Dropkick Murphys Interview in Hamburg am 29. März 2008
von Marcel
Marcel, unser Mann im Norden, traf am Samstag Nachmittag vor der Show in Hamburg (Große Freiheit) Drummer Matt Kelly und sprach mit ihm über das neue Album, die Tour und was in Boston so los ist …
Hi Matt, willkommen in Hamburg. Stell dir vor, wir sind hier in den Katakomben unter der Großen Freiheit, dem Kaiserkeller, in denen die Beatles 1963 (damals hieß er noch Starclub) bekannt geworden sind.
Oh, ja, man riecht hier förmlich die Geschichte des Rock. Absolut cool hier…
Ich gratuliere zum aktuellem Album „The meanest of Times”, ein großartiges Werk, wie ich finde.
Vielen Dank! Wir sind selber sehr glücklich über das Album. Es ist kompakt, und aus einem Guss. Der ganze Aufnahmeprozess verlief glatt. Da konnte es nur gut werden.
Wie sind die Songs zum neuen Album entstanden? Wer hat alles beim Schreiben mitgewirkt?
Der Prozess war sehr leicht, die Songs waren alle plötzlich da. Dennoch sind die Songs recht unterschiedlich entstanden, manche auch auf Tour. Die probten wir dann auf der Bühne, ob sie live funktionieren. “State of Massachussettes” zum Beispiel spielten wir schon ein Jahr live bevor wir es dann letztes Jahr im Studio einspielten.
Im Prinzip schreiben alle Murphys an den Songs mit. Natürlich hat man manchmal mehr Inspiration als andere oder zu einer anderen Zeit, aber ich spiele nicht nur Drums, sondern auch andere Instrumente, da ist man automatisch beim Songwriting beteiligt. Letztendlich hatte tatsächlich jeder seinen Beitrag zum Album geleistet, mehr als jemals zu vor. „The meanest of Times” ist die gemeinschaftlichste Produktion überhaupt.
Wir sind einfach auch total glücklich, wie die Songs zu einem Album zusammen geschmolzen sind und die Art, wie die Songs Punk und keltische Melodien verbinden. Es ist kein Konzeptalbum, aber ein gewisses Gefühl zieht sich komplett durch das Album. Wir sind sehr stolz auf das Resultat.
Es gibt ein Lied Namens „Promised Land”; das ist von mir und ich singe es auch. Leider ist es nur auf der US Vinyl Version und in Japan erhältlich.
Mit den Texten verhält es sich ähnlich. Jeder steuert seinen Beitrag dazu, auch wenn Ken meistens mit den Ideen ankommt. Ich korrigiere sie am Ende immer bzgl. der Grammatik oder auf Rechtschreibfehler. Das liegt wohl daran, dass ich immer schon viel gelesen habe und so ist Buchstabieren schon immer eine meiner Stärken gewesen.
Wie verlief diesmal der gesamte Aufnahmeprozess des Albums?
Ab dem Zeitpunkt, wo wir festgestellt haben, dass wir ca. 22 Songs geschrieben hatten, hieß es dann: Los jetzt, lass uns ein neues Album aufnehmen.
Insofern hatten wir also alle Songs fertig komponiert, bevor wir ins Studio gegangen sind, anders als viele andere Bands das machen, die mit Nichts ins Studio gehen.
Wir haben dann innerhalb von drei Wochen alles eingespielt, James und ich waren sogar nach zwei Tagen fertig. Wir spielten zwar alles als Band Live ein aber einige Instrumente wurde dann im Nachhinein erneut aufgenommen und die Vocals eingesungen.
Außerdem hatten wir zwei Aufnahmeräume zur Verfügung, um parallel aufnehmen zu können. Das hat den Prozess natürlich auch beschleunigt. So konnte in einem Raum beispielsweise gesungen werden, während im anderen Raum noch ein Banjo zu einem anderen Lied eingespielt wurde. Gemixt wurde in Boston während wir hier in Europa waren. Mit Hilfe von Filesharing übers Internet hörten wir die Mixe im Tourbus und konnten die Songs noch mal überarbeiten lassen. Jede freie Zeit nutzen wir, um die neusten Mixe zu hören.
Wie kam es dazu, dass Gastmusiker wie Ronnie Drew von den Dubliners und Spider Stacey von den Pogues ihren Beitrag zum Song „Flannigan’S Ball” leisteten?
Wir hatten zwei freie Tage in Europa und haben mit den beiden in einem Dubliner Studio aufgenommen. Sie wollten nichts dafür haben und es ist einfach klasse, zwei Generationen irischer Musik auf unserem Album zu vereinen. Es ist ein tolles, cooles Ergebnis und zusätzlich eine große Ehre. Spider ist sowieso ein guter Freund und unterstützt uns hier und da live auf der Bühne, wenn er in der Stadt ist. Zum Eishockeyspiel kam er auch schon mit in Boston.
Stichwort „Baseball” – Die Boston Red Sox haben 2004 und 2007 die Meisterschaft gewonnen und ihr seid praktisch Teil dieser euphorischen Bewegung. Erzähl doch bitte unseren Lesern, was Baseball für euch bedeutet.
Das war unglaublich für uns. Oktober und November 2007 waren zwei sehr anstrengende Monate für uns. Sie hatten uns zu den Spielen eingeladen, dann spielten wir selber auf dem Feld im Fenway Park, wie 2004. Das war eine große Ehre für uns.
In Boston nimmt Baseball einen großen Teil des Lebens ein. Das ist sonst vielleicht noch so bei den Yankees oder den Chicago Cubs, aber in anderen Teilen der USA ist das nicht so. Aber speziell in Boston ist es so wichtig und am ehesten vergleichbar mit den europäischen Fußballclubs. Das Problem ist, dass es in den USA keine Trennung der jeweiligen Fans gibt. Sie packen alle zusammen und wenn du mit einem Boston Shirt in New York in einem Yankees Block landest, kann es sein, dass sie sogar eine Frau mit einem Red Sox Shirt auf die Treppen werfen, obwohl es nicht mal eine Art Baseball Hooligan Szene gibt.
Wie verläuft die Tour bisher?
Exzellent. Das ist das dritte Konzert dieser Tour, vorher haben wir in Köln und in Tilburg (NL) gespielt. Beide Konzerte waren ausverkauft. Bei beiden hatten wir eine wahnsinnige Stimmung und auch heute erwarten wir, dass es ähnlich läuft. Hier hatten wir immer eine tolle Atmosphäre, wie eigentlich überall in Nordeuropa.
Wie habt ihr den Ausstieg von Marc Orrell verkraftet? Wie wurde er ersetzt?
Marc hatte bereits ein Jahr vorher angedeutet, dass er neue Wege gehen möchte und so hatten wir einen sanften Übergang. Er wollte selbst, dass der Übergang fließend verläuft. Tim übernahm die Leadgitarre, das war also nicht das Problem. Schwieriger war es Tim zu ersetzen, weil er all diese Instrumente spielen kann, die nicht jeder spielt, wie Banjo, Mandoline oder Akkordeon. Und dann schlug James Jeff da Rosa vor, den wir seit 1997 kennen. Jeff spielt auch alles, ist sehr talentiert und ist sogar ein guter Freund von uns. Also fragten wir ihn.
Marcs letzte Show mit den Dropkick Murphys war dann die Letterman Show bzw. das Konzert Ende November in Vermont. Danach probten wir eine ordentliche Zeit, bis wir in der Lage waren, 28 Songs live ohne Marc mit Jeff zu spielen.
Wie schafft ihr es, eine komplette Tour, über Monate hinweg, jeden Abend alles zu geben und das auf höchstem Niveau?
Jeder in der Band hat unterschiedliche Angewohnheiten, sich fit zu halten. Manche trinken ein paar Bier um sich dabei zu entspannen, ich als Drummer stretche viel und spiele mich mit meinen Drumsticks ca. 45 Minuten vor unserer Show ein. Wichtig ist aber in der Tat, gutes Essen zu bekommen. Speziell in Deutschland ist das Essen immer sehr gut und abwechslungsreich. Aber auch in Holland und Belgien ist es lecker. In den USA oder England dagegen gibt es eher Chips, Sandwiches, Snacks und so was in der Art. Oder sie kochen gar nicht für uns. Die Gastfreundschaft in Deutschland, Holland und Belgien ist sowieso großartig. Das macht es auch viel leichter auf die Bühne zu gehen und alles zu geben. Im Bezug auf höchstem Niveau – vielen Dank! Der Grund ist einfach, dass man total unzufrieden von der Bühne geht, wenn man das Gefühl hat, nicht alles gegeben zu haben. Man will also automatisch immer den besten Gig aller Zeiten spielen. Und alle Mitglieder der Band haben diese Einstellung. Die Leute zahlen für die Show, haben Erwartungen und es ist deine Verpflichtung, dein Bestes zu geben. Zusätzlich vergewissern wir uns, dass wir nicht an einem Ort die gleichen Songs spielen, wie beim letzten Mal. Wir archivieren also alle Setlists. Auch ändern wir während der Tour die Setlist pro Abend. Nicht das Grundgerüst, aber hier und da ein paar Änderungen sind wichtig, um eben das sicherzustellen. Es ist ja kein Kabarett oder die „DKM Show”.
Was ist der Unterschied bei Konzerten in Europa verglichen mit Konzerten in den USA?
In Europa, speziell Nordeuropa (BENELUX, DE, Skandinavien, UK… Anm. d. Red.) kommen die Leute und haben eine tolle Zeit, lassen sich gehen und es ist ihnen egal, was andere denken, während in den USA alle eher auf sich selbst achten, damit sie sich nicht zum Affen machen. Das ist einer der großen Unterschiede.
Oh und kubanische Zigarren, wenn ich hier welche bekomme, wäre das super. In den USA gibt es keine. Mal sehen, ob sich das ändert, jetzt wo Fidel Castro die Macht abgibt. Oder kubanischer Kaffee, den kriegen wir auch nicht in den USA. Auch das Essen ist, wie ich ja schon sagte immer toll hier. Heute gibt es hier Rouladen, darauf freue ich mich total. Meine Mutter ist aus Bayern und sie kocht gern deutsche Gerichte.
Was hast du gemacht, bevor du bei den DKM eingestiegen bist?
Ich bin jetzt seit 1997 bei den Murphys und vorher war ich Drummer in anderen Bands. Parallel dazu mußte ich Trucks für große Warenhäuser beladen. Ich war kurz davor, in die US Army zu gehen, wer weiß, was aus mir geworden wäre… aber dann bekam ich die Gelegenheit: Mit einer Hardcore-Band spielten wir im Vorprogramm von den DKMs in meiner Stadt. Zu dieser Zeit waren die Dropkicks sogar eine meiner Lieblingsbands, obwohl es sie ja noch nicht lange gab.
Ich lernte Ken über einen gemeinsamen Freund kennen. Ken fragte mich, ob ich Lust hätte mit zu spielen, da ihr Drummer aussteigen wollte. Und kurze Zeit später spielte ich eine dreimonatige Tour bei den DKMs im Vorprogramm der Mighty Bosstones.
Kommen wir zurück zu Boston. Hast du gute Tipps, wohin man gehen kann, wenn man in Boston ist? Was kannst du empfehlen?
Boston ist zunächst mal eine schöne Stadt. Manche sagen, Bostoner sind unfreundlich und kalt, aber das ist nur am Anfang so. Sie sind ehrlich und geben nicht gleich vor, dein bester Freund zu sein. Das kommt dann später und dann sind sie Freunde für’s Leben. Check it out!
T. C.’s Lounge ist eine echte „Locals-Kneipe” mit guter Jukebox, netten Typen, die da rumhängen, nicht zu viele Studenten, also gut. Bleib lieber weg von Studenten in Boston, die meisten können die Sauferei nicht ab. ![]()
Model Cafe ist gut, etwas gehobener, oder Murphys Lounge und The Clock Tavern sind klasse und eigentlich gibt es fast überall gute Bars. Savin Hill, Dorchester sind grundsätzlich gute Gegenden mit vielen Pubs und Bars. Da findet man immer was Nettes.
Super. Vielen Dank für das nette Interview Matt. Ich denke wir haben genug Material zusammen. Ich freu mich schon auf die „DKM Show” später. ![]()
Das Konzert selbst in Hamburg war ein Klassiker. Die Murphys spielten über 90 Minuten und hatten offensichtlich Spaß. Leider fehlte die Basball Hymne „Tessie” in der Setlist, aber jedes Konzert ist eben anders als die anderen.
Es gibt ein paar Mitschnitte auf YouTube in nicht besonders guter Soundqualität (z.B. dieses hier von mir: http://www.youtube.com/watch?v=-BZ1pvec5Dw), aber sehenswert sind sie dennoch.
Nachdem Konzert musste ich mich erst mal in der FC St. Pauli Fankneipe „Jolly Roger” bei ein paar Bier entspannen und was für ein Zufall, eine Stunde später kamen Scruffy, Matt und James durch die Tür. Zitat von Matt: „Hey, good to see you again! Did you enjoy the show?” Um 1.30 ging es für sie mit dem Nightliner weiter nach Göteborg, Schweden. Bis dahin wollten auch sie sich noch bei ein paar Bier entspannen.
Cooler Abend – danke Dropkicks – viel Erfolg für die weitere Tour! Let’s go Murphys!


Februar 2012:
Januar 2012:
Dezember 2011:










