Acoustic Revolution
Festival 2012

Flogging Molly’s Nathen im Gespräch mit Marcel

von

Hamburg, 12. November 2008

Marcel, unser Mann im Norden, unterhielt sich vor dem Konzert in der Großen Freiheit 36 ausführlich mit Bassist Nathen Maxwell in einem kleinen vietnamesischen Restaurant mitten auf St. Pauli über das Album „Float”, das Leben auf Tour und erfuhr gleichzeitig einige Details, die wohl noch nicht so viele wissen …

Zunächst einmal nachträgliche Glückwünsche zum Album und Erfolg des Albums „Float”. Der Titelsong ist neben „Lightning Storm” übrigens mein persönlicher Favorit.

Vielen Dank. „Float” ist auch eins meiner Lieblingsstücke, speziell ihn live zu spielen ist toll. Ein Song muss nicht laut, heavy und schnell sein, um eine Verbindung zum Publikum herzustellen und dieses Lied ist ein gutes Beispiel dafür. Auch „Lightning Storm” ist ein echt klasse Stück. Dave hat es uns ursprünglich als Ballade im Proberaum präsentiert, als eine Art Walzer. Dann eines Tages fragte ich jedoch, ob wir es nicht mal etwas schneller spielen können, „you know, one, two, three, four…”. Das fühlte sich dann gleich viel besser an wobei der Song dadurch einen neuen Charakter bekommen hat.

Kannst du den gesamten Prozess des Albums, von den ersten Songideen bis hin zum fertigen Album beschreiben?

Darf ich es am Beispiel „Lightning Storm” machen? Dave kommt meistens mit einer Songidee an und spielt sie uns mit einer Akustikgitarre vor und singt dabei grob die Melodie. Dann arbeiten wir als Band an diesem Song, bis er richtig gut ist. Wir ändern dann nicht unbedingt die Akkorde sondern lediglich den Rhythmus. Aber manchmal hat er auch schon einen gesamten Song fertig komponiert und wir spielen dann nur noch jeweils unseren Part. Nur in Ausnahmefällen entsteht ein Song komplett neu im Proberaum.

Habt ihr somit alle Urheberrechte an den Songs?

Wir benutzen diese Methode als Basis für unsere Tantiemenformel, bei der der Ursprungskomponist einen hohen Prozentsatz bekommt und der Rest auf die anderen Mitglieder aufgeteilt wird. Es ist wichtig, dass das sofort bei der Gründung der Band festgelegt wird. Viele Bands haben sich gestritten und getrennt, weil sie das vorher nicht festgelegt haben. Wir haben keine Probleme damit.

Sehr gut, aber wie wurde dann das Album „Float” weiterentwickelt?

Wir haben uns für zweimal drei Wochen in Dave’s House, in Wexford eingefunden, um an den Songs zu arbeiten und sie fertig zu stellen. Dabei haben wir uns ein Cottage zum Musizieren in der Nähe gemietet. Es war gut für das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Band, die sonst an verschiedenen Orten der Welt lebt. Und so hatten wir unseren geregelten Tagesablauf: Aufstehen, Frühstücken, Jammen, Abend essen, dann ab in den Pub, ordentlich trinken, Schlafen – und das jeden Tag und auf dem Land, weit weg von den Großstädten und üblichen Ablenkungen. Das war eine wunderschöne Erfahrung. Als alle Songs nach einer dritten Session mit Produzent Ryan Hewitt letztendlich abgeschlossen wurden, entschieden wir uns auch, in Irland das Album komplett aufzunehmen. Dann haben wir uns im Studio eingefunden und alles zunächst live aufgenommen, um anschließend Overdubs zu machen. So konnten wir das Live-Gefühl einbringen.

Aber ihr hättet auch in den USA aufnehmen können oder?

Ja, aber Gewöhnlicherweise nehmen wir immer da auf, wo Dave lebt und bauen dann seine Garage in einen Proberaum um. Ob damals in LA oder heute in Irland. So funktioniert es am besten, auch wenn es nicht die kostengünstigste Variante ist.

Kommen wir nun auf diese Europatour zu sprechen. Wie läuft sie zur Zeit?

Oh sehr gut, speziell hier auf dem Kontinentalteil Europas. Wir waren erst in Großbritannien aber hier fühlt es sich einfach besser an. Ob es die Gastfreundschaft ist oder die einfachen Dinge wie das Catering. Alles ist einfach eine Spur netter.

Was ist für dich einerseits das Positive, andererseits das Negative am Touren?

Für die Menschen zu spielen, die Welt zu bereisen, zu sehen und durch die Strassen der Welt spazieren zu gehen. Auch wenn man nicht alles sehen kann, ist es doch eine tolle Erfahrung anderen Kulturen zu begegnen. Und irgendwie ist es auch schön zu sehen, wie ähnlich sich alle Menschen sind, egal wo man sich befindet.

Die Kehrseite des Tourens ist natürlich, dass ich meine Familie vermisse. Naja und vielleicht trinke ich gerne etwas zu viel auf Tour, haha.

Was machst du gewöhnlich, wenn du nicht mit Flogging Molly unterwegs bist?

Ich schreibe Songs, verbringe Zeit mit meiner Familie und gehe spazieren. Wenn ich zu Hause bin, versuche ich die Gitarre zur Seite zu legen, um mich ganz auf meine Familie zu konzentrieren.

Ist das nicht schwierig, zum einen für eine gewisse Zeit völlig weg und dann um anderen wieder zu 100% zu Hause zu sein?

Ja, das ist hart aber es gibt Schlimmeres und ich möchte nicht mit einem anderen Leben tauschen. Dafür kann ich meinem Traumberuf nachgehen, denn ich wollte nie etwas anderes machen, als das, was ich jetzt tue. Wenn ich damit auch noch meine Familie ernähren kann, sind alle glücklich.

Wie schafft man es, dieses hohe Niveau auf Tour zu halten und sogar über die Jahre zu steigern ?

Wenn eine Band wie Flogging Molly so viel live spielt, entsteht eine gewisse Chemie. Wir verstehen uns sehr gut und zusätzlich wird man immer kompakter als Bandgefüge. Jeder Einzelne von uns nimmt die Band sehr sehr ernst, denn das ist alles, was wir haben. Diese Songs machen nicht nur Spaß zu spielen, sie bedeuten uns auch sehr viel. Mit dieser Leidenschaft wollen wir jeden Abend auf der Bühne alles geben.

Hattest du die Chance, den neuen amerikanischen Präsidenten zu wählen oder warst du schon auf Tour in Großbritannien?

Ich war zu der Zeit zwar schon auf Tour aber ich war in der Lage zu wählen. In Colorado kann man sowohl eher wählen, als auch die Briefwahloption nutzen. Und ich kann dir sagen, dass wir alle sehr glücklich über den Ausgang der Wahl sind. Ich habe zwar soviel grundsätzliche Vorbehalte gegen das System, aber ich habe mich dazu entschieden, zu wählen, weil Barack Obama einfach eine einmalige Persönlichkeit ist, der Leute inspiriert. Man fühlt sich einfach gut, wen man ihn reden hört. Es hat sehr lange in den USA gedauert, dass dieses Gefühl in den Menschen wieder existiert. Speziell das Reisen im Ausland hat sich teilweise als Amerikaner furchtbar angefühlt. Jeder weiß, das es keinen radikalen Wandel geben wird. Aber auch ein kleiner Wechsel hin zum Besseren ist auch schon wichtig. Am Ende müssen die Menschen den Wechsel wollen und umsetzen.

Würdest du zustimmen, dass die gesamte Punkszene es jetzt schwerer hat, ein Feindbild zu haben?

Unter der Oberfläche hat sich nichts verändert, insofern hat die Szene weiter ihre Berechtigung.

Aber es ist sicherlich schwieriger sich aufzuregen. Aber denk an die Jahre unter Clinton. Da hat Punkrock eine absolute Hochphase gehabt mit Rancid, Green Day und all die anderen Punkbands. Also ein Prost auf Barack Obama und seine Inspiration.

Auch wenn du an vielen verschiedenen Musikstilen deinen Gefallen findest, würde ich gern wissen, welchen Effekt irische Musik auf dich hat.

Für mich waren Flogging Molly meine Mentoren in Sachen irischer Musik. Als ich vor 12 Jahren zur Band stieß, wusste ich bis auf die großartigen Pogues nichts über diese Musikrichtung. In LA war diese Art der Musik einfach nicht präsent. Für mich ist es der Geist und die Kultur das, was die irische Musik ausmacht. Spontane Livemusik in Pubs mit Freunden und jeder kann einsteigen und das alles in einer gewohnten Umgebung. Das macht für mich Irish Folk aus. In den Anfängen haben wir immer nach Konzerten einen Pub aufgesucht und dort weiter gejammt. Wir versuchen das heute noch zu machen aber es wird schwieriger mit Tourneen wie dieser.

Die internationale Skaterszene und Irish Folk haben in der Regel wenig miteinander zu tun und Flogging Molly haben eine Brücke geschaffen. Glaubst du, dass das lediglich mit eurem Akkordeonspieler und Skate-Weltmeister Matt Hensley zusammenhängt oder auch mit dem „Drunken Lullabies” Feature auf Tony Hawk’s Pro Skater 4?

Ja, es hat sehr viel damit zu tun. Auf unserer ersten Tour 1997/98 kam nach der Show ein kleiner Junge zu uns an die Bühne und hat Matt um ein Autogramm gebeten. Ich war darauf vorbereitet, auch gleich gefragt zu werden, aber er hat sich dann einfach wieder aus dem Staub gemacht. Er wollte nur eins von Matt. Da wurde mir klar, wie bekannt alleine Matt war. Und sein Bekanntheitsgrad hat definitiv geholfen, die Band bekannt zu machen. Schließlich kam dann die Skateboard Punk „Warped Tour”, bei der wir mitmachen durften. Ich meine, auf der anderen Seite ist Matt auch einer großartigen Band beigetreten. Aber die Tatsache, dass wir diese Brücke geschlagen haben macht mich stolz – sehr cool.

Wann genau hast du bei Flogging Molly angefangen?

1996 – das “Live behind the green Door” war gerade fertig, als mein Vater und ich zu einem Konzert von ihnen gingen. Mein Vater, selbst Musiker, hat mich immer und vollkommen unterstützt, weil er wusste, dass ich in einer Band spielen wollte und nichts anderes als Beruf für mich in Frage kam. Der alte Bassspieler wollte aus der Band aussteigen, weil er mit seiner anderen Band einen Majordeal bekommen hat und sie sollten die Sex Pistols Tour supporten. Da ist mein Vater zu ihm gegangen und hat gesagt, er solle sich mal diesen Bassspieler, also mich, anhören. Zu dieser Zeit gab es einen großen Umbruch, weil auch der Mandolinenspieler die Band aus Gründen der illegalen Immigration oder so verlassen musste. Dave war also in diesem Pub im sog. Miracle Mile District in LA (südlich von Hollywood), wie jeden Montag und hat praktisch fast alle Leute angesprochen, ob sie bei Flogging Molly mitmachen wollen.

Kennst du dich eigentlich in der deutschen Paddyrockszene aus?

Ja, Ute vom deutschen Flogging Molly Fanclub bringt sie mir nah und gibt mir öfters CDs aber die Bands kommen selten auf Tour in die Staaten. Wahrscheinlich ist es einfach zu teuer. Wir kamen 2002 das erste Mal nach Europa und vor dieser Zeit durfte Dave eigentlich nicht die Vereinigten Staaten verlassen, sonst hätte er eine zehnjährige Einreisesperre bekommen. Also musste er erst auf seine Green Card warten. Bis dahin war er illegal im Land. Wir mussten damals auch die „Warped Tour” unterbrechen, als sie nach Kanada ging, weil es sonst Probleme mit Daves Einreise gegeben hätte. Eine echt interessante Geschichte.

Was ist dein größter Erfolg bis zum heutigen Zeitpunkt?

Zwei wunderschöne gesunde Kinder und in der Lage zu sein, das zu machen, was ich immer wollte und auch noch dafür bezahlt zu werden.

Kannst du ein paar Details zu deinem Equipment sagen? Du spielst einen Musicman Stingray, richtig?

Ja, das ist der beste Bass, den ich kenne. Und auch hier hatte ich Glück, denn die Firma Ernie Ball, die Musicman besitzt, sponsorten damals die „Warped Tour”. Ryan Ball, der Enkel von Ernie Ball und ich wurden damals gute Freunde und er gab mir den Bass umsonst, den ich mir damals nicht hätte leisten können.

Heute schon oder?

Ja heutzutage natürlich. Auf Tour habe ich drei Bässe dabei aber eigentlich spiele ich immer nur den Einen.

Insofern hat auch unser Techniker nicht viel zu tun außer die Saiten täglich zu wechseln. Das muss allerdings auch sein, da ich viel schwitze. Die Saiten würden währen der Show reißen, wenn sie nicht täglich gewechselt werden.

Kannst du abschließend noch ein paar Kommentare zu Hamburg abgeben (die Stadt in der die Beatles ihre Karriere begannen und von der John Lennon behauptet, hier erwachsen geworden zu sein)?

Hamburg ist einer meiner Lieblingsstädte und ich gehe hier sehr gerne spazieren. Einmal war ich sogar bei einem St. Pauli Spiel im Millerntorstadion dabei. Das war überhaupt das einzige europäische Fußballspiel, was ich jemals live gesehen habe. Ich bin stolz, diesen St. Pauli Schal zu tragen und es ist so cool, dass eine gesamte Fanbasis sich so für Antirassismus einsetzt und das es eine große Punkrockverbindung gibt.

Die Reeperbahn ist kulturell sehr faszinierend, auch wenn nicht alles hier mein Ding ist, aber das es existiert, ist schon was Besonderes.

Heute habe ich mal eine Hafenrundfahrt gemacht, mir alle Schiffe angesehen und ich bin kurz davor, mir einen FC St. Pauli Toaster zu kaufen.


Homepage | Myspace

Fotostrecke vom 12. November in Hamburg

Konzertvideos auf Youtube

Flogging Molly – Mix
http://www.youtube.com/watch?v=OKEEfY6gr1Y

Flogging Molly – Drunken Lullabies live 2008 Nov 12 Hamburg
http://www.youtube.com/watch?v=yiqqQ80b5RU

Flogging Molly – Float
http://www.youtube.com/watch?v=Weq-PfDU5Qc

Flogging Molly – Lightning Storm
http://www.youtube.com/watch?v=kUetH_ngFdI

Über Marcel

Shamrocknroll, FC St. Pauli, In Search Of A Rose

Autor/in: 57 Beiträge | » Website

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Ein Kommentar
  1. daniels sagt:

    Noch was nettes:


    MixwitMixwit make a mixtapeMixwit mixtapes

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