihre Mutter ist im Reservat aufgewachsen. Scott ist der einzige aus New Orleans und ist gemischt Deutsch, Holländisch, und Cajun.
celtic-rock: Hast Du ein persönliches Lieblingslied auf der CD?
Juan: Ich will’s lieber nicht sagen.
celtic-rock: Am Ende noch drei obligatorische Fragen, die uns und den Leserinnen und Lesern helfen, ein Persönlichkeitsprofil von Dir zu erstellen. Was magst Du lieber und vielleicht mit kurzer Begründung? CDs oder Schallplatten?
Juan: Am besten Musik lernen und weitergeben, sonst gefallen mir Schallplatten als Kunstwerk besser.
celtic-rock: Live oder Album?
Juan: Live, wenn man’s kann. Für Alben habe ich auch nie Geld.
celtic-rock: Guinness oder Whiskey?
Juan: Guinness normalerweise. Whiskey wenn man’s braucht.
celtic-rock: Ach und bevor ich es vergesse, wie kann man am Besten aus Deutschland bestellen?
Juan: Am besten über CDBABY www.cdbaby.com oder INTERPUNK. www.interpunk.com .Ältere Alben verkaufen wir auch hier: www.oi-punk.de.
celtic-rock: Ich hätte gerne noch eine CD von Finisterre, da Marcel das Rezensionsexemplar bekommen hat, und ein T-Shirt in L, Überweisung folgt. Vielen Dank, dass Du Dir die Zeit für uns genommen hast.
Juan: Nichts zu danken!
Das Interview führte daniels.
Video aus dem Studio



Mai 2012:
April 2012:
März 2012:













Juan: “Zydeco” ist eine Musikform aus Louisiana – afrikanisch/ karibisch/ französische Musik mit Akkordeon, auf Englisch, Französisch und Kreolisch. Zydeco kommt vom Französischen “les haricots”, d.h. die Bohnen. Ein berühmtes Zydeco Lied ist ” les haricots son pas sale’ “, die Bohnen sind nicht salzig genug. Viele Zydeco Gruppen benutzen das Wort im Namen der Gruppe, z.B. “Nathan and the Zydeco Cha Chas”, “Zydeco Express”, etc, also dachten wir “Zydepunks”.

